Entzauberte Mythen : Warten ist immer möglich, aber manchmal sinnlos

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Kolumne

Wer erfolgreich sein will, soll Impulsen widerstehen können. Dabei ist diese Fähigkeit mitunter verhängnisvoll.

Sie haben die Wahl: Sie bekommen entweder sofort 100 Euro oder 110 Euro in einem Monat. Vermutlich schaffen Sie es, die vier Wochen für läppische 10 Euro zu warten. Doch wie sieht es aus, wenn Sie 100 Euro jetzt oder 110 Euro in einem Jahr bekämen? Nun greifen die meisten sofort zu, obwohl es rechnerisch natürlich viel sinnvoller wäre, zu warten. Wir tun uns eben schwer damit, unseren Belohnungsdrang für langfristige Entscheidungen zu unterdrücken. Außerdem könnte ja was dazwischenkommen. Wer seine Impulsivität unter Kontrolle hat, gilt aber als rational und erfolgreich – eine Charaktereigenschaft, die sich schon im Kindesalter abzeichnet. Berühmt geworden ist der Marshmallow-Test des amerikanischen Psychologen Walter Mischel von der Stanford-Universität aus den Siebzigerjahren: Er legte vierjährigen Kindern einen süßen Marshmallow vor die Nase und sagte ihnen, dass sie einen zweiten bekämen, wenn sie nur ein paar Minuten warten.

Wenig überraschend: Es fiel den Kleinen unfassbar schwer, dem Drang des Naschens zu widerstehen. Unter Aufbietung aller möglichen Tricks (sich die Augen zuzuhalten oder sich mit Kinderliedern abzulenken) schafften es einige, auf den zweiten Marshmallow zu warten. Spannend wurde es jedoch, als Mischel viele Jahre später untersuchte, was aus den Kindern geworden war. Genau die jungen Erwachsenen, die sich schon als Knirpse gut zurücknehmen konnten, hatten im Schnitt besser bezahlte Berufe und höhere Bildungsabschlüsse. Sich für einen langfristigen Erfolg zurückzunehmen und schwierige Zeiten durchzustehen, zeichnet die Outperformer aus.

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Diese mentale Zurückhaltung wird unter anderem durch einen speziellen Nervenstrang vermittelt, der uns kurzfristig zügelt und spontane Impulse schwächt. Doch diese Nervenverbindung kann auch andere Auswirkungen haben. Denn was man beim Marshmallow-Test meist ignoriert: Man untersuchte eine recht privilegierte Oberschicht, nämlich Kinder von Wissenschaftlern oder Professoren der kalifornischen Elite-Uni Stanford. So behütet aufgewachsen, konnten sich die Kleinen ziemlich sicher sein, dass ein langfristiges Versprechen (wie ein zweiter Marshmallow) auch eingehalten wurde.

In diesen Ländern leben die geduldigsten Menschen

  • Ungeduldige Völker

    Geduld ist im wirtschaftlichen Leben eine wichtige Tugend. Wer nicht abwarten kann, nimmt zum Beispiel leichtfertig Kredite auf, um sich schneller etwas leisten zu können. In einer groß angelegten Studie haben Mei Wang (WHU Vallendar), Marc Oliver Rieger (Universität Trier) und Thorsten Hens (Universität Zürich) die Geduldspräferenzen von 52 Nationen unter die Lupe genommen. Auf dem letzten Platz landet Nigeria. Platz 51 geht an Tansania und Platz 50 an Georgien. Russland belegt Platz 49.

  • Ungeduldige Südeuropäer

    „Ich will das – koste es, was es wolle“: Auch in Europa gibt es Nationen, in der die Befriedigung der eigenen Wünsche vor allem anderen kommt. Italien belegt im Ranking beispielsweise Platz 46, Spanien Rang 44 und Griechenland Platz 43.

  • Platz zehn

    Die Bevölkerung Hongkongs belegt in punkto wirtschaftlicher Geduld Rang zehn.

  • Platz neun

    Natürlich spielt die wirtschaftliche und politische Stabilität eines Landes eine große Rolle: Bei großer Unsicherheit über die Zukunft liegt es nahe, eine sofortige Zahlung zu bevorzugen. Dadurch allein ließen sich die Unterschiede aber nicht erklären. Die USA erreichte nur Platz 24, aber das deutlich weniger wohlhabende Tschechien Platz 9.

  • Platz acht, sieben und sechs

    Auch in Skandinavien ist man eher geduldig und nimmt nicht für jeden Wunsch einen Kredit auf. Dänemark liegt auf Platz acht, Schweden auf Platz sieben und Norwegen auf Platz sechs.

  • Platz fünf

    Unsere Nachbarn im Westen sind ebenfalls geduldig. Platz fünf geht an die Niederlande.

  • Platz vier

    Auch in Finnland heißt es: abwarten, Kotikalja trinken und sparen.

  • Platz drei

    Platz drei geht an Belgien.

  • Platz zwei

    Die Silbermedaille in ökonomischer Geduld bekommt die Schweiz.

  • Platz eins

    Die Geduldigsten sind die Deutschen.

Diesen Luxus hat nicht jeder. Ein Nachfolgeexperiment aus diesem Jahr zeigt: Bei Kindern aus sozial benachteiligten Familien war derselbe Nervenschaltkreis aktiv wie bei Kindern aus der Oberschicht, das Ergebnis war komplett anders. Die sozial schwächeren Kinder griffen weit häufiger zum ersten Marshmallow. Weil sie wissen, dass es in ihrem Umfeld besser ist, schnell zuzugreifen als auszuharren. So führt eine ähnliche neuronale Reaktion wie bei den Stanford-Kindern nicht dazu, dass sie geduldig bleiben, sondern jede sich bietende Gelegenheit nutzen. Vom Tellerwäscher zum Millionär steigt man schließlich kaum auf, wenn man gute Chancen an sich vorbeiziehen lässt.

Fazit: Ob sich ein Belohnungsaufschub lohnt, liegt auch am aktuellen Umfeld. Je unsicherer, desto aktiver sollten Sie selbst sein. Nur ansonsten gilt weiter: Alles kommt zu dem, der warten kann.

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