Expat: Leben in zwei Welten

Expat: Leben in zwei Welten

Bild vergrößern

Tobias Nagel, 30, arbeitet als Designer beim Autokonzern Nissan

Tobias Nagel, 30, arbeitet als Designer beim Autokonzern Nissan. Für die WirtschaftsWoche berichtet er über den Arbeitsalltag in Japan und erklärt, warum Japaner so exzentrisch sind.

Japaner sind tatsächlich anders. Oft sehr erfrischend, zuweilen befremdlich. Ich fühle mich unheimlich wohl in Tokio und in meinem Job, zumal ich mit Leuten zusammenarbeite, die alle ein bisschen exzentrisch sind. In der Designerszene trifft man viele Künstler, die sehr weltoffen und interessiert sind. Es geht sehr leger zu, bis hin zur Kleidung. Allerdings bleibt die Privatsphäre meiner japanischen Mitarbeiter oft hinter dem Deckmantel der Arbeit verborgen. Ein offener, vielleicht sogar kontroverser Gedankenaustausch ist generell schwer. Oft denke ich: Könnt ihr nicht gerade miteinander reden?! Und manchmal sage ich das auch. Ich will und muss mich hier nicht verbiegen. Aber unter Japanern ist eine klar vertretene Meinung nicht angesagt. Die Hierarchien sind wichtig, und es gilt als unschicklich, einem Boss ins Wort zu fallen oder ihn gar zu kritisieren. Auch nach drei Jahren im Job wundere ich mich noch über die Unfähigkeit, Ja oder Nein zu sagen. Das Wunder ist: Trotzdem versteht man sich. Japaner können sich ohne viele Worte absprechen.

Dabei lieben meine Kollegen, wie alle Japaner, Konferenzen. Einem Bereichstreffen folgt ein internes Meeting und dann noch eins, auf dem oft nicht viel und schon gar nichts Neues gesagt wird. Es läuft hier völlig anders ab als in Deutschland, wo die Teilnehmer vorbereitet in eine Konferenz gehen. In Japan herrscht eher eine Kultur der Bestätigung: Man trifft sich, um schweigend dazusitzen, kollektiv über die Dinge nachzudenken oder sich gegenseitig Einverständnis zu signalisieren.

Anzeige

Harmonie ist das höchste Streben in der Firma. Das hat Vorteile: Die Kollegen gehen sehr nett miteinander um, es gibt keine Boshaftigkeiten, und die täglichen Hürden werden meist mit einem sehr kühlen Kopf und mit Vorsicht und Umsicht genommen.

Was ich allerdings gar nicht verstehe: Viele Japaner vergessen das private Leben fast vollständig. Ich kenne junge Frauen, die arbeiten 14 bis 16 Stunden täglich ohne große Anerkennung, Dank oder ohne entsprechende Vergütung. Sie leben nur für ihre Karriere und lassen selbst ihren Geburtstag sausen. Junge Kolleginnen und Kollegen mit einer Superausbildung verdienen nicht mehr als umgerechnet 1200 Euro. Hier in Tokio mit astronomischen Mietpreisen wohnen diese Bekannten meist noch bei den Eltern und ackern für einen Hungerlohn, ohne sich zu beschweren. Wir als Expats können uns in diese Situation nur sehr schwer hineindenken, und Diskussionen darüber enden meist nur in gegenseitigem Unverständnis.

Was ich auch nur schwer verstehe: Es gehört immer noch zur Bürokultur, am Arbeitsplatz zu bleiben, selbst wenn die Aufgaben erledigt sind. Man wartet auf die Kollegen und will dem Boss zeigen, dass man das Beste gibt und nicht an sich denkt. Das grenzt fast schon an Sklaverei. Aber diese Form der völligen Hingebung macht Japaner offensichtlich glücklich und gibt ihnen das Gefühl, zu dem System zu gehören. Arbeit hat das Land groß gemacht. Bis heute ist alles auf den Job fixiert, ist der Beruf für viele die einzige Ehre und wichtiger als das Ausleben von Individualität. Freizeit dagegen beängstigt viele Japaner und verursacht ihnen Schuldgefühle.

Auch die Erwartungen an Hochschulabsolventen sind ganz anders als in westlichen Ländern. In Japan ist nicht wichtig, was du studiert hast, was deine Stärken sind. Hier ist das entscheidende Kriterium, wo du studiert hast. Die richtige Universität bringt die Anerkennung, zumal japanische Unternehmen davon ausgehen, dass ein Anfänger ohnehin alles in der Firma lernt.

Apartment mit Tatami-Matten

Obwohl ich in einem Autokonzern arbeite, besitze ich kein Auto, sondern nur ein Fahrrad. Ein Parkplatz würde mich monatlich 200 Euro kosten. Für diese Summe kann ich zehnmal im Monat ein Taxi nehmen. Und ich kann auch mal Alkohol trinken, was hier am Steuer absolut verboten ist.

Ich lebe sehr einfach in Tokio, in einem typisch japanischen Apartment mit Tatami-Matten, Sitzkissen, einem flachen Tisch und Futon-Schlafmatten, die abends ausgerollt werden. Die spartanische Wohnkultur finde ich faszinierend. Ich brauche keine Möbel, bin total mobil und lebe im Prinzip aus dem Koffer. Trotz der Minimalität von nur 35 Quadratmetern fühle ich mich in meiner Wohnung überhaupt nicht eingeengt. Ich habe meine Küche zur Hälfte zur Dunkelkammer für mein Hobby Fotografie umfunktioniert. Hier sitze ich abends auch gern mit Freunden. Mit der japanischen Küche komme ich bestens klar, ich liebe Sushi, Tofu, die Nudelsuppen, Yakitori-Hühnerspießchen und mag sogar die verrückten Sachen wie die schleimigen, fermentierten Sojabohnen Natto. Durch das japanische Essen und das viele Fahrradfahren fühle ich mich superschlank und superfit.

Das Einzige, was mich an meinem Tokioter Wohnleben stört, ist der mangelnde Kontakt zu den Mitbewohnern. Nachbarschaftliche Beziehungen in einer Stadt wie Tokio sind eine sehr unterkühlte Angelegenheit, was ich sehr schade finde. Dafür darf hier jeder einen Spleen haben. Es ist überhaupt nicht albern, wenn erwachsene Männer infantile Anhänger an ihrem Handy baumeln haben oder Püppchen sammeln. Um aus der Uniformität im Berufsleben auszubrechen, darf sich jeder privat komplett ausspinnen. Japaner können sehr exzentrisch sein, sie leben irgendwie in zwei Welten.

Anzeige
Jobletter:Der exklusive Jobservice für Juristen
Jobletter-Bild

Der WirtschaftsWoche-Jobletter schickt Ihnen wöchentlich alle Stellenangebote zu, die Ihrem Profil entsprechen. Mehr...

STELLENMARKT


Mit dem Jobturbo durchsuchen Sie mehr als 215.000 Stellenanzeigen  in 36 deutschen Stellenbörsen.
Diese Jobs suchen die wiwo-Leser:
1. Ingenieur   6. Bauingenieur
2. Geschäftsführer   7. Marketing
3. Financial Analyst   8. Jurist
4. Controller   9. Volkswirt
5. Steuerberater   10. Designer
My Best Company:Den passenden Arbeitgeber finden

Werden Sie initiativ! Hier finden Sie die Firmen, bei denen Sie sich initiativ bewerben können. Mehr...

Siedler Online
Anno Online
Eine neue Welt: Länder entdecken, Grenzen erweitern, Wirtschaft optimieren.

Testen Sie jetzt Ihr Handelsgeschick in der Welt von Anno Online.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%