Fachkräftemangel: "Warum gibt es keine Ingenieure in Seifenopern?"

Fachkräftemangel: "Warum gibt es keine Ingenieure in Seifenopern?"

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Siegfried Russwurm, Siemens-Personalvorstand

von Oliver Voß

Der deutschen Wirtschaft droht in der nächsten Boomphase ein gravierender Fachkräftemangel. Bis zum Jahr 2014 werden rund 220.000 Ingenieure, Naturwissenschaftler und Techniker fehlen. Das geht aus einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor.

Wenn es bis dahin nicht gelingt, mehr Nachwuchs auszubilden, könnte die Lücke bis 2020 schon auf bis zu 425.000 anwachsen. Bisher war eine Lücke von 230.000 MINT-Fachkräften - also im Bereich Mathematik-Informatik-Naturwissenschaften-Technik - für 2020 prognostiziert worden.

Nun hat das IW jedoch zusätzlich berücksichtigt, dass etwa Maschinenbauer nicht von Biologen ersetzt werden können und zudem nur ein Teil der Fachkräfte bereit ist, für einen neuen Job umzuziehen. Weil in den nächsten Jahren die starken Jahrgänge der Nachkriegszeit in Rente gehen, brauchen nach der IW-Prognose die Unternehmen jährlich fast 37.000 Ingenieure. Ab 2015 steigt der Ersatzbedarf dann auf jährlich 42.000 Ingenieure.

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Auch jetzt suchen trotz der Krise viele Unternehmen Fachkräfte, allein Siemens kann derzeit 1500 Stellen nicht besetzen. Der Personalchef des Unternehmens erklärt, warum und was gegen den Fachkräftemangel getan werden muß.

Herr Russwurm, Siemens kann in Deutschland 1500 Stellen nicht besetzen, im April waren es noch 2000. Haben Sie 500 Ingenieure gefunden oder sind die Stellen der Krise zum Opfer gefallen?

Stellenausschreibungen und Einstellungen sind jeweils ein kontinuierlicher Prozess. Im April hatten wir andere Stellen neu zu besetzen als heute. Wir schieben eine Bugwelle vor uns her. Je nach Recruitingerfolgen ist diese Welle mal höher und mal niedriger.

In welchen Bereichen suchen Sie denn am dringendsten?

Grundsätzlich brauchen wir Ingenieure und Naturwissenschaftler, vor allem für unsere Wachstumsfelder – zum Beispiel Spezialisten im Bereich Energie. Aber wir suchen auch immer Maschinenbauer oder Elektrotechniker.

Wie viele Interessenten pro Stelle lehnen Sie ab, da sie nicht genau passen?

Dafür gibt es keine Kennzahl, das hängt ganz von den Stellen ab. Für manche Stellen wie Thermodynamiker mit Erfahrung über Wärmeübergänge im Salzschmelzen gibt es in Deutschland nur wenige Kandidaten. Es gibt aber natürlich auch Bewerber, denen wichtige Fachkenntnisse fehlen oder bei denen wir den Eindruck haben, es fehlt ihnen zum Beispiel die nötige Teamfähigkeit.

Das Grundproblem ist aber ein volkswirtschaftliches: Jedes Jahr gehen in Deutschland mehr Ingenieure in Pension als neue von den Universitäten nachkommen. Dazu kommt, dass mehr Fachkräfte ins Ausland gehen als zu uns nach Deutschland kommen.

Seit Jahren versuchen Politik und Unternehmen, mehr ausländische Fachkräfte zu gewinnen. Woran hapert es?

Die Bundesregierung hat einen entscheidenden Schritt getan, als die geforderte Einkommensgrenze von 85 000 auf knapp unter 65 000 Euro gesenkt wurde.Vorher konnten wir deswegen nur hochqualifizierte Führungskräfte holen, aber keine „normalen“ Ingenieure.

Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass Deutschland als Arbeitsumfeld attraktiver wird. Viele Fachkräfte aus Indien oder China fühlen sich kulturell in den USA immer noch besser aufgehoben.

Konnten Sie durch die Senkung der Einkommensgrenze denn mehr Ingenieure aus dem Ausland gewinnen?

Wir führen darüber keine Statistik, aber unsere 130 000 Mitarbeiter in Deutschland haben 120 Nationalitäten. Siemens ist in 190 Ländern aktiv, da fällt es uns leichter, Ingenieure verschiedener Herkunft für uns zu gewinnen.

Doch das kann nicht die alleinige Lösung sein. Wir müssen dafür sorgen, dass sich in Deutschland mehr junge Menschen für naturwissenschaftliche und technische Berufe interessieren. Dazu verteilen wir schon in Kindergärten Forscherkisten, gehen in Schulen und kooperieren mit Hochschulen.

Aber wir haben auch ein Effizienzproblem: Die Abbrecherquote im Maschinenbau liegt bei 47 Prozent. Sie muss gesenkt werden.

Und wir müssen gesamtgesellschaftlich mehr tun. Warum gibt es im Fernsehen keine Seifenoper, in der ein Ingenieur eine Rolle spielt? Wir bauen tolle Autos in Deutschland, aber wissen kaum etwas über die Menschen, die diese entwickeln.

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