Florian Illies : "Man kann im Sehen nachvollziehen, wie der Maler im Gehen diese Landschaft erfasste"

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"Man kann im Sehen nachvollziehen, wie der Maler im Gehen diese Landschaft erfasste"

Hat das nicht auch mit einer neobürgerlichen Attitüde zu tun? Mit der Wiederentdeckung des Salons?

Nein, ich glaube, es geht um etwas anderes: Um die Emanzipation von Urteilsrastern, die uns vorgeben wollen, was gute und schlechte Kunst sei. Bei den Jüngeren erlebe ich immer wieder Verblüffung: „Wie? Das ist 200 Jahre alt? Das gefällt mir! Und kostet nur 800 Euro?“ Auch dass man einem Künstler ganz nah kommen kann, etwa beim Blättern in seinem Skizzenbuch, sorgt für überraschte Reaktionen: „So was hab‘ ich ja noch nie gesehen.“ Und dabei spielt der Name des Künstlers oft gar keine so große Rolle. Wichtiger ist das Motiv, die Momentaufnahme.

Und die Erzählung, die persönliche Verbindung zum Künstler, die Intimität? 

Narrative sind sehr wichtig. Ein Skizzenbuch ist so etwas wie die malerische Entsprechung eines Tagebuchs. Und wer es erwirbt, kann sich seinem Schöpfer ganz nahe fühlen. Es geht um die Verbindung über mehrere Generationen hinweg von uns Heutigen zu einem Menschen, der damals etwas Besonderes geschaffen hat. Diese Geschichten funktionieren wie Brücken: Wenn ich weiß, dass der Künstler im Sommer 1823 auf seiner Pferdekutsche durch Palermo fuhr, dass er da im Gasthaus wohnte und Wein trank, dann kommt mir seine Stadtansicht viel näher. Und wenn mir klar wird, dass eine Alpenlandschaft, deren Hauptmotiv, ein prachtvoller, schneebedeckter Gipfel, kaum sichtbar, aus der Perspektive eines Wanderers gemalt ist, dann erscheint mir das plötzlich verblüffend modern. Man kann im Sehen nachvollziehen, wie der Maler im Gehen diese Landschaft erfasste.

Sie betonen immer wieder die Modernität des 19. Jahrhunderts. Ist aber schon auch Verkaufsstrategie, oder?

Nein, das erlebe ich so. Ein wichtiges Qualitätskriterium auch von älterer Kunst scheint mir zu sein, dass sie uns heute noch berührt. Natürlich weiß ich, dass uns vor 20 Jahren etwas anderes berührt hat und in zehn Jahren wieder etwas anderes berühren wird. Es geht, mit anderen Worten, um Verschiebungen des kollektiven Geschmacks, an denen wir als Auktionshaus natürlich Anteil haben. Wir glauben als Kunstliebhaber ja immer, individuell zu urteilen, aber natürlich ist unser Geschmack auch eine soziale Konstruktion, eine zeitabhängige Variable. Vom Kunsthistoriker Max Friedländer gibt es dazu ein wunderbares Wort: Wir sollten immer wissen, sagte er, dass wir mit unseren Geschmacksurteilen wie auf einer Eisscholle treiben. Unmerklich bewegen wir uns auf ihr – und finden plötzlich Dinge schön, von denen wir das nie gedacht hätten.

Zum Beispiel Bilder von Arnold Böcklin oder Franz von Stuck. Die andere, romantisch-symbolistische Moderne gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Ja, die Malerei des Fin de Siècle boomt im Moment. Das ist ein ganz anderes, dekadentes 19. Jahrhundert, da kündigt sich eine Moderne an, um die die Nazis einen großen Bogen gemacht haben. Da wird die Nachtseite der Vernunft entdeckt, die Welt der Triebe und Geschlechterkämpfe, in einer faszinierend verdrehten, dunkel leuchtenden Bildsprache.

Wer kauft das?

Eine Geschmacksavantgarde von Künstlern, Architekten und Galeristen, aus Deutschland, England und den USA.

Geht auch die religiöse Kunst des 19. Jahrhundert, die Kunst der Nazarener?

Für die gibt es in Deutschland leider noch keinen Markt. Die verkaufen wir, wenn überhaupt, für wenig Geld nach – Sie werden es nicht glauben – Kalifornien, nach Beverly Hills und Hollywood. Die Amerikaner haben kein Problem mit der religiösen Inbrunst, die einem da entgegenschlägt. Die sehen die malerische Brillanz und goutieren die filmartige Ästhetik dieser Kunst. Ich rechne damit, dass die Nazarener in zehn Jahren ganz andere Auktionsergebnisse erzielen werden. Wenn dort, wo Apple, Tesla, Google und Twitter sitzen, Nazarener an den Wänden hängen, dann wird das Folgen haben für die Preise.

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