"Führen, Gestalten, Bewegen": Dalai Lama: Exklusiver Vorabdruck

"Führen, Gestalten, Bewegen": Dalai Lama: Exklusiver Vorabdruck

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Der Dalai Lama

Wirtschaft muss menschlicher werden, sagt der Dalai Lama.In seinem ersten Buch über Führung beschreibt er, wie Manager bessere Entscheidungen treffen. Die WirtschaftsWoche veröffentlicht Auszüge des Buchs, das am 2. Mai erscheint, exklusiv vorab. Teil eins der zweiteiligen Serie.

Buddhistische Mönche leben im Allgemeinen fern der Gesellschaft in friedlicher Abgeschiedenheit, wo sie für das Wohl aller Lebewesen und des Planeten beten. Zwar bin auch ich einer dieser Mönche, doch zusätzlich trage ich die Verantwortung für die tibetische Exilregierung. Deshalb treffe ich mit Menschen aus aller Welt zusammen und habe einen anderen Horizont gewonnen. Auf meinen Reisen habe ich die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt, arme wie reiche, von denen jeder seinen Platz in der Welt einnimmt. Viele Menschen haben mir ihr Vertrauen geschenkt und mir von ihrem Leben und ihren Hoffnungen und Ängsten im Hinblick auf die Zukunft erzählt. Auf diese Weise habe ich viel darüber erfahren, was die verschiedensten Menschen im Leben suchen. Im Grunde wünschen sich die meisten Menschen ein gewisses Maß an Glück.

Warum schreibe ich dieses Buch gerade jetzt? Weil ich der Ansicht bin, dass jeder von uns Sorge für das Funktionieren der Weltwirtschaft tragen und Verantwortung übernehmen sollte und dass jeder von uns ein Interesse daran haben sollte, wie Unternehmen unsere vernetzte Welt gestalten. Die Zeiten haben sich verändert, und ich bin der Überzeugung, dass sich die geistlichen Führer aller religiösen Traditionen, die naturgemäß langfristiger denken, in die Diskussionen um die globale Wirtschaft einbringen sollten. Unsere Welt steht vor schwerwiegenden Problemen. Besonders beschäftigt mich die Frage, wie wir die wirtschaftliche Not in armen Ländern lindern können, die Tatsache, dass die Lebenszufriedenheit selbst in reichen Ländern seit den Fünfzigerjahren stagniert, die Umweltzerstörung durch Vernachlässigung, Bevölkerungswachstum und den steigenden Lebensstandard, und schließlich der fehlende Frieden in vielen Teilen der Welt.

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Da der Buddhismus an diese und ähnliche Probleme rational und logisch herangeht, sind seine Antworten für nicht religiöse Menschen oft leichter nachvollziehbar. Auch zu den Fragen der Wirtschaft kann der Buddhismus mit seiner weltlichen Ethik und seinen grundlegenden menschlichen Werten einen wichtigen Teil beitragen. Die buddhistischen Vorstellungen von Wohlstand, Arbeit, Konsum und Glück unterscheiden sich in gewisser Hinsicht von denen des Westens. Für den Buddhismus bedeutet Glück mehr als die Befriedigung materieller und anderer Wünsche – dies ist ein wichtiger Unterschied. Wir finden das Glück nicht in unseren Bedürfnissen oder deren Befriedigung, sondern anderswo. Das Glück entspringt unserer Zufriedenheit, die nicht von dem abhängt, was wir gewinnen oder erreichen. (...)

Niemand kann ohne Freunde und ohne gute Beziehungen zu anderen Menschen glücklich sein. Doch gute Beziehungen beruhen auf Gegenseitigkeit, sie sind unmöglich, wenn es uns nur darum geht, unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Meiner Ansicht nach sind Regierungen und Unternehmen Teil dieser Gleichung, denn sie setzen Menschen zueinander in Beziehung, schaffen Arbeitsplätze und Wohlstand und spielen eine wichtige Rolle in Fragen des Lebensstandards, des Glücks und der Schnittmenge zwischen beiden.

Ich möchte nicht so tun, als wären die Lösungen einfach und lägen auf der Hand. Bei der Arbeit an diesem Buch habe ich gelernt, wie schwer es für Unternehmer sein kann, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn ein Unternehmensführer einen Entschluss fällt, wirkt sich dieser auf sämtliche Mitarbeiter und zahlreiche andere Menschen wie etwa Kunden und Zulieferer aus. International agierende Konzerne stehen vor besonders komplexen Situationen, weshalb die Qualität der Entscheidungen den Ausschlag gibt. Daher benötigen Entscheider nicht nur unternehmerische Kompetenz, sondern auch die richtige Motivation und geistige Verfassung. Unternehmerische Kompetenz ist eine Frage des Talents sowie des Fachwissens und würde den Rahmen dieses Buches sprengen. Doch die Beobachtung und Korrektur der Motivation ist ein wichtiger Aspekt der buddhistischen Schulung und wird in diesem Buch im Detail erörtert ebenso wie die Entwicklung der richtigen geistigen Verfassung.

Die buddhistische Philosophie gründet auf der Erkenntnis, dass das Leiden ein fester Bestandteil des Lebens ist, und auf der Aufforderung Buddhas, dieses Leiden zu lindern. Genau darum geht es auch mir: Leiden zu lindern und die Lebenszufriedenheit zu steigern. [Ich möchte] Führungskräften helfen, besser zu verstehen, was in ihrem Geist und im Geist anderer Menschen vorgeht, vor allem im Zusammenhang mit Fragen der Führung. Ich hoffe, dass Sie auf diese Weise in die Lage versetzt werden, bessere Entscheidungen zu treffen und mehr Lebensqualität zu schaffen, und zwar für sich selbst, für Ihr Unternehmen und für alle Menschen, die von Ihren Entscheidungen betroffen sind.

(...)

Mein eigenes Interesse an Unternehmen und an der Wirtschaft hat über die vergangenen 50 Jahre hinweg eine Entwicklung erfahren. Meine formelle Ausbildung war ausschließlich religiöser und spiritueller Natur. Von frühester Jugend an habe ich buddhistische Philosophie und Psychologie studiert. Durch Begegnungen mit Mitgliedern der Kommunistischen Parteien Tibets und Chinas lernte ich später auch etwas über die verschiedenen Wirtschaftssysteme. Instinktiv neigte ich eher zum Sozialismus, doch ich beobachtete auch, wie die Volkswirtschaften der sozialistischen Länder stagnierten, während die Länder mit freier Marktwirtschaft eine immer größere Dynamik entwickelten. Ich begann, mich besonders für die Fehlentwicklungen der sozialistischen Wirtschaft und die positiven Aspekte der freien Marktwirtschaft zu interessieren. Dennoch bereitet es mir weiterhin Sorge, dass sich in den freien Marktwirtschaften die Kluft zwischen Arm und Reich tendenziell immer weiter vergrößert.

Im Jahr 1990 erhielt ich einen Brief von Laurens van den Muyzenberg (dessen Anmerkungen Teil des Buches sind und im Folgenden in dieser Schrift gedruckt werden; die Redaktion), einem internationalen Managementberater. Er schrieb mir, statt die Gemeinsamkeiten von Kommunismus und Buddhismus zu suchen, wie ich dies zuvor getan hatte, scheine es ihm produktiver, zu überlegen, wie der Kapitalismus verändert werden könne, um unsere kollektiven Interessen zu befriedigen. Mir gefiel dieser Gedanke, und ich lud Laurens zu einem Gespräch ein. Seither haben wir uns regelmäßig getroffen. Im Jahr 1999 machte mir Laurens schließlich einen Vorschlag: Da einerseits immer mehr Unternehmen Interesse an Fragen der guten Unternehmensführung haben und andererseits der Buddhismus zahlreiche theoretische und praktische Hinweise bietet, die für Unternehmensführer nützlich sein könnten, sollte ich einen Beitrag zu diesem Thema leisten. Wir kamen überein, dass Laurens allgemeine unternehmerische Hintergründe darstellen sollte, während ich erläutere, wie sich die buddhistische Lehre auf das jeweilige Gebiet anwenden lässt. Ich bat Laurens um einen ganzheitlichen Ansatz. Mit „ganzheitlich“ meinte ich, er solle jede Fragestellung aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten, nicht nur aus der des westlichen Managementberaters. Meiner Ansicht nach besteht eines der größten Probleme der heutigen Welt darin, dass wir uns angesichts des exponentiellen Anwachsens der Informationsmenge immer weiter spezialisieren und nicht mehr in der Lage sind zu erkennen, inwieweit die verschiedenen Vorschläge zur Verbesserung der Gesellschaft ineinandergreifen.

Für dieses Buch habe ich Themen ausgewählt, die mir wichtig erscheinen, und Laurens hat sie vor seinem eigenen Erfahrungshintergrund in Gesprächen mit Kollegen und in Recherchen weiterverfolgt. Trotz unserer Bemühungen behaupten wir nicht, alle Antworten gefunden zu haben. Außerdem haben wir bei der Arbeit an diesem Buch darauf geachtet, die buddhistische Lehre so darzustellen, dass sie Führungskräften der Wirtschaft zugänglich ist.

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Die Aufgaben der Führung

Ich bin das Oberhaupt der tibetischen Exilregierung, und Tibeter in aller Welt empfangen mich mit großer Herzlichkeit. Eine meiner wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, den Tibetern Vertrauen in die Zukunft zu geben. Ich bin überrascht, wie stark dieses Vertrauen ist. Auch wenn viele Tibeter im Exil in Armut leben, sind sie ein treues und fröhliches Volk geblieben.

Führungspersönlichkeiten, die Vertrauen erwecken, müssen sorgfältig darauf achten, dass sie auch das richtige Vertrauen wachrufen. Sie sollten ehrlich sein und keinen blinden Glauben verlangen. In der buddhistischen Tradition halten wir es für unabdingbar, dass Vertrauen mit Weisheit einhergeht. Weisheit bedeutet in diesem Fall rechte Anschauung, das heißt, dass wir die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind, und die Prinzipien der Vergänglichkeit, der gegenseitigen Abhängigkeit und des bedingten Entstehens erfassen. Vertrauen braucht Unterstützung, und diese Unterstützung kommt aus der Weisheit.

Weise Führungspersönlichkeiten untersuchen Ursache und Konsequenzen eines bestimmten Ziels oder Ereignisses und erforschen, ob es richtig, angemessen, wahr oder falsch ist. Vertrauen allein führt leicht zu Täuschungen und Fehlurteilen und ist oft durch Emotionen beeinflussbar. Ohne Weisheit glauben wir, was andere uns sagen, egal, ob es richtig oder falsch ist. Vertrauen gibt uns die Kraft, zu handeln und sogar Böses zu tun. Ist das Vertrauen so groß, ermahne ich Menschen, es mithilfe der Weisheit zu kontrollieren und das Gleichgewicht zu halten. Andererseits nützt auch Weisheit ohne Vertrauen wenig, da ihr die nötige Tatkraft fehlt. Weisheit unterstützt Vertrauen, indem sie eine Richtung vorgibt und beharrlich an ihr festhält. Die beiden wirken partnerschaftlich zusammen, um ein Ziel zu erreichen. Doch letztlich ist Vertrauen die Sache jedes Einzelnen.

(...)

Wenn wir Menschen nach dem Sinn und Zweck ihres Lebens fragen, dann haben nur wenige eine Antwort, auch wenn sie sich einen solchen Sinn wünschen würden. Meine Antwort auf diese Frage ist einfach: Der Sinn des Lebens besteht darin, glücklich zu sein. Ein gemeinsames Leitziel – ein gemeinsamer Wunsch nach Glück – ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich mit einer Organisation identifizieren. Wenn sie nach dem Antritt einer Stelle erkennen, dass das Unternehmen kein klares Leitbild hat, sind sie enttäuscht und demotiviert, und die Aussicht auf Glück schwindet. Sind sich Mitarbeiter dagegen im Klaren über das Leitbild, das von einer starken Führung kommuniziert wird, dann trägt der Eintritt in das Unternehmen zu ihrem Glück bei.

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Einige der Werte, die in ethischen Leitbildern von Unternehmen zum Ausdruck kommen — wie zum Beispiel im Folgenden —, sind Beispiele für das rechte Handeln im Sinne des Buddhismus:

- Wir erwarten, dass unsere Mitarbeiter nach den Grundsätzen der Ehrlichkeit, Integrität und Fairness handeln.

- Wir wollen durch verantwortungsvolles Handeln für Gesellschaft und Umwelt dazu beizutragen, dass alle Menschen ein besseres Leben führen können.

- Wir nehmen unsere gesellschaftliche Verantwortung ernst und investieren unter effizientem Einsatz unserer Mittel in soziale Einrichtungen.

- Wir verpflichten uns zu nachhaltigen Geschäftspraktiken und Umweltschutz.

- Unsere Kunden haben uns ihr Vertrauen geschenkt. Im Gegenzug müssen wir uns bemühen, ihre Bedürfnisse zu verstehen und ihnen mit unseren Dienstleistungen entgegenzukommen.

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