Führungs-Spitzen: Das Recht auf eine zweite Chance

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands

Kolumne

Gelegentlich lernt ja doch jemand etwas aus der Finanzkrise. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zum Beispiel. Die von ihr vorgelegte Reform des Insolvenzrechts zielt nun auf die Sanierung überlebensfähiger Unternehmen. Jetzt fehlt nur noch der nötige Mentalitätswechsel im Lande, damit Insolvenzen nicht mehr bloß als Pleite gesehen werden, sondern auch als Trainingsprogramm für künftige Erfolge.

Als Thomas Watson noch als CEO von IBM diente, kam einer seiner Vice-Presidents in sein Büro geschlichen und gestand, dass aus einer seiner Geschäftsideen ein Verlust von zehn Millionen Dollar resultiere. Außerdem legte er seine Kündigung auf den Tisch. „Wieso das denn?“ fragte Watson. „Sie können jetzt nicht kündigen. Nicht, nachdem ich zehn Millionen Dollar in Ihre Ausbildung investierte habe!“

Heute will das bei Apple kaum noch einer wahrhaben, aber auch der viel gepriesene Steve Jobs wurde 1984 nach einem verlorenen Machtkampf mit dem Board of Directors aus dem von ihm gegründeten Unternehmen gedrängt. Er gründete mit NeXT eine andere Computerschmiede, die 1996 von Apple übernommen wurde - damit war Jobs wieder da und der Rest ist Geschichte. Doch vermutlich geht die zutiefst amerikanische Vorstellung, dass einer durch Niederlagen mehr lernt als durch Erfolge, schon auf Abraham Lincoln zurück. Der legte 1831 und 1834 je einen geschäftlichen Konkurs hin und verlor zahllose Kongress- und Senatswahlen, bis er 1860 zum Präsidenten gewählt wurde.

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Wäre alles das in Deutschland geschehen, hätte es vermutlich keine zweite Chance gegeben, nicht für Lincoln und für Jobs schon gar nicht. Wir betrachten Fehler und Versagen traditionell als Todeskuss und nicht als Möglichkeit zu lernen. Leider ist das mehr als ein kulturphilosophisches Problem, denn in diesem Klima stellen sich deutsche Unternehmer oder auch angestellte Manager viel zu spät den Realitäten. Aus Furcht vor Kontrollverlust (und dem Stigma!) zögern sie, die Sanierung einzuleiten, solange noch Masse in der Kasse ist. Denn wenn die Zahlungsunfähigkeit eintritt, ist häufig schon alles verloren.

Kultur des Scheiterns

Nun kommt ein Gesetzentwurf zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) aus Berlin, gedacht als zweite Chance für die Unternehmer. Künftig dürfen sie unter einen dreimonatigen Rettungsschirm schlüpfen, der sie vor dem Zugriff der Gläubiger schützen soll. In dieser Zeit sind sie verpflichtet, mit einem selbst gewählten Berater ein Sanierungskonzept zu erstellen. Außerdem können künftig auch Forderungen von Gläubigern in Gesellschaftsanteile umgewandelt werden. Damit verlagert sich der Kern des Rechts hin zur Krisenbewältigung unter Beteiligung der Eigentümer. Diese Stärkung der Eigenverwaltung der Unternehmensführung kann entscheidend sein für den Erfolg einer Sanierung.

Das bedeutet nicht, dass der Staat nun nachlässig mit anderer Leute Geld umgehen würde, die Befriedigung der Gläubiger bleibt weiter das eigentliche Anliegen des Rechts – aber dem Unternehmer wird nicht mehr sofort komplett das Zepter aus der Hand genommen. Vielmehr bekommt er eine Chance, das Ruder noch einmal herum zu reißen. Nun liegt es an den deutschen Unternehmern zu zeigen, dass sie dazu auch den Mumm haben.

Pleiten, Pech und Pannen

Leider lässt sich eine Kultur des Scheiterns, die auf einen zweiten Start zielt und nicht auf den Kopf des vermeintlich Schuldigen, nicht per Gesetz verordnen. Doch es ist gut, dass mit dem neuen Recht jetzt bewusst gemacht wird, dass bei Insolvenzen grundsätzlich  Werte und Arbeitsplätze vernichtet werden und dass es oft intelligenter ist, das zu verhindern. Schließlich stellt auch nicht jede Pleite unternehmerisches Versagen dar, was zuletzt die jüngste Wirtschaftskrise deutlich machte. Viele Dramen gehen schließlich auch auf das Konto der Banken.

In der Konzernwelt beobachte ich daher schon lange, dass sich wirklich erfahrene Aufsichtsratschefs in Einstellungsgesprächen kaum auf die Schilderung der bekannten Heldentaten eines Bewerbers einlassen – ohne die wäre das Gespräch schließlich gar nicht erst zustande gekommen. Vielmehr wollen sie über Pleiten, Pech und Pannen im Lebenslauf der Leute reden und die Lösungsansätze und Lernerfolge dazu hören. Das hilft ihnen nämlich viel eher zu verstehen, aus welchem Holz einer geschnitzt ist. 

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