Generation brav: Zu viel Harmonie, zu wenig Persönlichkeiten

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Generation brav: Zu viel Harmonie, zu wenig Persönlichkeiten

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Die Jugend von heute? Die "Turbostudenten" Robert Grünwald, Marcel Kopper und Marcel Pohl brauchten nur vier Semester bis zum Master - und haben darüber ein Buch geschrieben.

24 Jahre alt, abgeschlossenes Studium, mehrere Jahre Auslandserfahrung, Praktika bei namenhaften Unternehmen und dabei ja nicht den "Roten Faden" verlieren - dann wird das was mit der Karriere. Was sich anhört wie die Predigt von Helikoptereltern, predigt sich die Jugend untereinander bereits selbst. Was sie dabei vergisst: ihr Leben!

„Diese Jugend ist verdorben, gottlos und faul. Mit ihr wird es nicht gelingen, unsere Kultur zu erhalten“, steht angeblich schon auf einem alten babylonischen Tonziegel. "Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten", beschwerte sich Sokrates. Über die Jahrtausende hinweg ist immer wieder das gleiche Phänomen festzustellen: Die Alten schimpfen über die verkommene Jugend. Eltern waren zu allen Zeiten entsetzt über ihre Kinder, die zwar erwachsen wurden, aber nicht so, wie sie sich es vorgestellt hätten. Und die Jungen schimpften über die Alten. „Trau keinem über 30!“, hieß es vor dreißig Jahren. Generationskonflikte waren eine Konstante der Weltgeschichte. Doch damit scheint es heute vorbei zu sein. Mittlerweile fehlen die entscheidenden Voraussetzungen für  die Auseinandersetzung zwischen Jung und Alt: eine aufmüpfige, streitlustige Jugend und die Elterngeneration, die ihr Paroli bietet.

In der großen Zeit des nachkriegsdeutschen Generationenkonflikts, den späten 60er und frühen 70er Jahren, regten sich fleißige Eltern über nichts so auf wie über die „Gammler“. Das waren junge Menschen, die einfach mit Freunden herumlungerten und nichts BIP-wirksames produzierten. Die moderne Version des Eichendorffschen "Taugenichts", der lieber mit der Geige herumzieht als Müller zu werden - wie sein Vater. Heute lungern Jugendliche weniger mit ihren Freunden herum denn je. Eine Studie des SOEP Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegt, dass sich nur noch 25 Prozent (Stand 2012) der besten Freunde zwischen 16- bis 17-Jahren täglich in ihrer freien Zeit sehen. 2001 waren es noch 40 Prozent.

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Liegt es an der Schule, die der Jugend immer weniger Zeit für Freundschaften lässt?  Das ist allenfalls eine Teilerklärung, denn auch ihre Freizeit verbringen Jugendliche heute mehr und mehr „bildungsorientiert“, wie eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigt. Und das geht, so zeigen die Daten der Studie, auf Kosten der Zeit für Freunde. Herumstromern wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn, das gibt es nicht mehr.

24 Jahre alt, abgeschlossenes Studium, mehrere Jahre Auslandserfahrung, Praktika bei namhaften Unternehmen und dabei ja nicht den "Roten Faden" verlieren - dann wird das was mit der Karriere. Solch ein Lebensmuster entspricht längst nicht nur der Wunschvorstellung von sogenannten Helikoptereltern. Die meisten Jugendlichen predigen sich solche Zielvorgaben untereinander bereits selbst. Die "Turbostudenten" Robert Grünwald, Marcel Kopper und Marcel Pohl, die in vier Semestern zum Master-Abschluss sprinteten, machten vor, wie es geht - und haben dann sogar noch schnell ein Buch drüber geschrieben. Ihr Ziel war, schreiben sie, "das Studium selbst als unternehmerische Profilbildung".

Ist doch schön, wenn die Kinder immer (aus)bildungsgeiler werden, sagen Bildungsökonomen. Die wollen eben was aus sich machen und haben schon in jungen Jahren die Prinzipien der Wettbewerbsgesellschaft verinnerlicht - ganz zur Freude ihrer besorgten Eltern. Lauter potentielle Hochbegabte wachsen da heran, die wie Josef Kraus in seinem aktuellen Buch beschreibt, von ihren Eltern auf dem Erfolgstrip gecoacht werden. „Generation EGO“ nennt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmeier diese Vorzeigekinder der durch und durch ökonomisierten Gesellschaft, in der die Alten den Jungen "die Ideale abgewöhnt haben". 

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Man kann den großen Friedensschluss der Jungen und Alten natürlich gut finden. Wenn man sich eine Generation junger Menschen herbeiwünscht, die die freien Stunden ihrer wertvollsten Jahre mit arbeitsmarktrelevanten oder zumindest Sozialprestige verheißenden „bildungsorientierten“ Aktivitäten verbringt, und sich nicht mit den jenseits des Ausbildungsweges wartenden Abenteuern aufhält. Wenn man sich eine Generation wünscht, die „Sozialkompetenz“ in Kursen an der Universität – zum Beispiel im neuen Trainingszentrum der TU München – lernt.  Eine Generation, die vor lauter Harmonie mit den Eltern nicht mehr weiß, wie man widerspricht und eine eigene Vorstellung vom richtigen Leben entwirft. Eine Generation, die die Wünsche ihrer Eltern und des Arbeitsmarktes so sehr verinnerlicht, dass der uralte Generationenkonflikt, der mit seiner schöpferischen Dialektik die Gesellschaft immer wieder erneuert hat, sich in lebloser Harmonie auflöst.

Die allzu strebsame Generation Y der braven Söhne und Töchter erinnert an Tom Sawyers Halbbruder Sid. Der macht alles, was seine Tante Polly verlangt, und gewinnt gerade darum nicht die Charakterstärke und Liebenswürdigkeit des aufmüpfigen Tom. Der macht seiner Tante viele Sorgen - aber in ihm steckt auch viel Leben.

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