Genuss ohne schlechtes Gewissen: Esst, was auf den Tisch kommt!

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Genuss ohne schlechtes Gewissen: Esst, was auf den Tisch kommt!

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Eine Frau genießt Spaghetti: Essen ist viel mehr als die reine Kalorienzufuhr.

von Thorsten Firlus-Emmrich

Unser Essen ist ein Spiegel unserer Persönlichkeit. Wir instrumentalisieren es inzwischen als Bekenntnis, Visitenkarte und Statussymbol. Ein Plädoyer dafür, dass gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Die Einladung zur Hochzeit ist auf transparentem Papier gedruckt und enthält Datum, Ort, Uhrzeit und Dresscode. Neben Zu- oder Absage bittet der Gastgeber noch um die Angabe von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Das Menü sei, angesichts der zahlreich geladenen Vegetarier, frei von Fisch und Fleisch.

Zurückhaltung, Vorsicht und politische Korrektheit sind die Würzmittel einer Feier, deren Atmosphäre Einschränkung, Verzicht und Vernunft atmet. So sehr, dass sich der Normalesser fast sehnt, stattdessen zu einem selbstmörderischen Gelage eingeladen zu sein, wie es in Marco Ferreris Film „Das große Fressen“ ausgemalt wird.

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Wer isst was? - Vegetarismus

  • Lacto-Vegetarier

    Neben pflanzlichen Produkten ergänzen sie den Speiseplan durch Milchprodukte.

  • Ovo-Vegetarier

    Zusätzlich zu pflanzlichen Produkten verzehren sie auch Eier.

  • Ovo-lacto-Vegetarier

    Milch und Eier sind ebenfalls erlaubt.

  • Pescetarier

    Ihre Devise heißt: Keine toten Tiere, solange es keine Fische sind - die werden verzehrt.

  • Pudding-Vegetarier

    Fleisch und Fisch werden gemieden, die Ernährung besteht größtenteils aus Fertiggerichten und diversen Süßigkeiten.

  • Frutarier

    Zusätzlich zum Verzicht auf Fleisch und Fisch verzehren Frutarier lediglich pflanzliche Produkte, deren Konsum der Pflanze nicht schadet (ein Apfel, der von selbst vom Baum fällt, darf verzehrt werden, eine Karotte hingegen nicht).

  • Strenge Vegetarier

    Alle Produkte tierischen Ursprungs werden gemieden. Diese Art von Vegetarismus grenzt an den Veganismus, jedoch wird hier nur auf die Ernährung geachtet, Mäntel oder Schuhe aus Leder werden getragen.

  • Flexitarier

    Viele Menschen verzichten bewusst gelegentlich auf Fleisch, sie heißen auch "Teilzeitvegetarier".

Essen, wie es der Mensch sich wünscht, nicht, wie es ihm angeboten wird – das hat sich zu einem Erfolgsrezept entwickelt, mit dem bereits Kindergärten konfrontiert werden: Viele Eltern sind nicht mehr mit der Gemeinschaftsverpflegung einverstanden und fordern, die Betreuer mögen den Kindern das eigens mitgebrachte Essen servieren.

Warum wir mögen, was wir essen

Das Gemeinschaftsmahl im Kreis der Familie oder mit dem berufstätigen Partner, bei dem alle Tischgenossen das Gleiche essen, ist auf dem Rückzug. Unsere Ernährungsgewohnheiten werden in der Kindheit geprägt, sagt der Soziologe Simon Reitmeier. Was wir als Kinder nach der Schule zu Mittag auf den Tisch bekamen, verbinden wir im Rückblick mit Wärme, Nähe und Zuneigung.

Im Erwachsenenalter lösen diese Gerichte, so Reitmeier in seiner Studie „Warum wir mögen, was wir essen“, im besten Fall genau diese Emotionen aus: Ein Kartoffelpuffer, der riecht, wie in der Küche der Kindheit, gibt uns das Gefühl von Sicherheit – mehr als jede Abschaltautomatik im Herd.

Wer isst was? - Veganismus

  • Bio-Veganer

    Sie kaufen nur dort ein, wo parallel keine Tiere gehalten werden, der Bauernhof muss ohne Tierhaltung auskommen.

  • Frugane Ernährung

    Sie essen Früchte von solchen Pflanzen, deren Verzicht nicht die Zerstörung der Pflanze bedeutet.

  • Vegane Rohkost

    Um die Vitamine der Nahrung zu erhalten, werden die Lebensmittel nicht oder kaum mit Hitze behandelt.

  • Freeganismus

    Beim sogenannten "Containern" werden Lebensmittel aus Containern verzehrt, um damit die Lebensmittelverschwendung zu verringern, es wird jedoch nicht immer streng auf die vegane Lebensweise geachtet.

  • Strenge Veganer

    Nicht nur die Ernährung ist vegan, tabu sind zudem Leder, Wolle, Daunen und bestimmte Kosmetika. Ebenso verboten: Zoobesuche oder Haustierhaltung. Auch Zirkusveranstaltungen, bei denen Tiere auftreten, werden gemieden. Eine Welt ohne Jagd und Tierversuche stellt das Ideal dar.

Immer häufiger jedoch sind wir bereit, diese Emotionen einzutauschen gegen ein noch besseres Gefühl: die Überzeugung, mit unserem Essen etwas Richtiges zu tun. Jahrtausendelang, so der Historiker Gunther Hirschfelder von der Universität Regensburg, spielte das keine Rolle.

Von der Notwendigkeit, etwas zu sich zu nehmen in prähistorischen Zeiten, über den späteren Glauben Ägyptens, dass Mangel göttliche Bestrafung und Überfluss Belohnung sei, entwickelten sich in der Antike Vorstellungen von gesunder Ernährung: Die Idee, mit ausgewähltem Essen das Leben zu verlängern, hatten schon die griechischen Gelehrten Herodot und Hippokrates.

Erst die Moral, dann das Essen

Während die Römer den Genuss feierten, prägte das Mittelalter, so Hirschfelder, die Idee, dass gottgefälliges Leben mit Fasten und fleischlosen Tagen einhergehe. Wir verdanken es Luther, so der Soziologe, dass bis heute Genuss mit schlechtem Gewissen verbunden wird: Er brach mit den Fastengeboten, aber nur, um uns dafür die Idee des moralischen Lebens in Eigenverantwortung einzupflanzen.

Inzwischen kehren wir einen lange Zeit geltenden Spruch um. „Du isst, was du bist“, heißt das Credo unserer Gesellschaft. Wir hadern mit der Nahrungsmittelindustrie und den Produzenten, wir versuchen ein Leben zu führen, das möglichst keine schädlichen Spuren hinterlässt, so wie vor gut 2,5 Millionen Jahren, als unsere Vorfahren von Früchten und Blättern lebten.

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