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Gesundheit: Doping im Büro: Was Leistungsdruck anrichtet

von Jens Tönnesmann

Konkurrenzdenken, Deadlines und Leistungsdruck stressen Banker und Broker, Manager und Macher. Um im Wettbewerb mithalten zu können, greifen sie zunehmend zu wirksamen aber gefährlichen Tabletten und Drogen.

Amphetamine erregen das zentrale Nervensystem und setzen im Gehirn die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin frei.
Amphetamine erregen das zentrale Nervensystem und setzen im Gehirn die Botenstoffe Dopamin und Noradrenalin frei.

Am Anfang wirkten die kleinen runden Pillen wie Wundermittel – am Ende ruinierten sie fast das Leben von Jessica Schneider (Name von der Redaktion geändert). Mithilfe der Tabletten konnte die Lektorin wochenlang die Nacht zum Tag machen: Bis vier Uhr morgens saß sie am Schreibtisch und wälzte Manuskripte. Drei Stunden Schlaf und eine frische Dosis Pillen genügten, und sie war fit für den nächsten Tag. Und die nächste Nacht. Karriere, Familie, Haushalt: Was andere in 16 Stunden hinbekommen müssen, dafür hatte sie auf einmal 21 Stunden Zeit. Wenn sie die Tabletten genommen hatte, schien alles machbar, kein Auftrag zu schwierig, kein Problem zu groß.

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Nur ihre Freunde wunderten sich: So aggressiv kannten sie Jessy gar nicht. Über Kleinigkeiten regte sie sich auf, manchmal wirkte sie regelrecht desorientiert, verwirrt. Als ihr Partner leere Schachteln entdeckte und im Computer Hinweise auf eine Internet-Apotheke fand, stellte er sie zur Rede: Entweder die Tabletten – oder ich. Das war der Tag, an dem Jessica Schneider zum ersten Mal eine Klinik aufsuchte.

Das Mittel, von dem Jessica Schneider nicht lassen konnte, heißt Ritalin. Das Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat wurde in den vergangenen Jahren immer häufiger Kindern verschrieben, die an der Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. Nehmen sie das Mittel, können sie sich besser konzentrieren. Aber auch gesunde Erwachsene können damit mehr leisten und Nächte durcharbeiten.

Entsprechend wächst die Nachfrage nach den Pillen. Die Pharmakonzerne verbuchen steigende Umsätze, allein Johnson & Johnson haben Präparate mit Methyl‧phenidat 2007 erstmals über eine Milliarde Dollar in die Kasse gespült. In Deutschland hat sich die Zahl der verschriebenen Tagesdosen seit 1998 auf 46 Millionen fast verzehnfacht. Nicht eingerechnet jene Pillen, die unter der Hand gehandelt oder per Internet in Übersee bestellt werden.

Methylphenidat ist nur ein Treibstoff, mit dem man im Büro durchpowern kann. Auch Modafinil-Präparate wie Provigil werden immer beliebter. Die sind zwar eigentlich für Menschen gedacht, die an der Schlafstörung Narkolepsie leiden. Aber auch sie machen Gesunde munterer, konzentrierter, leistungsfähiger.

Doping für Manager. Das lohnt sich. Wer sich im permanenten Wettbewerb um höher bezahlte Jobs am Giftschrank der Medikamente bedient, kann hoffen, die ungedopte Konkurrenz hinter sich zu lassen und mit dem Arbeitsalltag fertig zu werden.

Denn Stress und Druck am Arbeitsplatz sind mit normalen Mitteln kaum noch zu bewältigen. Schon heute spüren fast zwei Drittel der Deutschen Zeitdruck im Job; drei von vier fühlen sich überbelastet. Jeder Dritte klagt über häufige Kopfschmerzen, jeder Vierte schläft schlecht. Zehn Prozent glauben sogar, wegen des hohen Stresspegels irgendwann umzukippen. Dazu passt, dass die Zahl der bezahlten Überstunden in diesem Jahr auf rund 1,9 Milliarden ansteigen dürfte – den höchsten Stand seit 1995.

Aber selbst wenn viele schon auf dem Zahnfleisch gehen: Es könnte noch schlimmer kommen. Therapeuten berichten, dass die Finanzkrise immer mehr erschöpfte Patienten aus Banken und Versicherungen in ihre Praxen treibt. Gleichzeitig macht die drohende Rezession allen Beschäftigten Angst. Um beim Stellenabbau nicht als Erste auf die Abschussliste zu geraten, legen viele Extraschichten ein.

Vielen Führungskräften geht es deswegen wie den Radprofis bei der Tour de France auf ihrem steilen Weg zum Col du Tourmalet: Um nicht den Anschluss an die Spitze zu verlieren, müssen sie Gas geben – im Zweifel eben mit „smart pills“ im Tank. Oder wie wär’s gleich mit einer Dosis der „Radfahrerdroge“ Epo? Das Hormon kurbelt die Blutbildung an und stärkt so nicht nur die Ausdauer, sondern erhöht auch die Gedächtnisleistung, haben Neurowissenschaftler jüngst herausgefunden.

17 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 13.11.2008, 16:53 UhrAnonymer Benutzer: R. Fischer

    Nach hunderten von Jahren Forschung auf dem Gebiet des menschlichen Verstandes müssen sich die Geisteswissenschaften (Psychologie und Psychiatrie) und auch die Pharmakonzerne gefallen lassen, dass man ihnen nachsagt, dass sie eigentlich nichts erreicht haben. Chemische Stoffe sollen den Streß, den Druck in den Griff bekommen. Es sieht so aus, dass weder die Chemie, noch die psychologischen Gespräche Resultate erzielen. ist das nicht interessant. Trotz aller investierten Forschungsgelder verschlechtert sich die Szene weiter. Man scheint sich auf dem Holzweg weiter nach vorne zu arbeiten. Schade nur um die die guten, eigentlich motivierten Führungskräfte.

  • 10.11.2008, 14:52 UhrAnonymer Benutzer: inkognito

    Die Verfasser der letzen kommentare scheinen den Artikel missverstanden zu haben: Ziel ist nicht, die (Neben-)Wirkungen von Antidepressiva oder Kokain zu erlaeutern – das tun die beipackzettel bzw Eure Drogenberatungsstelle.
    Es geht auch nicht darum, Werbekampagnen der Pharmaindustrie zu kritisieren, die damit werben dass man mit bestimmten Produkten drei Naechte Durcharbeiten koennte und 70% productiver sei – anbei, solche Kampagnen habe ich auch noch nicht gesehen, wo habt ihr denn so einen Unsinn her?

    Fakten sind: A) Die Produkte der Pharmaindustrie retten taeglich tausende Menschenleben , sie haben geholfen, unsere Lebensqualitaet entscheidend zu verbessern, unzaehlige Krankheiten zu besiegen und die dramatisch gestiegene Lebenserwartung ist ueberwiegend ihr Verdienst.
    b) in einer kompetitiven Gesellschaft wird es immer Menschen geben die auf Kosten der eigenen Gesundheit versuchen werden ueber ihre eigenen Grenzen zu gehen – sei es bei der Arbeit oder im Sport, sei es durch illegale Methoden oder legale (uebermaessiger Kaffeegenuss der zu Magenkrebs fuehrt?)…

    Mit “pillen” per se hat das sicherlich nichts zu tun. Der Kern des Artikels ist allerdings, dass das “Doping am Arbeitsplatz” mit Arzneimitteln und Drogen wie Kokain zugenommen hat. Zum einen sicherlich durch verschaerfte Konkurrenz und Angst vor Arbeitsplatzverlust (Globalisierung, Wirtschaftskrise), aber auch dadurch dass der Zugang zu Medikamenten ueber das internet heute vergleichsweise einfach ist, und noch wichtiger: anonym.

    Prima, wenn mehr Menschen mit seelischen Problemen und Leistungsdruck, statt “nach EbAY” zu einem Arzt oder Psychiater gingen, um sich fachkundig behandeln zu lassen, zumal dann auch ihr Medikamentenkonsum kontrolliert waere. Leider ist wohl die Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung zu gross falls Freunde, Familie oder – himmel bewahre – Kollegen und Chef den Psychiaterbesuch mitbekommen. ich wuerde es selber auch nicht riskieren…

  • 06.11.2008, 09:56 UhrAnonymer Benutzer: pbh

    Tönt ja super. Ein Pillchen fürs Aufstehen, ein Pillchen fürs Schalfengehen, ein Pillchen für dies und ein Pillchen für das. Ausgewogenheit und Harmonie mit sich, der Umwelt und den Anderen scheint so nicht mer nötig zu sein. bis wann? bis man aufwacht und sieht, dass das Leben an einem vorbei gepillt ist. bedauernswert!

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