Internet: Estland lebt die Zukunft vor

Internet: Estland lebt die Zukunft vor

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Online über den Dächern von Tallinn

von Florian Willershausen

Führerscheinprüfung im Web, Medikamente aus der elektronischen Apotheke, bezahlen mit dem Ausweis: Die Esten organisieren Privates und Beruf fast nur per Internet. Ihre E-Kultur könnte Vorbild für Europa werden.

Die Ratsapotheke am Marktplatz von Tallinn zählt zum Repertoire jedes Reiseführers, ein Muss für Touristen. Sie gilt als älteste Apotheke Europas – und ist eine der modernsten. Hier reichen Kunden nicht von Arzthand unleserlich gekritzelte Rezepte über die Ladentheke, sondern stecken ihre persönliche ID-Karte in ein Lesegerät. Sofort verrät der Zentralcomputer dem Apotheker, welches Präparat der Arzt dem Patienten verschrieben hat und wie er es dosieren soll. Daten, die der Arzt zuvor in seinen Praxiscomputer eingegeben hat, die auf einem Zentralrechner hinterlegt und über die ID-Karte abgefragt werden.

Die elektronische Apotheke ist der jüngste Coup aus „E-Estonia“, wie die Esten ihre Heimat heute gern nennen. Jeder der 1,3 Millionen Bürger dieses kleinen Landes zwischen Lettland, Russland und Ostsee, besitzt eine sogenannte ID-Karte – ein Ausweis in Form einer Plastikkarte, ausgestattet mit einem Mikrochip. Die Karte dient der Identifizierung bei Polizei und Behörden, wird aber auch für Wahlgänge, Banküberweisungen oder beim Arztbesuch und in der Apotheke genutzt. Das Kärtchen im Scheckkartenformat speichert die wichtigsten persönlichen Daten, ist für die Esten längst das wichtigste Alltagsutensil – innerhalb der EU gilt es auch als offizielles Reisedokument.

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Estland lebt die Zukunft vor

Auf den ersten Blick ist Tallinn ein pittoreskes Freilichtmuseum. Heerscharen von Touristen schieben sich täglich durch die Altstadt, vorbei am Kanonenturm „Dicke Margarethe“ hinauf zu den imposanten Kirchen und Palästen. Doch der Blick hinter die Kulissen zeigt: In Estland, dem kleinsten und nördlichsten Land des Baltikums, kann man schon heute hautnah erleben, wie der Alltag in Europa in 10 bis 20 Jahren aussehen wird.

Denn Estland lebt die Zukunft vor. Eine Zukunft, in der die Gesellschaft immer online ist, in der Privatleben und Beruf ausschließlich per Handy, Laptop und ID-Karte organisiert werden. Während in Deutschland etwa jeder Zweite über einen Zugang zum Internet verfügt, ist in Estland jeder online: Hausfrauen funken Waschmaschinentechniker im Web an, in jedem Handy steckt ein Chip, mit dem sich das Hoftor öffnen, die Parkgebühren oder das Busticket bezahlen lassen. Die Kinder des Landes lernen online, Jugendliche machen im Netz die Führerscheinprüfung, Rentner chatten mit Altersgenossen aus dem Seniorenheim.

Auch im Job dominiert das Internet: Geschäftsleute kommunizieren über den netzbasierten Telefondienstleister Skype, Unternehmen schicken ihre Steuererklärung online ans Finanzamt, auch der Kontakt mit anderen Behörden läuft vollelektronisch ab.

Tigersprung ins digitale Leben

Eine rasante Entwicklung für ein Land, das vor gut 20 Jahren noch das zweifelhafte Image einer verfallenen Sowjetrepublik hatte – nach fast fünf Jahrzehnten unter Zwangsherrschaft der Moskauer Kommunisten. Deren einzig positive Hinterlassenschaft: Die Besatzer hatten die estnische Hauptstadt Tallinn zum Computer-Hub ausgebaut. Und so zumindest ein Stück weit dazu beigetragen, dass Estland innerhalb weniger Jahre zum digitalen Musterschüler der EU aufstieg – mit einem Gesellschaftsmodell, das heute Pate steht für jene Mitgliedstaaten, in denen das Internet oft noch als Spielzeug von Technikfreaks gilt.

Begonnen hat der Digitalboom Mitte der Neunzigerjahre mit dem „Tiigrihüppe“, dem Tigersprung in die digitale Gesellschaft. Per Gesetz verschaffte die Regierung jedem Bürger das Recht auf kostenlosen Internet-Zugang: in Behörden, Bibliotheken, Schulen, Cafés und den Bürgerhäusern der Dörfer. Schon wenige Jahre später arbeitete das Parlament papierlos, die Steuererklärung ließ sich online machen, Geld per Mausklick überweisen, das Monatsticket für den Bus im Netz kaufen, der Notar für den Hauskauf online bestellen. Und wer beim Bürgermeister ein Gewerbe anmelden will, wird weggeschickt – und zwar ins Netz.

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