Interview Karlheinz Geißler: "Karriere machen die Flexiblen"

Interview Karlheinz Geißler: "Karriere machen die Flexiblen"

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Zeitforscher Karlheinz Geißler, Professor

Zeitforscher Karlheinz Geißler über selbst verschuldeten Zeitdruck, die Notwendigkeit zur persönlichen Veränderung und die Bedeutung von Konsumverzicht.

Herr Geißler, viele Menschen stöhnen über Zeitdruck. Haben wir weniger Zeit als früher?

Grundsätzlich haben wir mehr Zeit, weil wir im Durchschnitt länger leben. Aber ob wir auch mehr frei verfügbare Zeit haben, ist fraglich. Sehr viel Arbeit fällt heute außerhalb der bezahlten Arbeitszeiten an. Es gibt keine klare Abgrenzung mehr zwischen Freizeit, freier Zeit und Arbeitszeit.

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Und das führt zu mehr Stress?

Ja. Menschen spüren aus zwei Gründen mehr Zeitdruck. Zum einen steigern neue Technologien die Geschwindigkeiten, mit der Aufgaben erledigt werden. Zum anderen werden immer mehr Dinge zu gleicher Zeit bearbeitet. Zeit wird verdichtet.

Wird sich daran in Zukunft etwas ändern?

Der Trend wird sich verstärken. Zeit ist Geld. Und nur über Zeitgewinn kann Wachstum generiert werden. 200 Jahre hat die Menschheit versucht, immer schneller zu werden: in der Güterproduktion, dem Transport sowie den Finanztransaktionen. Mittlerweile ist die Steigerung der Schnelligkeit weitgehend ausgereizt. Aber wir können über Zeitverdichtung weiter beschleunigen. Das ist relativ neu. Tendenziell werden wir zu einer Gesellschaft, die quasi rund um die Uhr aktiv ist, weil sie alle Tageszeiten wirtschaftlich nutzen will.

„Karriere machen die Flexiblen“

Es ist doch gut, wenn wir Dinge schneller erledigen können. Wo ist das Problem?

Beschleunigung an sich ist problemlos. Aber kaum einer macht sich Gedanken, was er mit der gewonnenen Zeit anfängt. Immerzu kaufen wir uns kleine Alltagsbeschleuniger: Teebeutel, Papiertaschentücher, Espresso-Maschinen, Fernsteuerungen, Fast Food und vieles andere mehr. Und was machen wir dann mit der freien Zeit? Wir legen uns weitere Beschleunigungsprodukte zu. Das Problem ist nicht die Beschleunigung, sondern die Beschleunigung der Beschleunigung. So erhöhen wir den Zeitdruck immer mehr.

Was ist die Lösung?

Verzicht. Wir müssen unsere Zeitorganisation stärker an den Menschen ausrichten. Ein Beispiel: Manager, die Väter sind, reden heute zwar mehr mit ihren Kindern als früher, das ist positiv. Aber sie tun es meist über das Handy, das ist eher problematisch. Besser wäre es, sie würden den Kindern öfter etwas vorlesen.

Viele Manager kommen aber erst nach zehn Uhr nach Hause.

Das ist das Problem, nicht die Lösung. Zeit hat keinen Wert an sich. Zeit ist immer an Erfahrungen gebunden, sie hat also Qualität. So wie Geld pur nicht satt macht, macht Zeit pur auch nicht glücklich. Man muss Zeit gewinnen, um sie zu verlieren: an schöne Dinge, liebe Menschen und an die eigene Kultivierung. Ansonsten wären Kinder nur Beschleunigungsbremsen, Kultur nur überflüssige Ablenkung und Liebe nur Zeitverschwendung.

Die Globalisierung bestraft jede Verzögerung. Sind wir dem Zeitdruck hilflos ausgeliefert?

Nicht total. Die Möglichkeiten, dem Zeitdruck entkommen zu können, sind gestiegen — sowohl tarifvertraglich als auch gesetzlich vereinbart. Viele Arbeitskräfte können heute Sabbaticals, unbezahlten Urlaub oder Elternzeit nehmen. Das ist meist mit Einkommensverlusten verbunden, aber auch mit höherer Lebensqualität.

...und dem möglichen Karriereende.

Nein. Karriere machen heute die Flexib-len, nicht die, die pünktlich sind und an dem Ort sitzen bleiben, an dem sie groß geworden sind. Wo Wechsel zum Programm wird, ist Vielfalt, auch Zeitvielfalt gefragt. Arbeitnehmer, Manager noch mehr, müssen immer am Punkt sein, aber nicht immer pünktlich. Dazu gehört eine gewisse Sprunghaftigkeit und die Fähigkeit, sich auf der Oberfläche zu bewegen.

Und Auszeiten können dafür sinnvoll sein?

Ja. Zwischenzeiten werden wichtiger – also Bildungsphasen, Familienzeiten oder Auszeiten zur Selbstfindung. Sie geben neue Impulse. Nur so gelingt Flexibilität und Vielfalt. Der dosierte Wechsel ist wichtig für Unternehmen, Angestellte und Gesellschaft. Eine Gemeinschaft, die auf Innovationen setzt, muss jedem die Möglichkeit geben, aus dem Trott auszusteigen.

Manch älterer Jahrgang würde lieber aussteigen, vor allem wenn er mit dem Tempo kaum Schritt halten kann. Was kann er tun?

Auch für ältere Menschen gilt: Vom Gekochten führt kein Weg zurück zum Rohen. Die Entwicklung kann nur nach vorne gehen. Wir nutzen heute aber viel zu wenig jene produktiven Zeitformen, die ich die „abgebremsten“ Zeiten nenne. Dazu gehören die Langsamkeit, der Umweg, das Warten, die Pausen. Und so auch die aus der Lebenserfahrung der Älteren gewonnenen Fähigkeiten zur Geduld, zum Warten und zur Wiederholung. Mein Konzept heißt: Lasst 1000 Zeiten blühen. Flexibilität braucht Stabilität, Schnelligkeit Langsamkeit. Wir brauchen beides, weil unsere Natur die Zeitvielfalt, der Rhythmus ist, nicht der Takt der Maschinen.

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