Karl-Heinz Minks im Interview: Positive Tendenzen

Karl-Heinz Minks im Interview: Positive Tendenzen

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Stellvertretender Leiter des Unternehmensbereiches Hochschulforschung und Leiter des Arbeitsbereiches Absolventenstudien und Lebenslanges Lernen beim Hochschul-Informations-System (HIS)

Karl-Heinz Minks, Stellvertretender Leiter des Unternehmensbereiches Hochschulforschung und Leiter des Arbeitsbereiches Absolventenstudien und Lebenslanges Lernen beim Hochschul-Informations-System (HIS), über lebensbedrohliche Kinderkrankheiten bei den Hochschulreformen und das Gute daran.

WirtschaftsWoche: Herr Minks, Bologna-Prozess, Hochschulrahmen-freiheitsgesetze, Exzellenzinitiative - die Hochschulen in Deutschland stehen unter mächtigem Veränderungsdruck. Ist das gut so?

Karl-Heinz Minks: Ja. Wir erleben die tiefgreifendsten Reformen in der neueren Geschichte der deutschen Hochschulen. Seit den Siebzigerjahren hat sich Erneuerungsbedarf aufgestaut, der nun realisiert wird.

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Und der Prozess läuft nach Plan?

Nicht alles. Viele wichtige Aspekte werden erst heute, also neun Jahre nach der Bolognaerklärung, langsam realisiert. Ich denke da an die Notwendigkeit, unsere Bildungssysteme durchlässiger zu gestalten – horizontal, vertikal und international. Wir können es uns heute nicht mehr leisten, zwei Bildungszüge, also den beruflichen und den hochschulischen, weiterhin so beziehungslos nebeneinander herlaufen zu lassen wie in den vergangenen 150 Jahren.

Warum ist der Prozess so schwierig?

Weil er fest eingewachsene Strukturen und Verklammerungen aufbrechen muss - und dies ohne Narkose bei laufendem Betrieb. Das ist mit Ängsten und Sorgen auf vielen Seiten verbunden. Hinzu kommt, dass es wenige Erfahrungen über den optimalen Weg gibt.

Und dabei passieren Fehler?

Richtig. Es sind zum Teil lebensgefährliche Kinderkrankheiten, die wir erkennen müssen, die aber heilbar sind, wenn man sie richtig diagnostiziert. Interessant ist, dass viele Fachbereiche und Fakultäten unterschiedlich mit den Veränderungen umgehen. Ein Beispiel: Ich war kürzlich in einer norddeutschen Universität. Dort berichtete eine Studentin, die von einer anderen Uni gewechselt war, das Bachelor-Studium an ihrer alten Uni sei viel freier gewesen, an der neuen Universität dagegen sei es sehr verschult und stofflich hoch verdichtet ist.

Bei so viel Intransparenz, kann man denn schon sagen, wer die Gewinner sind?

Nein. Es ist unklar, wer Gewinner sein wird und ob es überhaupt Verlierer geben wird. Gewinner dieser Entwicklung können sicherlich die Fachhochschulen werden, ohne dass die Universitäten dabei verlieren würden. Wichtig ist, dass insgesamt auch die Qualität der Lehre verbessert wird. Gelingt das nicht, werden alle zu Verlierern.

Welche Rolle spielt dabei die Exzellenzinitiative?

So wichtig und notwendig dieser Impuls ist: Ich hätte mir gewünscht, dass die Exzellenz der Lehre – ganz im Humboldtschen Sinn - integraler Bestandteil der Exzellenzinitiative gewesen wäre. So bleiben für exzellente Lehre gegenwärtig doch eher nur kleine Krumen übrig und vor allem ist die Aufmerksamkeit sehr einseitig auf Forschungsexzellenz gelegt. Hier kann schon der Eindruck entstehen, dass die Lehre ein Verlierer ist.

Ein Kernelement von Bologna war die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse. Inwieweit profitieren die Studenten?

Das Studium soll beschleunigt werden. Wir müssen aber auch konstatieren, dass in den Konzepten der alten wie besonders der neuen Studiengänge die sozialen Realitäten von Teilen der Studierenden kaum berücksichtigt sind. Wir haben de facto 40 Prozent Teilzeitstudierende, die angesichts der zum Teil erkennbaren Verdichtung und Beschleunigung Gefahr laufen, aus der Kurve getragen zu werden. Wir müssen uns mehr an die Kreditpunkte halten und nicht an realitätsferne Regelstudienzeiten. Besser wären Rahmenstudienzeiten mit Verfallsdatum von erbrachten Leistungen. Das würde auch helfen, Berufstätigen ein Studium zu ermöglichen, ohne ganz aus dem Arbeitsprozess auszuscheiden.

Welche Empfehlungen kann man jungen Studenten aussprechen: Reicht der Bachelor oder sollten Studenten lieber den Master anpeilen?

Die Frage kann man nicht pauschal beantworten. Es gibt kaum Daten. Wir wissen beispielsweise wenig über den beruflichen Erfolg von Bachelorabsolventen auf mittlere Sicht. Eine Beurteilung hängt letztlich auch davon ab, wie man Bachelorabschlüsse in die Hierarchie der beruflichen Positionen einordnet. Da tut man sich, glaube ich, immer noch in vielen Bereichen recht schwer.

Wie hat sich im Laufe der Zeit das Studium verändert?

Sozialkompetenzen waren immer wichtig. Das wusste auch schon Humboldt. Wir erkennen heute aber deutlicher, dass das Fachliche ohne sie nur gebremst wirksam werden kann.Wir müssen daher sowohl an Universitäten als auch an Fachhochschulen darauf achten, dass wir mehr Luft für die persönliche und fachliche Entwicklung zulassen. Es geht um effektives Lernen und die Bildung von Kritikfähigkeit. Nur kritikfähige Menschen können innovative Impulse setzen.

Wo, glauben Sie, stehen deutsche Hochschulen in fünf Jahren?

Fünf Jahre sind für mich kein Zeithorizont für Reformen. Sie sehen ja, wie kompliziert die letzten neun Jahre seit der Bolognaerklärung waren. Wichtig erscheint mir, dass die Prozesse, die in Gang gesetzt wurden, nüchtern und so objektiv wie möglich evaluiert werden und nicht bei jeder größeren Schwierigkeit sofort wieder panisch in alte Gleise gehüpft wird. Manche Hoffnungen werden sich vermutlich nicht ohne Weiteres erfüllen. Aber es gibt ja durchaus positive Tendenzen, die man unabhängig von der Haltung zum Bolognaprozess nicht vom Tisch wischen kann.

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