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Karriere: Erfolg mit der eigenen Pleite

von Sebastian Matthes

Anne Koark ist insolvent und damit sehr erfolgreich. Über ihre Pleite schrieb sie einen Bestseller und wurde zu einer Galionsfigur der Gescheiterten.

Heimbüro: Anne Koark berät jeden Tag mehrere Duzend Insolvente Quelle: Simon Koy für WirtschaftsWoche
Heimbüro: Anne Koark berät jeden Tag mehrere Duzend Insolvente Quelle: Simon Koy für WirtschaftsWoche

Das Telefon klingelt meistens tief in der Nacht. Wenn die Gescheiterten ihren Kopf einige Stunden schlaflos in die Kissen gepresst haben. Und wenn da nichts mehr ist als Angst, dann wählen sie die Nummer von Anne Koark und klingeln ihre drei Wellensittiche und die beiden Söhne in ihrer Münchner Wohnung aus dem Schlaf. Anne Koark antwortet immer.

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Einmal hatte sie gegen Mitternacht einen Mann am Apparat, der in seinem früheren Leben Millionen bewegt hatte. Dann setzte er alles auf eine Karte – und in den Sand. Um seinem kleinen Sohn die Schmach zu ersparen, ohne Geld aufzuwachsen, wollte er sich und seine Familie umbringen. Anne Koark überredete ihn zu einem Treffen. Fünf Stunden sprachen sie.

Es war ein Gespräch über große Hoffnungen und den Sturz aus der bürgerlichen Existenz. Anne Koark weiß, wie sich so ein Absturz anfühlt. Sie war selbst erfolgreiche Unternehmerin, gewann Preise und begeisterte die Presse mit ihrer Idee. Dann ging sie pleite und verlor alles, was sie besaß. Doch sie stand wieder auf und wurde mit ihrer Geschichte zu einer Galionsfigur der Gescheiterten.

Mehr als 130.000 Menschen straucheln in Deutschland Jahr für Jahr in die Insolvenz. Scheitern ist immer schmerzhaft, in Deutschland aber haftet ihm etwas Endgültiges an. Wer fällt, ist stigmatisiert. Die meisten schweigen deshalb.

Anne Koark spricht über ihre Insolvenz, ob sie gefragt wird oder nicht. Und als sie anfangs keiner fragte, schrieb sie ein Buch und nannte es „Insolvent und trotzdem erfolgreich“. Sie gründete den Verein „Bleib im Geschäft“, eine Anlaufstelle für Menschen, die von Insolvenz bedroht sind. Im Vereinsnamen steckt auch Anne Koarks Motto: Gescheitert ist nur, wer liegenbleibt.

Mission: Eine Pleite ist nicht das Ende

Ihr Buch wurde ein Bestseller. Bis ins nächste Jahr ist sie für Vorträge quer durch Europa gebucht. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Und sie tritt nicht nur als Expertin vor Arbeitsgruppen des Statistischen Bundesamtes auf, sondern berät auch Mitarbeiter der Europäischen Union.

Ihre Mission: Sie will zeigen, dass eine Pleite nicht das Ende ist. In fast makellosem Deutsch erzählt die gebürtige Engländerin deswegen überall ihre Geschichte. Sogar ein fränkisch rollendes „r“ hat sich über die Jahre in ihre Sätze eingeschliffen. Doch wenn sie auf dem Podium steht, ihre rotblonden Haare bändigt und ihr randloses Brillen-Kassenmodell auf der Nase zurechtrückt, wenn das Lampenfieber kommt, dann hört man, wo sie herkommt.

Als Germanistikstudentin verbringt sie zwei Auslandssemester im rheinland-pfälzischen Cochem. Sie verliebt sich in einen angehenden Banker und entscheidet sich für Deutschland.

Die Liebe geht, Anne Koark bleibt.

Als alleinerziehende Mutter legt sie eine steile Karriere hin. Sie arbeitet in Softwarefirmen, als Büroleiterin, im Controlling, schließlich rückt sie ins Management auf. Sie schuftet wie besessen. Anne Koark ist ein Mensch, der immer auf höchster Drehzahl läuft. Ihre Freunde nennen sie „Änn“ und sagen, dass Änn Koark vor allem eines ist: eine Powerfrau, ein 1,65-Meter-Kraftpaket mit einem unendlichen Repertoire an Ideen.

Eine dieser Ideen ist ihr „drittes Kind“, wie sie sagt. Es heißt „Trust in Business“, eine Beratungsfirma, die ausländischen Unternehmen hilft auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen. Ein Musterknabe: In guten Monaten schreibt Anne Koark 100.000 Euro Umsatz in ihre Bücher – 45.000 Euro Gewinn vor Steuern.

Trust in Business räumt Preise ab und die „Süddeutsche Zeitung“ schreibt, Koark sei die „Erin Brockovich des deutschen Mittelstands“. Sie arbeitet so viel, dass sie einmal erst abends merkt, dass sie am rechten Fuß einen anderen Schuh trägt als am linken. Solche Geschichten findet sie lustig.

Ihre Mitarbeiter auch. Die schwärmen davon, wie Anne Koark aus dem Unternehmen „eine kleine Familie gemacht hat“, sagt etwa Kelly Heitzer, die bis zum letzten Tag dabei war. Anne Koark fühlt sich für jeden ihrer Mitarbeiter verantwortlich – bis hin zur Putzfrau.

Es ist der 11. September, als ein paar Irre zwei Passagiermaschinen in das World Trade Center in New York lenken. Sie reißen die amerikanische Wirtschaft mit sich in den Abgrund und mit ihr die zwei wichtigsten Auftraggeber von Trust in Business. Plötzlich sind Rechnungen im Wert von 40.000 Euro offen. Als dann noch ein potenzieller Investor telefonisch die Verhandlungen abbläst, weiß Anne Koark: das wars.

Sie legt auf und weint.

21 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 11.10.2008, 20:08 UhrAnonymer Benutzer: Lolli

    Hallo,

    das Kommentar von Apaul ist hart. Wir sind auch ins schleudern geraten, konnten allerdings die insolvenz vermeiden, da es uns sehr am Herzen lag, die Lieferanten nicht mit runterzuziehen, allerdings sind wir unverschuldet darein gekommen, durch Unterschlagung von Geldern durch Mitarbeiter.

    Jeder, aber auch jeder von uns kann in diese Lage kommen und man darf deshalb niemanden Verurteilen und selbst die die verschuldet darein kommen sind auch nur Menschen. Keiner von uns hat die Weisheit mit Löffeln gegessen.

    Niemand Urteilt Schärfer als der Ungebildete, er kennt weder Gründe noch Gegengründe - bekanntes Sprichwort.

  • 11.08.2008, 08:11 UhrAnonymer Benutzer: Pedro

    bin seit 15 Jahren am Rande einer insolvenz.
    Habe nur deshalb wirtschaftlich überlebt, weil ich meine Zusagen der bank gegenüber immer eingehalten habe. Die Firmenkundenberater haben ihrerseits Abmachungen (mündliche) nie eingehalten.
    Ein bankenwechsel mit 250 000.- € Kredite und am Rande der belastbarkeit ist nicht möglich, sodass man leicht erpressbar ist. Das mit der Erpressbarkeit habe ich vor kurzem hautnah erlebt und dabei begriffen, dieses Spiel treibt die bank seit 15 Jahren mit mir.Ein Schlaganfall, ein Herzinfarkt und eine schwere OP haben mich kurz aus dem normalen Leben geworfen, bin aber wieder voll zurück, jetzt aber mit Anwalt. Werde zu gegebener Zeit weiterberichten. Ach ja, habe eines gelernt!!! Gehe nie ohne Anwalt zu einer bank.

  • 10.08.2008, 16:50 UhrAnonymer Benutzer: Insolventer

    wieder so ein Kommentar von einem gar nicht oder schlecht informierten (Menschen !?).
    Es gibt der verschiedensten Ursachen, um in insolvenz gehen
    zu müssen. ich rede hier nicht von betrügerischen insolvenzen
    und Konkursen, sondern von nicht beplanten. z.b. Kunden oder
    Auftraggeber zahlen nicht, was leider immer öfter passiert,
    banken verkaufen Kredite an spezialisierte Fonds sog. Heuschrecken und die kennen kein Pardon. Krankheit des inhabers,
    Scheidung, und und und ....
    Oder wie bei mir. Es interessierte sich jeman für mein Geschäft,
    wegen der Lage, der Größe und der Ausstattung. Was auch immer
    und vor allem wie die Fäden im Hintergrund gezogen wurden ist
    mit bis heute noch nicht ganz klar. Wenigstens entschuldigte sich
    der interessent bei mir und meinen Mitarbeiters dafür, mit den
    Worten "unser persönliches Schicksal tue ihm leid, aber da konnte
    er leider keine Rücksicht darauf nehmen, er habe sich nunmal für
    diesen Standort entschiede." alle bemühungen meinerseits, die
    Sache aufzuklären scheiderten am völligen Desinteresse des
    inso.Verwalters. Dafür habe ich heute keine Verbindlichkeiten mehr,
    aber Schulden. ich bekam die Antwort "lassen sie doch alles wie es
    ist, sie haben es doch bald überstanden, und denken sie daran, man
    trifft sich im Leben immer zweimal. Dafür stehe ich, genau wir viele
    Andere vor solchen Leuten, die uns anfeinden und abstempeln.
    Warum ? weil sie kein interesse daran haben, zu fragen, wir ist das
    passiert.
    Deshabel ist es so wichtig, dass es solche Personen gibt wir Frau
    Anne Koark, sonst wird diese Frage "warum" nie gestellt.

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