Knigge-Nachfahre: "Ich habe nie etwas von steifen Regeln gehalten"

Knigge-Nachfahre: "Ich habe nie etwas von steifen Regeln gehalten"

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Moritz Freiherr Knigge spricht mit der WirtschaftsWoche über gutes Benehmen

von Oliver Voß

Moritz Freiherr Knigge erklärt, warum man wieder „Gesundheit“ sagen darf, welche Knigge-Regeln heute noch gültig sind und warum man auch in der Krise nicht die Ellenbogen ausfahren sollte.

WirtschaftsWoche: Herr Knigge, kann man mit einem Videospiel der Generation Killerspiel wieder gutes Benehmen beibringen?

Moritz Freiherr Knigge: Ich halte es für eine Mär, dass Killerspiele mit schlechtem Benehmen zusammen hängen. Ich habe selbst diverse Killerspiele gespielt und weiß mich recht gut zu benehmen. Aber man hat mit so einem Spiel die Chance, Menschen zu erreichen, die vorher nicht über solche Fragen nachgedacht haben.

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Manche Computerspiele werden von als Mitauslöser für Amokläufe und die Verrohung der Sitten verantwortlich gemacht. Sie sehen solche Gefahren nicht und würden auch keine gewalttätigen Spiele verbieten?

Nein, ich bin gegen ein Verbot. Nur ein Killerspiel reicht nicht aus, um zum Amokläufer zu werden. Ich glaube auch nicht, dass man sie einfach verbieten kann.

Entscheidend ist aber die Frage, wie Kinder lernen, damit umzugehen. Lassen sich Eltern dazu herab, sich damit zu beschäftigen und auch mal gemeinsam mit Kindern zu spielen, statt sie stundenlang mit quadratischen Augen allein hinter dem Computer versauern zu lassen?

Etiketteregeln haben ein altmodisches Image. Was sind die wichtigsten Regeln, die der jungen Generation näher gebracht werden sollten?

Ich habe nie etwas von steifen Regeln gehalten, die auswendig gelernt werden. Gutes Benehmen und Höflichkeit brauchen in erster Linie ein Bewusstsein dafür und gar keine Vielzahl von Vorschriften. Die wichtigsten Grundlagen sind Offenheit, Aufmerksamkeit und Respekt. Wer mit offenen Augen durch die Welt läuft, erkennt schon, was im jeweiligen Moment angemessen wäre.

In der Praxis liefern aber die meisten Etikette-Trainer und Ratgeber ganz konkrete Regeln. Zum Beispiel, dass man nicht mehr „Gesundheit“ sagt.

Das hat sich ja schon wieder geändert. Die Empfehlung wurde einmal vom „Arbeitskreis moderner Umgangsformen“ aufs Trapez gebracht – das sind oft alte Tanzschullehrer, in deren Hand in den Fünfziger Jahren die Definition der Etikette lag. Dieser Arbeitskreis sagte, da es immer mehr Menschen mit Allergien gab, würde das Menschen auf ihre Krankheit reduzieren, wenn man ihnen ständig Gesundheit wünscht.

Aber wenn ihr Kollege Allergiker ist und Sie ihm fünfzig Mal am Tag Gesundheit wünschen, fühlt er sich zu Recht veräppelt. Doch die wenigsten Leute machen das und ansonsten ist es ja  eine aufmerksame Geste. So hat die Deutsche Knigge Gesellschaft auf ihrer Jahrestagung auch empfohlen, man könne sich wieder „Gesundheit“ wünschen.

Wenn solche Vorschriften ständig geändert werden, werden Etiketteregeln doch zu einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Benimmtrainer.

Ja und es gibt oft keine einheitliche Meinung. Ich werde oft gefragt, wie es richtig ist – soll ich die Serviette wenn ich den Tisch verlasse nach rechts oder nach links legen? Im Endeffekt ist das völlig egal. Es geht immer um das angemessene Handeln, wer das beherrscht, braucht  solche Regeln nicht.

Die Regeln werden aber interessant, wenn man ins Ausland geht. Wer dort die anderen Kulturen nicht respektiert und darüber hinweg geht, stellt sich selbst in schlechtes Licht. Daher übersetze ich Etikette auch mit Kulturtechnik.

Aber sonst kritisieren sie strikte Etikette-Vorschriften, doch das Knigge-Videospiel funktioniert oft genauso. Da wird klar nach Sitte oder Unsitte gefragt.

Es ist ein neues Medium und dafür finde ich es ganz in Ordnung. Ich gebe nicht soviel darauf, ob alles hundertprozentig so ist, wie ich es tun würde. Hauptsache das Thema kommt aus der verstaubten Ecke heraus.

Der Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die Beratung von Unternehmen in ethischen Fragen und wertschätzender Kommunikation. Gute Unternehmensführung ist in den letzten Jahren stark in Mode, doch im Alltag gibt es Korruptionsskandale oder Mitarbeiterbespitzelungen. Ist Unternehmensethik oft nur ein leeres Versprechen?  

Natürlich haben wir viele Skandale aber im Vergleich zu den vielen Unternehmen sind es doch relativ wenige. Aber Korruption ist wirtschaftlich dumm, denn schlechte Produkte werden subventioniert. Man sollte das Geld, mit dem man korrumpiert, in die Produktentwicklung stecken und so ein gutes Produkt anbieten, dass die Kunden nicht daran vorbeikommen.

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