
All das hat unsere Arbeits- und Freizeit nicht nur in zahllose Bits fragmentiert und eine Art Permapräsenz erschaffen. Vorher, jetzt und nachher sind zu einer notorischen Gleichzeitigkeit verschmolzen. Erst mache ich diese Aufgabe zu Ende, dann antworte ich dir – wo einst klare und sinnvolle Prioritäten herrschten, gibt es heute nur noch diffuse Parallelität. Ich bin sicher, würde Einstein heute noch leben und genauso simsen, mailen, twittern und facebooken, wie wir es tun – er säße vermutlich noch immer in seinem Berner Patentamtsbüro und hätte nie die Zeit und Muße gefunden, seine Relativitätstheorie zu entwickeln.
Genau das ist das Problem. Wir haben das Maß verloren. Ständige Erreichbarkeit ist ein Fetisch geworden, den wir kaum noch hinterfragen, geschweige denn zügeln. Es gibt Menschen, die lesen noch vor dem ersten Kaffee ihre E-Mails, checken ihre Feeds zum Toast, twittern ein paar Nachrichten an ihre Freunde und gehen dann ins Büro. Ich gebe zu, ich bin einer davon. Über den Tag hinweg korrespondiere ich zudem mit Bekannten auf Facebook, Xing und Linkedin. Auf meinem Bürorechner sind permanent zwei E-Mail-Konten in Empfangsbereitschaft, zwei weitere sind damit verknüpft, ebenso das iPhone daneben. Zusätzlich bemerkt der Feedreader, sobald irgendwo ein neuer Artikel auf den 300 von mir abonnierten Blogs erscheint.
Allein während ich diese Zeilen schreibe, hat mein Telefon fünf Mal geklingelt, und mein Posteingang weist mich mahnend auf 14 neue ungelesene E-Mails hin. Schluss damit! Für die restlichen Zeilen gehe ich offline. Und das ist keine Besonderheit meines Berufsstandes. Ich kenne einige Unternehmer, denen geht es nicht anders. Sie haben genug von den ununterbrochenen Unterbrechungen.
Es nutzt nämlich nichts, Spam oder unnütze Informationen einfach auszufiltern. Es bleibt immer noch genug von dem übrig, was ablenkt, zerstreut, lähmt. Das Einzige, was hilft, ist: temporär abzuschalten – und zwar ganz. Ich bin davon überzeugt: So wie es in der Dialektik unserer Existenz das Böse geben muss, damit sich das Gute manifestieren kann, braucht es auch in unserer technisch hoch vernetzten Welt wieder ein totales Offline, damit das Online weiterhin Nutzen stiften kann. Das klingt vielleicht noch zu sehr nach Affekt. Nach Notwehr oder Ohnmacht. Aber so ist es nicht. Es ist eine Entscheidung der Vernunft.
Verlust von Muße
Was würde wohl jemand tun, wenn draußen vor seinem Fenster plötzlich ein Bautrupp anrückt und mit Presslufthämmern und anderem schweren Gerät die Straße vor dem Büro aufreißt? Klar, das Fenster schließen, den Lärm aussperren! Beim Internet und unseren Smartphones aber machen wir es genau umgekehrt. Egal, wie sehr es um uns herum bereits lärmt, bimmelt und piept: Wir öffnen noch ein paar Bildschirmfenster und Apps mehr – und wundern uns über den zunehmenden Verdruss, Stress und Konzentrationsmangel.
Seien wir ehrlich: Wer schaut nicht auf seinen Posteingang, sobald dort eine neue E-Mail angezeigt wird? Wer kontrolliert nicht „mal eben“ neugierig, ob die SMS, die sich kurz zuvor akustisch angekündigt hat, etwas Gutes verheißt? Wir nennen es euphemistisch „value time“ und jubeln darüber, in der Bahn und selbst im Auto permanent weiterarbeiten zu können – und verharmlosen den Verlust von Muße und Gelegenheiten zum sprichwörtlichen Nachdenken. Weil die Geräte Spaß und Abwechslung verheißen, weil es für scheinbar jedes Problem eine App gibt und vielleicht auch weil uns das ewige Surren und Vibrieren ein Gefühl von Status und sozialer Nähe vermittelt.
Aber diese „Souveränität im Umgang mit Zeit und Information“, ist nicht nur eine Illusion, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa sagt, sie ist auch gefährlich. Wer ständig seine E-Mails checkt, erreicht mit seinen kognitiven Fähigkeiten schon bald ein Niveau, das noch unter dem von Marihuana-Rauchern liegt, warnen etwa Wissenschaftler vom Londoner King’s College. Unser Gedächtnis sei zwar dafür gemacht, ständig neue Reize zu verarbeiten. Damit diese Informationen aber in konzeptionelles Wissen übersetzt und mit dem vorhandenen Erfahrungsschatz verknüpft werden können, brauchen die grauen Zellen immer wieder Pausen.
Ständig zwischen wichtigen und unwichtigen Nachrichten entscheiden zu müssen, führe irgendwann zu einer „Ich-Erschöpfung“, formuliert es der amerikanische Kognitionspsychologe Roy Baumeister. Und darunter leidet nicht nur das Lernen, sondern auch unser Verstand. Statt unser Wissen zu einem sprichwörtlichen Erfahrungsschatz zu kultivieren, degenerieren wir zurück zu reinen Jägern und Sammlern im Datendickicht. Und das kann nicht einmal im Interesse der Unternehmen sein, die per Diensthandy und Online-Tools ein Überallbüro propagieren.
Soziale Nähe im Netz ist eine Illusion
Natürlich wäre es irrsinnig, jetzt radikal den Stecker zu ziehen, um in ruhigere Zeiten zurückzukehren. Unsere Welt, unsere Jobs sind dazu längst zu sehr vernetzt. Und letztlich überwiegen auch die damit verbundenen Vorteile. Doch nur allzu oft erliegen wir der eitlen Illusion, für eine gewisse Zeit nicht erreichbar zu sein würde den Untergang des Abendlandes einleiten und uns sozial isolieren. Nicht wenige pflegen geradezu eine Angstneurose, sie könnten etwas Wichtiges verpassen und greifen entsprechend nach jedem neuen Nachrichten-Gezwitscher – egal, wie trivial der Inhalt ist.
Ein klassischer Kurzschluss, der sich gerade jetzt in der Urlaubszeit leicht falsifizieren lässt. Nicht wenige stellen nach ihrer Rückkehr und dem www.zwangsfern.de verblüfft fest: Egal, wie lange sie weg und nicht erreichbar waren – die Firma hat dennoch überlebt, die alten Freunde sind noch immer da, und es gibt ein Leben ohne Netz.
Cory Doctorow, ein kanadischer Science-Fiction-Autor, Co-Autor des prominenten Blogs „Boing Boing“, geht in seinen Ferien sogar so weit, sämtliche während des Urlaubs aufgelaufenen E-Mails anschließend zu löschen – ohne Ausnahme. Immerhin ist er so fair, das den Absendern per Abwesenheits-Assistent mitzuteilen, Motto: „Wenn es wichtig ist, melden Sie sich bitte, wenn ich wieder da bin.“ Das Erstaunliche daran: Keiner nimmt es ihm übel. Und: Die überwiegende Mehrheit der Probleme und Mailanliegen löst sich so von ganz alleine.
Warum also sollte es nicht auch im Büroalltag Zeiten geben, in denen wir wieder nicht erreichbar sind, um uns besser zu konzentrieren und zu grübeln. Es gibt inzwischen Manager, die ganz bewusst nur noch morgens, nach dem Mittagessen und abends kurz vor Feierabend ihre E-Mails lesen und beantworten. Und sie fahren sehr gut damit. In der Zwischenzeit bleibt das Telefon. Oder – ganz im Sinne von Sozialpsychologe Gregory Northcraft – das persönliche Gespräch.














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Alle Kommentare lesen21.07.2010, 21:45 UhrAnonymer Benutzer: nossek
Alle höhere Kultur unserer Art beruht paradoxerweise darauf, daß wir...zu unseren Zielen immer längere, immer umständlichere, an Stationen und biegungen reichere Wege begehen müssen.
Der Mensch ist, und zwar je höher er kultiviert ist, um so mehr das indirekte Wesen.
(...)
Die steigende Vielgliedrigkeit und Komplizierung des höheren Lebens gestattet (die) bloße Dreiheit der Reihe: Wunsch - Mittel - Zweck nicht, sondern gestaltet das Mittelglied zu einer Vielheit, in der das eigentlich wirksame Mittel wieder durch ein Mittel hergestellt wird und dieses wieder durch ein weiteres, bis jene unübersehbare Verschlingung, jener Kettencharakter unserer praktischen betätigungen erwächst, innerhalb dessen der Mensch reifer Kulturen lebt.
(....)
Durch diese Langsichtigkeit der Zweckreihen, die das Leben zu einem technischen Problem macht, wird es uns tausendfach unmöglich, das Endglied jeder Reihe in jedem Augenblick im bewußtsein zu haben; teils, weil wir sie nicht überblicken können, teils weil der je nächste, vorläufige Schritt die ganze Konzentration unserer seelischen Energien beansprucht, bleibt das bewußtsein an den Mitteln hängen, die Endziele, von denen dieser ganzen Entwicklung Sinn und bedeutung kommt, rücken an unseren inneren blickhorizont und versinken schließlich hinter ihm.
Die Technik, d. h. die Summe der Mittel für die kultivierte Existenz, wächst zum eigentlichen inhalt der bemühungen und Wertungen auf, bis man auf allen Seiten von kreuz und quer verschlungenen Reihen von Unternehmungen und institutionen umgeben ist, denen allenthalben die abschließenden, definitiv wertvollen Ziele fehlen.
G. Simmel : Schopenhauer und Nietzsche
http://socio.ch/sim/verschiedenes/1906/schopenhauer_nietzsche.htm
21.07.2010, 21:34 UhrAnonymer Benutzer: nossek
"Am ärgsten sind wir jedoch der Technik ausgeliefert, wenn wir sie als etwas Neutrales betrachten; denn die Vorstellung, der man heute besonders gerne huldigt, macht uns vollends blind gegen das Wesen der Technik" M. Heidegger - Die Frage nach der Technik.
21.07.2010, 21:34 UhrAnonymer Benutzer: nossek
“Der Glaube, daß es Stücke unserer Welt gebe, die nichts als ‘Mittel’ seien, denen ... gute Zwecke angehängt werden könnten, ist reine illusion. Die Einrichtungen selber sind Fakten, und zwar solche, die uns prägen. Und diese Tatsache ... wird nicht dadurch, daß wir sie verbal zu Mitteln degradieren, aus der Welt geschafft.”
G. Anders – Die Antiquiertheit des Menschen