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Kommunikationsmittel: Wie E-Mails und Smartphones die Leistung mindern

Obwohl immer mehr Menschen unter der Vereinnahmung durch E-Mail und Smartphone leiden, kommt kaum jemand auf die naheliegendste Lösung, die WirtschaftsWoche-Redakteur Jochen Mai seit Kurzem praktiziert: ein Plädoyer für das temporäre Abschalten.

Abgeschaltetes Smartphone Quelle: Illustration: Nicholas Blechmann
Abgeschaltetes Smartphone Quelle: Illustration: Nicholas Blechmann

Der Aufruf erfolgte persönlich. Anfang des Jahres rekrutierte der Sozialpsychologe Gregory Northcraft 200 Studenten an der Universität von Illinois für eine Studie über E-Mails, Videokonferenzen und Projektmanagement. Seine Probanden teilte er in zwei Gruppen: Die einen arbeiteten physisch zusammen an dem Projekt, die anderen kommunizierten nur per E-Mails und Video miteinander. Ein für heutige Verhältnisse durchaus realistisches Szenario. Bei vielen Arbeitnehmern sieht der Alltag nicht viel anders aus.

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Entsprechend routiniert gingen beide Teams zunächst mit viel Elan an ihre Aufgabe heran. Sie schmiedeten Pläne, tauschten Ideen aus, diskutierten, stritten auch mal. Doch es dauerte nicht lange, bis Northcraft erste Veränderungen in der zweiten, virtuellen Gruppe bemerkte. Ihre Motivation sank schneller, die Zusammenarbeit verschlechterte sich rasant, das gegenseitige Vertrauen nahm ab. Der Rest: Schweigen.

Zwar brachten die gelegentlichen Videokonferenzen wieder etwas Stimmung in die Runde, doch das Niveau der ersten Gruppe erreichte dieser lose Verbund nicht mehr – auch nicht mit dem Projektergebnis.

Sprichwörtlich abschalten

Northcraft zog aus dem Versuch ein bemerkenswertes Fazit: Smartphones, Videokonferenzen und immer wieder E-Mails – all diese Werkzeuge machen die tägliche Arbeit zwar „schneller, zuweilen auch effizienter. Aber sie machen sie nicht effektiver“, im Gegenteil: Sie sorgen zusehends für ein schlechteres Klima untereinander und allenfalls mittelmäßige Ergebnisse. „Wir gewinnen damit zwar Zeit, verlieren aber Beziehungsqualität“, sagt Northcraft. Die Leute kommunizieren dann nur noch über irgendwelche Details, aber sie reden nicht mehr miteinander.

In den kommenden Wochen fahren drei von vier Deutschen in den Urlaub – um die vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen, um sich zu erholen. Auch ich werde verreisen. Aber anders als bisher und anders als die meisten Bundesbürger. Ich werde sprichwörtlich abschalten. Wie öfter in jüngster Zeit.

Gefühl von Kontrolle

Mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer kann oder will das nicht. Sie rufen selbst im Sommerurlaub noch geschäftliche E-Mails ab. Jeder Dritte (34 Prozent) packt dazu sein privates Laptop oder Smartphone in die Reisetasche, 18 Prozent nehmen gar ihre Dienstgeräte mit, so eine Emnid-Umfrage. Gleichzeitig wundern sich 63 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen darüber, dass der Bürostress in den Ferien nicht nachlassen will und warum sie nachher genauso kaputt sind wie vorher.

Ich weiß aus Gesprächen mit Managern, dass es vielen ähnlich geht. Dass sie nicht mehr abschalten wollen und gleichzeitig ignorieren, dass sie nicht mehr abschalten können. Weil es verlangt wird und ihnen das Gefühl von Kontrolle vermittelt über eine Entwicklung, die sie längst nicht mehr im Griff haben.

7 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 21.07.2010, 21:45 UhrAnonymer Benutzer: nossek

    Alle höhere Kultur unserer Art beruht paradoxerweise darauf, daß wir...zu unseren Zielen immer längere, immer umständlichere, an Stationen und biegungen reichere Wege begehen müssen.
    Der Mensch ist, und zwar je höher er kultiviert ist, um so mehr das indirekte Wesen.
    (...)
    Die steigende Vielgliedrigkeit und Komplizierung des höheren Lebens gestattet (die) bloße Dreiheit der Reihe: Wunsch - Mittel - Zweck nicht, sondern gestaltet das Mittelglied zu einer Vielheit, in der das eigentlich wirksame Mittel wieder durch ein Mittel hergestellt wird und dieses wieder durch ein weiteres, bis jene unübersehbare Verschlingung, jener Kettencharakter unserer praktischen betätigungen erwächst, innerhalb dessen der Mensch reifer Kulturen lebt.
    (....)
    Durch diese Langsichtigkeit der Zweckreihen, die das Leben zu einem technischen Problem macht, wird es uns tausendfach unmöglich, das Endglied jeder Reihe in jedem Augenblick im bewußtsein zu haben; teils, weil wir sie nicht überblicken können, teils weil der je nächste, vorläufige Schritt die ganze Konzentration unserer seelischen Energien beansprucht, bleibt das bewußtsein an den Mitteln hängen, die Endziele, von denen dieser ganzen Entwicklung Sinn und bedeutung kommt, rücken an unseren inneren blickhorizont und versinken schließlich hinter ihm.
    Die Technik, d. h. die Summe der Mittel für die kultivierte Existenz, wächst zum eigentlichen inhalt der bemühungen und Wertungen auf, bis man auf allen Seiten von kreuz und quer verschlungenen Reihen von Unternehmungen und institutionen umgeben ist, denen allenthalben die abschließenden, definitiv wertvollen Ziele fehlen.
    G. Simmel : Schopenhauer und Nietzsche
    http://socio.ch/sim/verschiedenes/1906/schopenhauer_nietzsche.htm

  • 21.07.2010, 21:34 UhrAnonymer Benutzer: nossek

    "Am ärgsten sind wir jedoch der Technik ausgeliefert, wenn wir sie als etwas Neutrales betrachten; denn die Vorstellung, der man heute besonders gerne huldigt, macht uns vollends blind gegen das Wesen der Technik" M. Heidegger - Die Frage nach der Technik.

  • 21.07.2010, 21:34 UhrAnonymer Benutzer: nossek

    “Der Glaube, daß es Stücke unserer Welt gebe, die nichts als ‘Mittel’ seien, denen ... gute Zwecke angehängt werden könnten, ist reine illusion. Die Einrichtungen selber sind Fakten, und zwar solche, die uns prägen. Und diese Tatsache ... wird nicht dadurch, daß wir sie verbal zu Mitteln degradieren, aus der Welt geschafft.”
    G. Anders – Die Antiquiertheit des Menschen

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