Konsumkritik: Kapitalisten gegen den Kapitalismus

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Konsumkritik: Kapitalisten gegen den Kapitalismus

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Der Designrevolutionär Friedrich von Borries und seine Truppe auf der 1. Mai-Demo in Berlin Kreuzberg.

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

"Werde Shareholder der Revolution", empfiehlt Designprofessor Friedrich von Borries. Wie das gehen soll? Mit Shoppen natürlich. Neue Anleitungen zur Überwindung des Kapitalismus mit kapitalistischen Mitteln.

Allem Anschein zum Trotz ist Kapitalismuskritik heutzutage nicht etwa verbreitet, sondern tot. Der schlichte Grund dafür ist, dass es kein Außerhalb mehr gibt, von dem aus uns ein kritischer Blick auf den Kapitalismus gestattet wäre. Der Kapitalismus hat uns freundlich gestimmt gegenüber einer Welt, die er mit seinen Waren ausstattet, sich unsere Träume, Wünsche und Sehnsüchte produktförmig angeeignet. Seit wir als Konsumenten das System repräsentieren, das zu kritisieren wäre, hat der Kapitalismus keine Feinde mehr. Was er noch hat, so der Sozialpsychologe Harald Welzer, sind "vielleicht Personengruppen, die noch nicht hinreichend zu Käufern geworden sind".

Harald Welzer "Das Menschenbild der Ökonomen ist Quatsch"

Der Soziologe Harald Welzer rechnet mit der Wachstumsgesellschaft ab. Sein Rezept: Widerstand gegen sich selbst, die Verlockungen des Konsums und das "ekelhafte Geduze" bei Ikea.

Quelle: dpa

Der Philosoph Norbert Bolz hat es in seinem "Konsumistischen Manifest" schon vor zehn Jahren auf den Punkt gebracht: Moderne Kapitalismuskritik ist maximal Konsumkritik - und daher unmöglich, weil der Kapitalismus jede Opposition durch Umarmung erstickt. "Die Subkultur wird heute zum Markenartikel, der Rebell zum Star und die alternative Szene zum Motor der Unterhaltungsindustrie", so Bolz. Protest tauche nur noch als bunter Tupfer auf der Konsumpalette auf, die Gegenkultur sei längst ausspioniert, das große Nein negiere nichts mehr, sondern werde unmittelbar vermarktet - Widerstand zwecklos. Längst suggerieren Firmen von Harley-Davidson bis Apple ihren Kunden im System, dass sie gegen das System konspirieren. Gewinnorientierter Widerstand.

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Friedrich von Borries, 39, macht jetzt noch einmal die Probe auf den Bolz'schen Befund, mit "meinen Mitteln", wie er sagt, mit den Mitteln von Kunst und Design. Borries ist Architekt, Designprofessor, Schriftsteller, ein unternehmerischer Unruhestifter - ein listiger Profikateur des Zeitgeistes. Jetzt ist sein zweiter, nun ja: Roman erschienen, ein knackiger Thriller, der - wenn man ihn beim Wort nähme - auch eine Anleitung zum Widerstand ist. Borries Ziel: die Überwindung des Kapitalismus mit kapitalistischen Mitteln. Borries' Motto: "Werde Shareholder der Revolution".

Doppelbödige Botschaft: Das Blattgold nutzt sich ab und der Slogan wird sichtbar. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Julio Gonzalez

Doppelbödige Botschaft: Das Blattgold nutzt sich ab und der Slogan wird sichtbar.

(zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Julio Gonzalez

Werbung und Widerstand

Wie das geht, exemplifiziert Borries an Jan, 39, Kreativdirektor einer Hamburger Werbeagentur, der den Widerstand der Straße für die Bewerbung eines neues Sportschuhs instrumentalisiert, indem er den Traum von Freiheit mit Zitaten urbaner Subkultur unterstreicht. Als Jan aber dann bei den Londoner Riots tatkräftig miterlebt, wie wunderbar sich das Widerstandsversprechen der Werbung im echten Leben anfühlt, beschließt er, seinem Leben als Doppelagent einen tieferen Sinn zu geben: Künftig will er "nach außen der smarte Werber, aber innen drin ein Widerstandskämpfer" sein. Anders gesagt: Jan-Borries will das System nicht von außen bekämpfen, sondern von innen aushöhlen, die Lüge durch Lüge bekämpfen, das Falsche durch Falschheit überwinden - konsumbejahender Protest als "Counter-Camouflage", in der Hoffnung, dass Minus mal Minus irgendwie Plus ergibt.

Doch geht die Gleichung auf? Jan gründet mit dem anonymen Künstler Mikael Mikael und der Aktivistin Slavia das Lifestyle-Unternehmen RLF, eine Abkürzung, die einerseits ein bisschen nach RAF klingt, und andererseits auf das berühmte Diktum des Philosophen Theodor W. Adorno anspielt: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

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