Lebensart: Die Gartenlust kehrt zurück

Lebensart: Die Gartenlust kehrt zurück

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Der eigene Garten ist für viele eine Zuflucht vor dem Alltag

von Christopher Schwarz

Eine lauschige Sitzecke, ein zierliches Rankgerüst: Kleine Gärten sind ideale Rückzugsorte in der Stadt. Sie brauchen Abwechslung und Vielfalt, aber kein Durcheinander. Und manchmal wirken sie größer, als sie sind.

Als ihr Mann Clemens vor einem Jahr starb, hat Jutta Eckes nicht lang nach einem Platz für ihr Lieblingsfoto suchen müssen. Sie stellte sein Fotoporträt auf den Schemel am Fenster, wo ihr Mann jetzt lächelnd in seinen Garten schaut, seinen "Pocketpark", wie er ihn genannt hat, weil der kleine Garten hinterm Haus "en miniature" alles enthält, was auch ein Park so zu bieten hat: eine Zitterpappel, eine Wiese, ein Rhododendron- und Rosenbeet, einen Teich und eine Skulptur in Gestalt einer bemoosten Gartengöttin mit Füllhorn, die sich in der Nische unter einer Hecke duckt.

Ohne Hecken oder Mauern geht es nicht. Erst recht nicht im kleinen Garten, den man sich nach der eleganten, wenn auch etwas unscharfen Definition des britischen Gartenkenners Andrew Wilson als "nicht großen" Garten vorzustellen hat. Also als einen etwa 20 bis 120 Quadratmeter großen Flecken kultivierter Erde, der eingefasst und eingerahmt sein will. Das kann ein leicht gestufter "modernistischer Dschungel" sein mit Baumfarn, Buchs und einem von Japangras überwachsenen Pfad, aber auch ein wuchernder Cottage-Garten, der fröhlich über den Gartenzaun lugt, oder, wie in Clemens’ Garten, ein "Hortus conclusus", ein verschlossener Garten, der durch Eiben- und Ligusterhecken vor neugierigen Blicken schützt.

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Der Garten als Zuflucht

Erst die klar markierte Grenze macht den Garten, schafft das beseelte Gehäuse, die bergende Höhle, in der man, wie es der Frankfurter Philosoph Jürgen Werner formuliert hat, "der Welt ohne Angst den Rücken kehren kann".

Natürlich ist dieses Verlangen nach Separation, nach ungestörtem Bei-sich-Sein in der Intimität des Gartens, ein uralter Wunsch. Unsere Gärten, die erst mit den Städten nach Europa gekommen sind, waren immer private Zufluchtsorte inmitten urbaner Zivilisation. Noch die großen Wiener und Berliner Wohnblöcke des späten 19. Jahrhunderts boten in ihren geräumigen Innenhöfen neben Grünflächen für alle Mieter auch Parzellen für kleine private Gärten. Erst der moderne Städtebau hat vergessen, dass zu den Errungenschaften der Stadt neben den öffentlichen Plätzen und Straßen auch die Welt der privaten Höfe und Gärten gehört und mit ihnen das Bedürfnis nach Orten der Überschaubarkeit, des kleinen, behaglichen Glücks.

Was Wunder, dass mit den Innenhöfen längst auch die Gartenlust in unsere Städte zurückgekehrt ist. Zum Beispiel im rheinischen Neuss. Dass der hufeisenförmige, geklinkerte Wohnkomplex in der Salzstraße zu den begehrten Adressen in der Innenstadt gehört, liegt nicht nur an der günstigen Lage, sondern vor allem an der grünen Oase hinterm Haus.

Buddha-Figur und Obstspalier

Der zentrale Gemeinschaftsgarten ist von lauter kleinen Gärten umschlossen, die von den Mietern im Parterre mit Fleiß und Stilgefühl gepflegt werden: An das thailändisch inspirierte Gärtchen mit fächelnden Gräsern und Buddha-Figur fügt sich der Naschgarten mit Tomaten, Kletterbohnen und Mini-Obstspalier. Neben dem Rasenspielplätzchen mit Klettergestell, Sandkasten und Schaukel kuschelt sich im schattigen Winkel der Feng-Shui-Garten mit Blauregen, Hortensien, grüngelbbläulichen Funkien und weißen Rosen. Nur die Buchenhecke, die das Neusser Gartenreich in seine Gartenparzellen teilt, will nicht so, wie die Neusser Gärtner wollen. Weil sie es versäumt haben, die Zweige am Boden rechtzeitig zurückzuschneiden, gucken die Kinder durch die Hecke – und die Nachbarn, die sonst um jeden Zentimeter Abstand ringen, rücken einander unfreiwillig näher. Gerade aber die Abgrenzung ist es, die bei aller Nähe die Privatsphäre schafft und Erholung bereitet. "Sichtschutz", auf dem Land gewährleistet durch große Entfernungen zwischen den Nachbarn, entsteht auf engem Raum durch Grenzen.

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