Ludger Wößmann im Interview: "Wir verlieren wirtschaftliches Potenzial"

Ludger Wößmann im Interview: "Wir verlieren wirtschaftliches Potenzial"

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Bildungsökonom Ludger Wößmann

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann über die beste Schulwahl, den schwierigen Umgang mit dem Begriff Elite und den klügsten Weg nach oben.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Wößmann, es gibt inzwischen Elite-Kindergärten, Elite-Schulen, Elite-Hochschulen. Brauchen wir uns um die Zukunft des Landes also keine Sorgen mehr machen?

Wößmann: Solange sich unser Schulsystem nicht ändert, fördern wir vor allem eine Herkunftselite, keine Leistungselite. Aufgrund der frühen Aufteilung der Schüler in Gymnasium, Real- oder Hauptschule bleiben viele leistungsfähige Kinder aus bildungsfernen Schichten auf der Strecke. Wir brauchen Gymnasien, aber die Auswahl der Schüler darf nicht so früh erfolgen. Deutschland gehört zu den Ländern, in denen Leistung am stärksten vom Elternhaus abhängt.

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Mit welcher Folge?

Wir verlieren wirtschaftliches Potenzial. Vielen, die das Zeug hätten, zu den Besten zu gehören, wird das früh verbaut. Jüngste Forschungen zeigen, dass sowohl eine Leistungselite als auch eine gute Bildung für die breite Bevölkerung sich jeweils separat stark auf das langfristige Wirtschaftswachstum auswirken. Wenn wir zu den besten Bildungsnationen aufschließen würden, könnte langfristig das Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts dauerhaft um 0,5 Prozentpunkte höher liegen.

Ist „Elite“ denn eigentlich klar definiert? 

Das ist ein schwieriger Begriff, der von vielen Seiten unterschiedlich belegt ist. Nicht zuletzt hat Elite auch eine moralisch-ethische Komponente in Bezug auf Verantwortung. Ich verbinde damit die klügsten und besten Köpfe in den entscheidenden Positionen wichtiger Bereiche wie Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Politik. Das Wichtigste: Jeder muss die Chance haben, dorthin aufsteigen zu können.

Welche Schule müssten Kinder besuchen, damit sie ihre Berufschancen optimieren? 

In unserem jetzigen System geht eigentlich am Gymnasium kaum ein Weg vorbei. Die Forschung zeigt, dass die kognitiven Leistungen, also die Kompetenzen in klassischen Fächern wie Mathematik, Naturwissenschaften und Deutsch, einen positiven Einfluss auf das spätere Einkommen haben. Je besser die Leistungen in diesen Fächern, desto höher die Aussicht auf Erfolg. Das Gymnasium leistet diese Vorarbeit. Grundsätzlich sollten aber alle Schulen auf die Arbeitswelt vorbereiten. Kinder brauchen ein Umfeld, wo sie sich zu mitdenkenden, selbstbewussten Menschen entwickeln können.

Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder heute gerne auch auf Privatschulen. Sind die die bessere Wahl? 

Das ist nicht unbedingt eindeutig. Es gibt eine Untersuchung, die zeigt, dass hierzulande Privatschulen nicht wesentlich besser sind, wenn man die Effekte der sozialen Selektion herausrechnet. Hinzu kommt: Wenn private Schulen durch hohe Schulgelder eine solche Selektion vornehmen und weitgehend Kinder aus höheren Einkommensschichten rekrutieren, dann kann der Effekt sogar negativ sein. Neueste Studien haben ergeben, dass soziale Kompetenzen wie Motivation, Selbstdisziplin und Beharrlichkeit relevanten Einfluss auf die Höhe des Einkommens haben. Es ist durchaus denkbar, dass sich solche Sozialkompetenzen in heterogenen Gruppen besser erlernen lassen als in teuren, aber abgeschotteten Internaten.

Dann sind Sie gegen Privatschulen? 

Im Gegenteil. Sie sind für unser Bildungssystem außerordentlich wichtig. Dort, wo viele Privatschulen existieren, ist das Leistungsniveau insgesamt höher, also auch das der öffentlichen Schulen. Ihre schiere Präsenz fordert die staatlichen Institutionen zum Wettbewerb und damit zu Verbesserungen heraus – aber nur, wenn durch öffentliche Finanzierung sichergestellt ist, dass alle Eltern wählen können, und damit echter Wettbewerb entsteht.

Gibt es Fächer, die besser auf Spitzenpositionen vorbereiten als andere? 

Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Fächer Wirtschaft, Jura, Medizin und einige Ingenieur- und Naturwissenschaften den höchsten positiven Einfluss auf die Einkommenshöhe haben.

Die Exzellenzinitiative hat neun Hochschulen zu Elite-Universitäten gekürt. Ist ein Studium dort ein Ticket für eine steile Karriere?

Die Exzellenzinitiative hat Forschungsleistungen bewertet und nicht die Lehre. Ersteres ist natürlich wichtig, denn wir brauchen Spitzenforschung. Inwieweit dies unmittelbar den Studierenden zugute kommt, bleibt abzuwarten. Um zu besserer Lehre zu kommen, die für die Absolventen die Startchancen in den Job verbessert, bedarf es noch mehr Wettbewerb und Autonomie der Hochschulen sowie Entscheidungsstrukturen, die auf eine gute Ausbildung der Studierenden ausgerichtet sind.

Viele junge Studenten gehen heute zudem ins Ausland. Ist das eine sinnvolle Alternative? 

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