
Er steht im Bad, direkt über dem Arbeitszimmer. Durch die Heizklappe dringen drei Stimmen nach oben: die seines Vaters, die seines Onkels; und die von Tomás Masaryk, dem späteren Ministerpräsidenten der Tschechoslowakei. „Das ist nicht nur das Ende Österreichs“, hört Peter Drucker einen der Männer sagen, „sondern der Zivilisation.“
Es ist ein Tag im August 1914. Der österreichische Erzherzog Franz Ferdinand war wenige Wochen zuvor erschossen worden, der Erste Weltkrieg gerade ausgebrochen. Drucker, keine fünf Jahre alt, wird Zeuge einer historischen Zäsur. „Ich war und bin“, zitiert er den deutschen Titel seiner Lebenserinnerungen, „ein Zaungast der Zeitgeschichte.“
Geboren am 19. November 1909, spannt sich Druckers Leben vom Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und den Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik, die Anfänge der Nazi-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg; von Depression und Inflation der Zwanzigerjahre über den Wirtschaftsboom der Nachkriegsjahre und die Ölkrise bis ins Internetzeitalter.
Drucker ist ein einzigartiger, ein kluger Zeitzeuge, der das 20. Jahrhundert in allen Schattierungen erlebt hat, mit all seinen Umwälzungen, Zusammenbrüchen und Neuanfängen. „Ich bin ein Außenseiter, der nicht selbst Geschichte macht, jedoch mitten auf der Bühne des Weltgeschehens steht.“ Druckers Kindheit ist geprägt vom Krieg. Lesen lernt er beim Durchgehen der Gefallenenlisten, auf der Suche nach Namen aus dem Familien- und Bekanntenkreis. „Keiner von uns konnte sich vorstellen, dass der Krieg je aufhören würde“, erinnert sich Drucker. „,Wenn ich groß werde‘ hieß: ,Wenn ich an die Front geschickt werde‘.“
Zum Intellektuellen erzogen
Das immerhin bleibt Drucker erspart. Nicht aber die Folge des Kriegsendes: der Hunger.
Druckers Retter: Herbert Hoover. Der spätere US-Präsident hatte im harten Winter 1919/20 als Chef der US Food Administration Schulspeisungen für Kinder in ganz Europa angeordnet. „Seitdem habe ich eine Aversion gegen Haferbrei und Kakao“, sagt Drucker, „aber immerhin etwas zu essen.“ Über Mangel an geistiger Nahrung dagegen kann Drucker nicht klagen. Er wächst auf in der Welt des Wiener Großbürgertums zur Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie, wo Bildung, Kultur, Geschichtsbewusstsein, Musik, Kunst und Kosmopolität ganz oben in der Wertordnung stehen, Kinder ganz selbstverständlich vielsprachig erzogen werden.
Seine Eltern – Vater Adolph ist angesehener Ökonom und Anwalt im Wirtschaftsministerium, Mutter Caroline Ärztin – laden regelmäßig zur Soirée. Diskutiert wird über Politik und Wirtschaft, Literatur und Mathematik, Medizin und Musik. „Er wird nicht zum Akademiker erzogen“, schreibt Drucker-Biograf Jack Beatty, „sondern zum Intellektuellen.“
Gästeliste und Bekanntenkreis der Druckers lesen sich wie das „Who’s who“ des frühen 20. Jahrhunderts: Joseph Schumpeter, Sigmund Freud, Gustav Mahler, unter dessen Leitung Druckers Großmutter, eine Schülerin Clara Schumanns, als Solopianistin bei den Wiener Philharmonikern wirkte. Auch Franz Kafka, den Drucker nicht nur als Autor, sondern als Erfinder des Sicherheitshelms kennen lernt. Und Thomas Mann, den er bei einer privaten Lesung erlebt. Druckers Urteil: „Eher langweilig.“













