Management: Raus aus der Perfektionismusfalle

Management: Raus aus der Perfektionismusfalle

von Jochen Mai

Es ist ein Fehler, keine Fehler machen zu wollen. Perfektionismus hält oft nur auf und führt zum Tunnelblick. Mit 80 Prozent vom Optimum lassen sich dagegen häufig bessere Ergebnisse erreichen. Schneller sowieso.

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Als Thorsten Jekel im März seine iPad-App auf den Markt bringt, ist sie zwar noch nicht ausgereift, aber schon "ganz gut", wie er offen zugibt. Mit iTempus will er einen klassischen Kalender elektronisch nachbilden und auf Apples Tablettrechner bringen. Er ist nicht der Erste seiner Art. Aber der optisch opulenteste, selbst wenn die App dadurch schwerfällig wird. Auch von den geplanten Funktionen sind erst 80 Prozent eingebaut. Dafür gibt es die Erstausgabe (Fachjargon: Beta-Version) zwei Monate lang gratis. "Man kann nicht ewig warten, bis alles perfekt ist", sagt Jekel, "im App-Business musst du vor allem eins sein: schnell."

Selbst wenn man dabei riskiert, zu schnell zu sein. Und so kommt es auch: Als Apple im Mai seine Software ändert, muss Jekel ebenfalls ad hoc mit einem Update reagieren. Das aber bringt den iTempus regelmäßig zum Absturz. Nichts geht mehr, auch nicht bei Nutzern, die die App schon geladen haben. Der Ärger ist groß, Apple nimmt das Produkt sogar aus seinem Online-Laden, dem App Store.

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"Das war der GAU", erinnert sich Jekel. Entsprechend stemmen er und sein Team binnen fünf Tagen eine neue Version, kämpfen sich durch Apples komplizierte Genehmigungsprozedur und bringen den Zeitplaner zurück in den Store. Parallel kommunizieren sie mit den Kunden, entschuldigen sich, verlängern die Gratisphase als Wiedergutmachung bis Ende Juni und bitten um weitere Verbesserungsvorschläge.

Schnelligkeit vor Perfektion

Ergebnis: iTempus ist ein Erfolg. Bis heute wurde die App mehr als 7200 Mal heruntergeladen, landete zwischenzeitlich in der Rubrik "Produktivität" auf Platz eins der Download-Charts und erhält Mitte August ein neues Update, bei dem zahlreiche Vorschläge der Nutzer verwirklicht werden.

Hat er seinen Schnellschuss bereut?

"Im Gegenteil“, sagt Jekel. "Aus allem, das schiefgelaufen ist, haben wir dazugelernt und sind besser geworden." Schnelligkeit sei viel wichtiger als Perfektion.

Auch der Bayer-Chef Marijn Dekkers, der seit rund zehn Monaten an der Spitze des Leverkusener Pharmakonzerns steht, erzählt, wenn man ihn auf das Thema Perfektion anspricht, gerne einen alten Witz: Zwei Wanderer treffen in den kanadischen Wäldern einen Bären. Der eine Wanderer reagiert sofort, zieht seine schweren Schuhe aus und die Laufschuhe an. "Was soll das denn?", fragt sein Kumpel. "Damit kommst du auch nicht weit!" Darauf der andere: "Es reicht schon, dass ich schneller bin als du!"

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