Nervende Floskeln: Die Epidemie der Sprachbazillen

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Nervende Floskeln: Die Epidemie der Sprachbazillen

von Ferdinand Knauß

Viel schlimmer als jede Grippe: Immer nervigere Blähwörter breiten sich epidemisch aus. Doch jeder Einzelne kann sich schützen.

Es ist ja nun Erkältungszeit. Die Luft der Konferenzräume und Großraumbüros ist gut gesättigt in diesem milden November mit Rhino-, Corona- und Paramyxoviren. In den Nasenhöhlen und Rachen der durch Stress geschwächten Insassen finden sie beste Fortpflanzungsbedingungen vor.

Ganzjährig beste Bedingungen bietet die moderne Arbeitswelt mit ihrem pausenlosen Kommunikationszwang leider auch den unsichtbaren Geistesbazillen, die sich ein paar Zentimeter oberhalb der Grippeviren im Sprachzentrum der Menschen festsetzen. Die Folge ist ein Übel, das noch deutlich hartnäckiger und für die Mitmenschen ärgerlicher sein kann als ein Schnupfen: Dummgeblubber.

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Kennen Sie die Bedeutung folgender Floskeln?

  • Für die Belange der Belegschaft hat er stets Einfühlungsvermögen bewiesen.

    Der Mitarbeiter suchte sexuelle Kontakte im Kollegenkreis.

  • Sie zeigte Verständnis für ihre Arbeit.

    Mangelhafte Leistungsbeurteilung

  • Er hat mit seiner geselligen Art zur Verbesserung des Betriebsklimas beigetragen.

    Der Mitarbeiter hat ein Alkoholproblem.

  • Sie hat sich im Rahmen ihrer Fähigkeiten eingesetzt.

    Mangelhafte Leistung

  • Er ist tüchtig und weiß sich zu verkaufen.

    Unangenehmer Mitarbeiter, Wichtigtuer

  • Er hat seine Aufgaben ordnungsgemäß erledigt.

    Bürokrat, ohne Initiative

  • Sie erledigte ihre Aufgaben mit großem Fleiß und Interesse.

    Mangelhafte Leistung

  • Wegen seiner Pünktlichkeit war er stets ein Vorbild.

    In jeder Hinsicht eine Niete.

  • Sie war sehr tüchtig und in der Lage, ihre eigene Meinung zu vertreten.

    Laut UrteilLAG Hamm (Az 4Sa 630/98) unzulässig, da doppelbödig.

  • Ihm wurde die Gelegenheit zu Fortbildungsmaßnahmen geboten.

    Mitarbeiter hat die Fortbildungsmaßnahmen nicht genutzt.

Ganz ähnlich wie ihr mikrobiologisches Pendant pflanzen sich die Sprachbazillen meist rasend schnell von Mund zu Mund (oder Ohr) fort. Man hört sie alltäglich im Büro, im Konferenzraum und in der Kantine. Derzeit besonders verbreitet: Die Antwort "keine Ahnung", gefolgt von einem ausführlichen Kommentar, in dem wiederum jeder zweite Satz wieder mit "keine Ahnung" beginnt.

Die Epidemie des "nicht wirklich" klingt glücklicherweise gerade aus. Auch "ganz großes Kino" ist auf dem Rückzug. Ebenso "wie geil (oder asozial oder was auch immer) ist das denn!?".

Hier hat das angefangen, was langfristig jeder Floskel den Garaus macht: Sie gelten als ordinär und Indiz der Dümmlichkeit des Sprechers. Noch nicht geschehen ist das mit "spannend" als Bezeichnung für alles, was man angeblich interessant findet, über das man sich allerdings keine tieferen Gedanken zu machen gedenkt.

Besonders hartnäckig halten sich leider gerade bei jüngeren Sprechern und leider gerade in der Lebenswelt der so genannten Medienschaffenden hässliche Nicht-Worte wie das das fragend-vorwurfsvolle "Hallo!?" und das – nur in Lautschrift schreibbare – "həhəhə" als denkfaule Verweigerung einen Satz korrekt auszuführen. Vermutlich weil man sie schlecht schreiben kann, fehlt diese schlimmste aller Sprachkrankheiten sogar in dieser nahezu kompletten "Liste der nervigsten Redewendungen und Floskeln".

In vollem Saft steht derzeit auch "alles gut". Manche Gegenwartsdeutsche begrüßen ihre Nachbarn auf der Straße nicht mehr mit "Guten Tag" oder "Hallo", sondern mit "Alles gut?". Worauf sie als Antwort natürlich "Alles gut!", erwarten. An diesem Beispiel kann man gut verfolgen, wie sich Floskeln und anderes Dummdeutsch ausbreitet, nämlich nach den "Gesetzen der Nachahmung", die der Soziologe Gabriel Tarde einst in seinem gleichnamigen Standardwerk formulierte: also von den Überlegenen zu den Unterlegenen. Das heißt allerdings nicht, von den Reichen zu den Armen oder von den Gebildeten zu den Ungebildeten, sondern von denen, die den Ton angeben, zu denen, die ihn hören.

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