Das Schweigen gehört bei den Quandts zur Familientradition. Schon der Konzernstifter Günther Quandt hielt Geheimhaltung für eine Tugend. Seine Söhne Harald und Herbert sollen ihn darin noch überboten haben. Auch die jetzige Generation der Quandts war stolz darauf, sich die Journalisten vom Leibe zu halten – bis ein viel beachteter ARD-Fernsehfilm kürzlich die Beschäftigung von Zwangsarbeitern in einer Fabrik der Quandts im Zweiten Weltkrieg dokumentierte. Als sich die Falltür der Geschichte öffnete, jammerte ein genervtes Familienmitglied: „Wir müssen endlich mal versuchen, das zu vergessen.“ Außergewöhnlich ist diese Haltung nicht. Die gedankliche Verarbeitung des Unheils, das hinter ihnen lag, fiel auch den Gründervätern schwer, die nach dem Krieg das Wirtschaftswunder anschoben. Das Dilemma: Die Stabilität der zweiten deutschen Demokratie wäre ohne das Wirtschaftswunder nicht denkbar gewesen. Und ausgerechnet daran hatten Industrielle und Wirtschaftsmanager einen Anteil, die einem Netzwerk angehörten, das sich bereits während der Nazidiktatur gebildet hatte. Der Blick über die imaginäre Stunde null hinweg in die Abgründe der Vergangenheit wurde nach Möglichkeit vermieden – von den Historikern, aber vor allem von den Protagonisten selbst. In den Memoiren, die einige von ihnen schrieben (oder schreiben ließen), fällt vor allem auf: Der Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Jahr 1945 spielte für sie kaum eine Rolle. Vielmehr verdankten viele von ihnen ihre spätere Karriere Albert Speer. Adolf Hitler hatte seinen Architekten 1942 zum Rüstungsminister ernannt. Er war damals 37 Jahre alt, der Führer hatte ein Faible für Dilettanten, entscheidend aber war Speers Organisationstalent. Sein Ehrgeiz verdrängte alle Bedenken. Mit Feuereifer und einem Führerbefehl im Rücken fing er an, die Rüstungsproduktion von seinem Schreibtisch aus am Pariser Platz 4 in Berlin zu koordinieren und sie der riesigen Heeresbürokratie zu entziehen. Als Mitarbeiter suchte er Männer mit Nerven und Biss. Amtschefs, die älter als 55 Jahre waren, hielt er auf Distanz. In diesem Alter herrschten, fand Speer, „Routine und Anmaßung“ vor. War kein geeigneter Ersatz zur Stelle, sollten wenigstens die Stellvertreter nicht älter als 40 Jahre sein. So kam es, dass in dem relativ kleinen Ministerium jugendliche Gesichter das Bild bestimmten, ebenso in dem riesigen Heer von über Zehntausend Managern und Technikern aus allen Bereichen der Industrie, die Speers Direktiven in den Rüstungsbetrieben umsetzen sollten. Hitler selbst prägte für diesen Jugendstil des Rüstungsministeriums das Wort von „Speers Kindergarten“. Mit diesen rund 6000 hochmotivierten Jungmanagern, allesamt deutlich jünger als 50, beginnt die Personalgeschichte des „Wirtschaftswunders“ in den Fünfzigerjahren. Auf die Härten der Nachkriegsjahre waren sie bestens vorbereitet – darunter einflussreiche Unternehmenschefs wie Heinrich Nordhoff von VW und Thyssen-Chef Hans-Günther Sohl, umtriebige Handelsherren wie Josef Neckermann und ehrgeizige Technikpioniere wie Ernst Heinkel, aber auch Professoren, zum Beispiel der Statistiker Rolf Wagenführ, der für die einheitliche Grundlage der Rohstoffbilanzen sorgte. Nach dem Krieg setzte er seine Karriere erst bei der Gewerkschaft und später als Leiter der statistischen Abteilung der Montanindustrie in Luxemburg fort und beschloss sie als Professor in Heidelberg. Oder Karl Maria Hettlage, ein Jurist, der während des Krieges Leiter der Finanz- und Wirtschaftsabteilung bei Speer war. Als Staatssekretär (1959 bis 1962 und 1967 bis 1969) war er später der maßgebende Mann im Bundesfinanzministerium. Ein prominenter Gefolgsmann von Speer war auch der Jurist Ernst Wolf Mommsen, der als Verbindungsmann der Reichsgruppe Industrie zum Rüstungsministerium diente. Mit seinen Verbindungen in der Eisen- und Stahlindustrie fand er nach dem Krieg schnell wieder Anschluss. Er beendete seine Laufbahn als One-Dollar-Man und Staatssekretär im Bundeswirtschafts- und im Bundesverteidigungsministerium. Einige Männer aus dem engsten Umkreis von Speer waren nach dem Krieg nicht mehr tragbar, unter ihnen auch Walter Rohland, der als „Panzer-Rohland“ in die Annalen der Kriegswirtschaft einging. Aber mit ihren Verbindungen reichte es allemal zum Geldverdienen in der Wirtschaft. Speers „Buben“, wie die Riege der 30- bis 40-Jährigen spöttisch genannt wurde, waren in erster Linie tüchtige Techniker und fähige Ingenieure. Nicht wenige von ihnen hatten in den frühen Dreißigerjahren erlebt, was es heißt, arbeitslos zu sein. Sie waren loyale und oft überzeugte Nationalsozialisten, die ihren Weg erst mit Kriegsbeginn in der Rüstungswirtschaft begonnen hatten und sich mit ganzer Kraft in den Dienst der Hitler’schen Kriegsziele stellten.
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