PIAAC: OECD bescheinigt Deutschen schwache Lesefähigkeit

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PIAAC: OECD bescheinigt Deutschen schwache Lesefähigkeit

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Ein Mann liest Mann - Klaus Manns Tagebücher genauer gesagt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellte am Dienstag die Ergebnisse von PIAAC vor, eines PISA-Tests für Erwachsene.

von Ferdinand Knauß

Eine Neuauflage des PISA-Schocks? Die OECD untersuchte mit der Bildungsstudie PIAAC Kompetenzen von Erwachsenen im internationalen Vergleich: Die Deutschen schneiden mittelmäßig ab. Die Tests sind fragwürdig.

Nach dem PISA-Schock beschert die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung den Deutschen mal wieder einen Dämpfer: Deutsche Erwachsene können nach Ansicht der OECD nicht besonders gut lesen. Der leicht unter dem internationalen Schnitt liegende Wert für Deutschland sei „vor allem durch Schwächen im unteren Kompetenzbereich verursacht“: Bei den 25 Prozent Leistungsschwächsten verstärkt sich die Differenz zum OECD-Durchschnitt. Dies ist eines der Ergebnisse der Bildungsstudie „Programme for the International Assessment of Adult Competencies“ (PIAAC), die heute in Berlin vorgestellt wurde. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat damit erstmals Alltagskompetenzen von 16- bis 65-jährigen Erwachsenen in 24 Ländern untersucht und verglichen. Getestet wurden die Fähigkeiten im Lesen, in der alltäglichen Anwendung mathematischen Wissens und der Umgang mit neuen Technologien wie Internet und E-Mail. Es ginge um „Grundkompetenzen, die für eine große Bandbreite von Aktivitäten in unserer Gesellschaft erforderlich sind“, heißt es in der Studie. In Deutschland wurden 5300 repräsentativ ausgewählte Teilnehmer befragt.

An der Spitze im internationalen Vergleich liegt mit durchschnittlich  296 Punkten Japan, am unteren Ende Italien mit 250. Deutschland liegt mit 270 knapp unter dem OECD-Durchschnitt von 273 Punkten. Neben Japan erzielen auch Finnland (288 Punkte), die Niederlande (284 Punkte), Australien (280 Punkte), Schweden (279 Punkte), Norwegen (278 Punkte), Estland (276 Punkte) und Flandern (275 Punkte) eine überdurchschnittliche mittlere Lesekompe­tenz. Auffallend niedrige Lesekompetenzen zeigen neben den Italienern auch die Spanier (252). England/Nordirland (272 Punkte), Dänemark (271 Punkte), die Vereinigten Staaten (270 Punkte), Österreich und Zypern (jeweils 269 Punkte) erreichen ähnliche Mittelwerte wie Deutschland.

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Die Aussagefähigkeit der von der OECD angewandten Kompetenzstufenmodelle wird von vielen Wissenschaftlern allerdings in Zweifel gezogen. Ob intellektuelle Kompetenzen wie Lesen oder „technologiebasiertes Problemlösen“ durch Tests metrisch messbar und sinnvoll in Stufen eingeteilt werden können, ist umstritten. Bei PIAAC wurde den Teilnehmern zum Beispiel ein in Deutschland völlig unübliches rundes Thermometer mit Zeiger und zwei Skalen („°C“ und „°F“) präsentiert, und dazu die Frage „Wenn die angezeigte Temperatur um 30 Grad Celsius sinkt, was ist dann die Temperatur in Grad Celsius“. Da die Maßeinheit „°F“ (Fahrenheit) den meisten Deutschen fremd ist, dürften viele deutsche Teilnehmer allein deswegen eine falsche Antwort gegeben haben. Getestet wurde also nicht so sehr das „technologiebasierte Problemlösen“, sondern das Wissen um einen Kulturunterschied zwischen Europa und den USA – oder schlicht die Konzentrationsfähigkeit in einem Test, der keinerlei persönliche Konsequenzen für den einzelnen Teilnehmer hat.

In Politik und Öffentlichkeit werden die Ergebnisse solcher Kompetenzstufenmodelle aber aufgrund ihrer zumindest scheinbar empirisch gesicherten Basis trotzdem als Erfolgsindikator ernst genommen. Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das die Studie in Deutschland in Auftrag gegeben hat, richtet man daher den Blick vor allem auf ein positives Detailergebnis: Jüngere deutsche Erwachsene können laut PIAAC besser lesen als ältere. Die Forscher von gesis, dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, das PIAAC in Deutschland durchführte, stellten fest, dass etwa 30 Prozent  der 55- bis 65-Jährigen höhere Lesekompetenzen (ab Stufe III) aufweisen, während dies bei den 16- bis 34-Jährigen bereits circa 60 Prozent schaffen. Das BMBF sieht die festgestellte bessere Lesefähigkeit der jüngeren Menschen im Vergleich zu den Alten als Beleg für den Erfolg der Bildungspolitik. „PIAAC zeigt, dass sich persönliche und staatliche Investitionen in Bildung rechnen. Die Ergebnisse belegen auch, dass die erhöhten Investitionen in Bildung und die angestoßenen Bildungsreformen in Deutschland wirken“, sagte die Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Cornelia Quennet-Thielen, bei der Vorstellung der Studie.

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Die Ergebnisse von PIAAC können auch als Beleg für den Erfolg der dualen Berufsbildung in Deutschland und die Irrelevanz höherer Akademisierung dienen. Staaten mit höheren Anteilen an Hochschulabsolventen haben keine wesentlichen Kompetenzvorteile oder schneiden zum Teil schlechter ab als Deutschland. Die positive Wirkung und große Integrationskraft des dualen Ausbildungssystems, das Schülern berufspraktische Fähigkeiten vermittelt, zeigt sich nicht zuletzt an einem ganz handfesten und unumstrittenen Kriterium: der Jugendarbeitslosigkeit. Sie betrug 2012 in Deutschland 8,1 Prozent gegenüber 22,8 Prozent im EU-Schnitt.  

 

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