Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki: "In Deutschland fehlt eine Kultur der Kritik"

InterviewPsychotherapeutin Bärbel Wardetzki: "In Deutschland fehlt eine Kultur der Kritik"

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Dr. Bärbel Wardetzki ist psychologische Psychotherapeutin in München. Ihr Buch zum Thema: Kränkungen am Arbeitsplatz. Strategien gegen Missachtung, Gerede und Mobbing (Kösel-Verlag).

von Anna Sabina Sommer

Kritisiert zu werden, ist dem Kritisierten meist peinlich. Auf die Selbstzweifel kann eine unkontrollierte Wut folgen. Die Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki weiß, wie man mit Kritik umgehen sollte.

WirtschaftsWoche: Welche Rolle spielt Kritik in unserem Alltag?

Kritik ist in unserem Alltag gegenwärtig. Wir sind also ständig damit beschäftigt, unser Selbstwertgefühl auszubalancieren.

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Werden wir im Berufsalltag häufiger gelobt oder kritisiert?

Eine konstruktive Kritik kommt im Berufsalltag genauso selten vor wie Lob. In Deutschland fehlt eine gute Kritikkultur, die dafür sorgt, dass wir uns im Berufsalltag auf eine wohlwollende Art auf Schwächen hinweisen. Ich kann aber Vorgesetzte auch nicht verstehen, warum sie nicht das Lob mehr nutzen, um die Arbeitsmotivation der Mitarbeiter zu stärken.

Warum?

Wenn kritisiert wird, dann erfolgt das Urteil meist in sogenannten Mitarbeitergesprächen in geballter Ladung und macht dann nicht unbedingt Mut. Arbeitnehmer müssen sich wieder sicher fühlen, Fehler zeigen zu dürfen.

So üben Sie Kritik, ohne Ihr Gegenüber zu kränken

  • Nicht vor anderen!

    Achten Sie darauf, dass Kritik immer unter vier Augen stattfindet. Vermeiden Sie es, Kritik vor anderen zu äußern. So gefestigt eine Person auch zu sein scheint, Kritik trifft immer. Geschieht dies vor anderen, fühlt sich die kritisierte Person bloßgestellt.

  • Sachlich bleiben!

    Beziehen Sie Ihre Kritik immer auf ein bestimmtes Ereignis. Kritisieren Sie niemals pauschalisierend. Die Kritik muss nachvollziehbar sein, so dass die Entwertung nicht persönlich verstanden werden kann, sondern lediglich einem ganz bestimmten Thema zugeordnet wird. Zeigen Sie bestenfalls Verbesserungsmöglichkeiten auf.

  • Abwertung vermeiden!

    Kritisieren Sie keineswegs bestimmte Eigenschaften eines Mitarbeiters, sondern versuchen Sie zu eruieren, warum eine Angelegenheit nicht zu Ihrer Zufriedenheit ausgeführt wurde. Räumen Sie im besten Fall Raum und Zeit ein, um den Mitarbeiter selbst mit seinen Stärken und Schwächen zu konfrontieren. Lassen Sie ihn selbst darauf kommen, woran es in einer bestimmten Situation gefehlt hat.

  • Positives voranstellen!

    Fallen Sie nicht gleich mit der Kritik ins Haus. Leiten Sie das Gespräch damit ein, positive Eigenschaften hervorzuheben. Fühlt sich ein Mitarbeiter wertgeschätzt, dann wird Ihre nachfolgende Kritik viel eher angenommen.

  • Nie von oben herab!

    Stellen Sie sich nicht so dar, als könnten und wüssten Sie alles besser. Formulieren Sie die Kritik als Handlungsempfehlung. Lassen Sie Ihren Mitarbeiter vielleicht selbst erzählen, wie er eine bestimmte Situation empfunden hat. Vielleicht ergeben sich ja sogar von alleine Eingeständnisse.

  • Vermeiden Sie direkte Kritik!

    Sätze, die mit „Ich“ beginnen, können schnell als Angriff interpretiert werden. Formulieren Sie die Kritik tendenziell so, dass Sie den Satz aus der vermeintlichen Sicht Ihres Gegenübers beginnen. Ergänzen Sie dann, wie Sie zu der Situation stehen. In etwa so: „Wie Ihnen sicherlich auch schon aufgefallen ist, gibt es dort und dort ein Problem. Ich würde folgende Maßnahmen vorschlagen…“

Was passiert mit uns, wenn wir kritisiert werden?

Wenn Kritik wahrhaftig ist, sticht sie immer ins Herz und tut im ersten Moment weh. Das ist ganz normal.

Wie gehe ich damit um?

Es ist immer abhängig von der emotionalen Verfassung, wie nah wir eine Kränkung an uns heranlassen. Aber in der Regel sollte man erst einmal tief durchatmen und sich nicht zu Dingen hinreißen lassen, die man möglicherweise mit ein bisschen Abstand und gutem Rat im Nachhinein nicht mehr unterschreiben würde.

Wie ich am besten mit Kritik umgehe

  • Tief durchatmen!

    Nach erfolgter Kritik ist Distanz wichtig. Nicht aus der ersten heftigen Reaktion heraus Taten folgen lassen. Ganz bewusst selber beruhigen und unterstützen.

  • Handeln Sie nicht aus der ersten Reaktion heraus!

    Die Expertin rät, sich die Wut aus der Seele zu schreiben. Beispielsweise in einer E-Mail, die Sie aber nicht gleich abschicken, sondern erstmal in Entwürfe speichern. Nach ein paar Tagen können Sie dann entscheiden, ob Sie das noch so unterschreiben würden.

  • Holen Sie sich Unterstützung!

    Reden Sie mit dem Partner oder Freunden über die Vorkommnisse. Eine neutrale Person wird die Situation meistens weniger aufgeregt betrachten und manchmal sogar feststellen, dass von beiden Seiten nicht alles super gelaufen ist.

  • Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken!

    Stehen Sie hinter sich selbst. Sie tun sich keinen Gefallen damit, wenn Sie sich auch noch selbst verurteilen und anklagen.

  • Aktivieren Sie Ihre Ressourcen!

    Besinnen Sie sich auf Ihre Kompetenzen, Fähigkeiten und bisherige Erfolge. Lassen Sie sich nicht einschüchtern und klein machen. Je selbstsicherer Sie sind, umso besser können Sie mit Kritik umgehen.

Wann wird aus Kritik eine Kränkung?

Kritik, die ich nicht selbst erwünscht habe, wirkt meist wie eine Kränkung. Sie sollte aber nicht unbedingt derart das Selbstwertgefühl angreifen, dass man danach gleich meint, den Beruf verfehlt zu haben. Oder noch viel schlimmer: Glaubt, keine Berechtigung mehr im Leben zu haben.

Kann auch mangelnde Resonanz kränken?

Es gibt Menschen, die vieles als Kritik und Kränkung interpretieren, das aber gar nicht so gemeint ist. Wenn Sie aber das Gefühl haben sollten, dass Ihr Vorgesetzter Ihnen bestimmte Arbeiten vorenthält oder sogar entzieht, sollten Sie ihn einfach darauf ansprechen. Manchmal steckt ein ganz einfacher Grund dahinter, der gar nichts mit Ihrer Arbeit zu tun hat. Man sollte immer aufpassen, dass nicht irgendwelche paranoiden Gedanken die Oberhand übernehmen.

Kann aus einer Reihe von Kränkungen Mobbing entstehen?

In der Regel haben Kränkungen im Alltag nichts mit Mobbing zu tun. Da muss man sehr vorsichtig sein. Denn von Mobbing lässt sich erst sprechen, wenn der Konflikt verhärtet ist und kaum ein Ausweg möglich ist. Mobbing kann aber aus einer Reihe von ungelösten Kränkungskonflikten entstehen. Beispielsweise, wenn wir unfähig sind, uns Angriffen zu stellen.

Mobbing ist also immer eine Konsequenz unserer Unfähigkeit, mit Kränkung umzugehen?

Statt sich einem Konflikt zu stellen, reagiert man wütend, sauer und passiv. Mit diesem Verhalten unterstützt man das Gefühl des Ausgeschlossenseins zusätzlich. Hält dieser Zustand über einen längeren Zustand an, kann sich daraus sogar Mobbing entwickeln.

So begegnen Sie Kritik

  • Tief durchatmen!

    Nach erfolgter Kritik ist Distanz wichtig. Nicht aus der ersten heftigen Reaktion heraus Taten folgen lassen. Ganz bewusst selber beruhigen und unterstützen.

  • Handeln Sie nicht aus der ersten Reaktion heraus!

    Die Expertin rät, sich die Wut aus der Seele zu schreiben. Beispielsweise in einer E-Mail, die Sie aber nicht gleich abschicken, sondern erstmal in Entwürfe speichern. Nach ein paar Tagen können Sie dann entscheiden, ob Sie das noch so unterschreiben würden.

  • Holen Sie sich Unterstützung!

    Reden Sie mit dem Partner oder Freunden über die Vorkommnisse. Eine neutrale Person wird die Situation meistens weniger aufgeregt betrachten und manchmal sogar feststellen, dass von beiden Seiten nicht alles super gelaufen ist.

  • Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken!

    Stehen Sie hinter sich selbst. Sie tun sich keinen Gefallen damit, wenn Sie sich auch noch selbst verurteilen und anklagen.

  • Aktivieren Sie Ihre Ressourcen!

    Besinnen Sie sich auf Ihre Kompetenzen, Fähigkeiten und bisherige Erfolge. Lassen Sie sich nicht einschüchtern und klein machen. Je selbstsicherer Sie sind, umso besser können Sie mit Kritik umgehen.

Warum kritisieren narzisstische Menschen besonders scharf?

Narzisstische Menschen haben sich einen idealen Aufbau als Schutz ihres Selbstwertgefühls aufgebaut. Sie reagieren daher aggressiv und abwehrend. Sie dürfen nicht zulassen, etwas falsch gemacht zu haben, sonst würde ihr Gebäude wanken. Sie retten sich daher in Überheblichkeit, die ihnen ermöglicht, die Fassade zu wahren. Dies dient ihnen als Ersatz für die fehlende innere Sicherheit - obwohl sie so selbstsicher wirken.

weitere Artikel

Wie können wir uns nach vermehrter Kritik wieder selbst motivieren?

Selbstfürsorge üben, indem wir uns auf unsere Fähigkeiten und Kompetenzen besinnen und uns nicht entwerten. Wir stärken unser Selbstwertgefühl, indem wir uns positive Rückmeldungen holen und durch andere unser Können bestätigen lassen.

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