Richard David Precht: "Unser System steht auf der Kippe"

Richard David Precht: "Unser System steht auf der Kippe"

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Richard David Precht

Der Philosoph Richard David Precht über Egoismus und die Frage, warum gute Chefs sich auch mal selbst belügen müssen.

WirtschaftsWoche: Herr Precht, sind wir alle Egoisten, getrieben von Gier, Machtinstinkt, Eigeninteresse?

Precht: Nein, sind wir nicht. Das ist ein Weltbild, das man uns in den vergangenen 20 Jahren einreden wollte.

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20 Jahre? Der römische Dichter Plautus schrieb schon vor gut 2200 Jahren den Satz „Der Mensch ist dem Mitmenschen ein Wolf“. Und Bertolt Brecht meinte in der Dreigroschenoper erst komme das Fressen, dann die Moral. Alles falsch?

Natürlich – und das wollte Plautus mit seiner Formulierung ausdrücken – gab es immer schon konkurrierende Interessen zwischen Menschen. Und sicher hat auch Brecht Recht: Sich gut zu ernähren und ein Dach über dem Kopf zu haben, ist ein legitimes Interesse – demnach wären wir alle Egoisten. Dass wir aber – und das unterstellt die missverstandene Auslegung dieser Aussagen – von Natur aus alle egoistische Einzelgänger sein sollen, die nur auf sich selbst bedacht sind: Das stimmt nicht.

Wenn also keine Egoisten – was sind wir dann?

Auf jeden Fall von Natur aus stärker auf Kooperation denn auf Konfrontation angelegt. Dass wir den Egoismus nicht in die Gen-Wiege gelegt bekommen haben, zeigen schon einfache Versuche mit Schimpansen und Kleinkindern: Ob sie einen Schwamm aufheben oder einen Stift zurückbringen sollen – für beide Versuchsgruppen war spontane Hilfsbereitschaft selbstverständlich.

Wie ist das zu erklären?

Wir haben stammesgeschichtlich betrachtet immer in Horden gelebt. Als Einzelner hätte der Mensch gar nicht überleben können. Deswegen ist für uns das Wichtigste, in dieser Horde akzeptiert zu sein. Das heißt: Wichtiger als das Durchsetzen egoistischer Interessen ist unsere Gier nach Anerkennung.

Wenn wir von Natur aus auf Kooperation geeicht sind: Warum klaffen dann im Alltag Wollen und Tun oft weit auseinander?

Wollen und Tun sind auch eine Frage der Anpassung. Unser Gehirn liebt es, in einem möglichst harmonischen Zustand mit sich selbst zu sein. Wenn wir in soziale Situationen kommen, in denen das nicht klappt, müssen wir tricksen. Wenn andere Leute ein schlechteres Bild von uns haben als wir von uns selbst, müssen wir uns etwas einfallen lassen.

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