Schweigen: "Das allermeiste, das wir sagen, ist unwesentlich."

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Schweigen im Kloster: "Wer bin ich? Wie will ich leben?"

von Christopher Schwarz

Der Philosoph Jürgen Werner erklärt, warum man mit mehrtägigem Schweigen zu den wichtigsten Fragen vordringen kann - und warum uns die digitalen Medien daran hindern.

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In Klästern wie hier Schloss Corvey ist Schweigen Teil des Lebens - im Gegensatz zu dem von Managern.

Herr Werner, Sie ziehen sich regelmäßig für einige Tage ins Kloster zurück. Wie hat man sich den Ablauf so eines Klosteraufenthalts vorzustellen?

Relativ streng, es handelt sich um jesuitische Exerzitien für kleine Gruppen, ursprünglich eine Form der geistlichen Leistungseinübung, wie sie der Ordensgründer Ignatius von Loyola entwickelt hat. Dazu gehört elementar die Fähigkeit, dass man weglässt. „Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren“, heißt es im Testament. Diese Dialektik wird in die Praxis des Gebets und der Meditation überführt.

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Im Sinne des „weniger ist mehr“?

Nein. Das Ziel ist die Wiederentdeckung, die Freilegung des von Verformungen unterschiedlichster Art korrumpierten Lebens. Bei den Jesuiten heißt das „Unterscheidung der Geister“. Es geht um Klärung und Klarheit. Das hat nicht zuletzt eine tiefenpsychologische Dimension. Was in unserem Berufsalltag nicht zu Wort kommt, kehrt in der Stille als Frage wieder, die gelegentlich Erstaunen, ja Erschrecken auslösen kann: „Wer bin ich? Wie will ich leben?“

Zur Person

  • Jürgen Werner

    Jürgen Werner, Jahrgang 1956, berät Manager, lehrt Philosophie und Rhetorik an der Universität Witten/Herdecke und gibt von Zeit zu Zeit Exerzitien zu Themen wie der Erneuerung und Strategie von Unternehmen. Zuletzt ist sein Buch „Tagesrationen. Ein Alphabet des Lebens“ im Verlag tertium datur erschienen.

Und der Verzicht…
... soll helfen, sich diesen Fragen konzentriert zu stellen. Außer den Dingen des persönlichen Bedarfs hat man nichts dabei. Kein Handy, kein iPad, auch kein Buch. Eigentlich sollten auch Papier und Stift zu Hause bleiben. Aber daran halte ich mich nicht immer.

Was passiert dann?

Man schweigt. Und es gehen einem tausend Sachen durch den Kopf. Anfangs schreibe ich die Gedanken auf, dann bin ich sie los, habe sie notiert und muss mich nicht mehr mit ihnen beschäftigen. Das geht ein, zwei Tage so, und nach diesem Gedankensturm stellt sich in aller Regel eine tiefe Entspannung ein. Ich gehe dann früh ins Bett, schlafe tief und fest und wache morgens, auch in der Frühe, völlig ausgeruht auf.

Das klingt nicht gerade aufregend.

Das ist es auch nicht. Es kann sogar ziemlich langweilig sein. Außer vier, fünf kleinen Unterbrechungen am Tag geschieht ja nicht viel. Morgens hält der Exerzitienmeister die Messe, ohne Gesang und Predigt, allenfalls mit einem kleinen Impulsvortrag, etwa einem Kommentar zu einem biblischen Text, ansonsten herrscht Stille und man ist allein. Ich gehe meist spazieren.

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