Selbstüberschätzung: Warum Chefs immer wieder an ihrem Ego scheitern

Selbstüberschätzung: Warum Chefs immer wieder an ihrem Ego scheitern

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Ikarus

Ob gefälschte Spesenabrechnungen oder Privatreisen auf Firmenkosten – immer wieder stolpern Top-Manager und Politiker über Affären. So unterschiedlich die Gründe sind, eine Ursache haben alle gemein: Selbstüberschätzung.

Als Vorstandsvorsitzender des amerikanischen IT-Konzerns Hewlett-Packard verdiente Mark Hurd im vergangenen Jahr etwa 82 000 Dollar – täglich. Vor drei Wochen trat er von seinem Posten zurück – wegen gefälschter Spesenabrechnungen. Deren Wert: knapp 20 000 Dollar.

Natürlich könnte man Hurds unrühmlichen Abgang abtun als pure Dummheit oder Naivität – aber dafür war er zu lange und zu erfolgreich im Geschäft. Über 25 Jahre arbeitete er beim US-Maschinenbaukonzern NCR, zuletzt als Geschäftsführer, bevor er im April 2005 HP-Chef wurde. In seiner Amtszeit legte die Aktie des Technologiekonzerns um 113 Prozent zu, der Jahresumsatz kletterte auf 115 Milliarden Dollar. Umso abrupter und überraschender kam Hurds Absturz.

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Der Anlass: Um eine Affäre mit einer drittklassigen Schauspielerin zu verheimlichen, fälschte der Familienvater und Vorgesetzte von 300 000 Mitarbeitern gut ein Dutzend Spesenquittungen. Gleichzeitig forderte er von seiner Belegschaft moralisch einwandfreies Verhalten ein – den regelmäßigen Besuch von Ethik-Kursen inklusive.

Wieso riskierte Hurd für eine für seine Verhältnisse geringe Summe den Job? Schuld an seiner selbst verursachten Demission ist vor allem ein psychologisches Phänomen – Selbstüberschätzung.

In bester Gesellschaft

Ein Blick in die jüngste Vergangenheit zeigt: Hurd befindet sich in bester Gesellschaft. Ob Politiker, Top-Manager oder Börsenmakler – in schöner Regelmäßigkeit stolpern hochrangige, vermögende und moralisch scheinbar integre Persönlichkeiten über Affären.

Sei es, weil sie diese als Kavaliersdelikte abtaten und deren öffentliche Sprengkraft unterschätzten – wie etwa Ex-Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping, der sich einst mit Freundin im Pool planschend ablichten ließ, während sich seine Soldaten auf den ersten Auslandseinsatz in der Geschichte der Bundeswehr vorbereiteten.

Andere überschätzen schlicht ihre Fähigkeiten. Wendelin Wiedeking glaubte nach erfolgreichen Jahren als Porsche-Chef, mit einem finanziellen Husarenritt den vielfach größeren Konkurrenten Volkswagen übernehmen zu können.

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman von der Universität Princeton nennt das den „Overconfidence-Effekt“: Demnach geht jeder Mensch insgeheim davon aus, dass er mehr kann, mehr weiß und mehr darf, als es in der Realität tatsächlich der Fall ist. Wir überschätzen unsere Befugnisse, Fähigkeiten und Kompetenzen. Ständig und überall.

Viele unter dem Durchschnitt

Beschrieben wird die verhängnisvolle Ego-Falle schon in der griechischen Mythologie: Als Ikarus mit seinem Vater Dädalus auf Kreta gefangen gehalten wurde, bastelte er ein Gestänge aus Federn und klebte es mit Wachs zusammen. Allerdings ignorierte er die Warnungen seines Vaters und flog zu nah an die Sonne. Das Wachs schmolz, er stürzte ins Meer. So bitter es auch ist: In jedem von uns steckt ein kleiner Ikarus.

Peter Kenning, Marketingprofessor an der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen, erlebt das im Hörsaal regelmäßig. Zu Beginn jedes Semesters stellt er seinen Studenten gerne eine vermeintlich simple Frage: „Glauben Sie, dass Sie die Klausur im Verhältnis zu Ihren Kommilitonen überdurchschnittlich gut, durchschnittlich oder unterdurchschnittlich bewältigen werden?“

Das Ergebnis fällt jedes Mal ähnlich aus: Etwa die Hälfte sagt voraus, dass sie durchschnittlich abschneiden wird, die andere Hälfte rechnet mit einer herausragenden Note. Tatsächlich liegen nachher viele unter dem Durchschnitt, aber vorher prophezeit das keiner.

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