Shitstorm bei Twitter: Mit Twitter in der Zwangskita - die Karriere eines Kampfbegriffs

Shitstorm bei Twitter: Mit Twitter in der Zwangskita - die Karriere eines Kampfbegriffs

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Mit seinem Tweet über Hannelore Krafts Äußerungen zur Familienpolitik löste Roland Tichy einen Shitstorm bei Twitter aus.

von Roland Tichy

Mit dem Schnellboot gegen den Flugzeugträger. Wie unser Chefredakteur Roland Tichy am Wochenende den Begriff der Zwangskita prägte und einen Shitstorm bei Twitter auslöste, und selbst in einen geriet. Ein Werkstattbericht.

1. Überraschungstreffer per Twitter (Samstag)

Irgendwann am Samstag landete eine Vorabmeldung der "FAZ" in meiner Twitter-Timeline: Nordrhein-Westfalens wahlkämpfende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft forderte per Interview allerlei zu Betreuungsgeld und Kindertagesstätten. Kraft sagte der Sonntagszeitung, die SPD sei sich mit der CDU bisher darin einig gewesen, dass Bildung in der Kita beginnen müsse: „Dann müssen wir auch sicherstellen, dass alle Kinder da sind.“
Wie das nun beim rot-grünen Damendoppelmoppel in Düsseldorf so ist, assistierte ihr auch gleich der Grünen-Parteivorsitzende Cem Özdemir. Er befürwortete, eine allgemeine „Kitapflicht sachlich zu diskutieren“. Die Herausforderungen an Erziehung seien heutzutage anders als vor vierzig Jahren.
Eher verblüfft und etwas müde vom ersten Schwimmbadtag sonderte ich in Feiertagslaune einen Twitter ab:
Kraft fordert Zwangs-Kita. Wie in der DDR, und Cem Özdemir von den Grünen hält Eltern generell für zu blöd für Erziehung. Irre.

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Ohne es bewusst zu merken oder gewollt zu haben, war ein Kampfbegriff in der Welt, jedenfalls in meiner kleinen Twitterwelt: die Zwangskitas. Viele meiner Follower reagierten und einer machte daraus einen Hashtag, also einen jederzeit auffindbaren Suchbegriff. Das Thema begann, Fahrt aufzunehmen. Der Flugzeugträger NRW-SPD, nach seit Glanztagen von Johannes Rau ausgestattet mit Deutschlands teuerstem, aufwändigsten und bestem Wahlkampfapparat, hatte vom Schnellboot einen Treffer erhalten. Die eigene Wahlkampfrakete "Herdprämie", mit der sie die Union seit Wochen quält, hat ein kleines Pendant erhalten. Ob auch andere auf die Zwangskita kamen, andere „schwarze Socken“ wie mir später entgegengehalten werden sollte, weiß ich nicht. Ich bin ja allein und hatte mein Thema. Und Twitter.

2. Murks auf dem Schnellboot (Samstagabend)

Die Sache beginnt mir gegen 22 Uhr Spaß zu machen. Ist es so leicht, Wirkung zu erzielen? Im Übermut jedoch wird ein Vorbereitungsfehler verhängnisvoll und ein Folgefehler schmerzhaft spürbar. Fehler Nummer eins: Ich bin technisch auf einen Schlagabtausch mit einem Flugzeugträger und seiner Begleitflottille nicht vorbereitet. Nur mit einem iPad und rudimentärer Software kann ich weder die Originalquelle sauber und einfach zitieren noch meine Twittergedanken auf Facebook weiterleiten. Das kostet Zeit und Glaubwürdigkeit. Vor allem aber: Die Nussschalen der Twitterboote bleiben ohne Feuerunterstützung der Facebook-Gemeinde, die noch diskussionsbereiter ist und auch längere Texte schreibt. Der Folgefehler: Das Schlachtschiff  "Bütikofer" unter der grünen Flagge und der Kreuz "Sven Giegold" eilen von hinten dem erstaunlich schwerfälligen Flugzeugträger "Kraft der SPD" zu Hilfe. Sie verteidigen ihren Parteifreund Özdemir. Um nicht im rot-grünen Kreuzfeuer zerfetzt zu werden, umkurve ich flugs die grüne Flottille. Schade eigentlich, denn auf Twitter braucht man möglichst viel Feuer und von allen Seiten, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Vorzeitiges Beidrehen lohnt sich nicht.
Aber schade. Diese frühe Feigheit wird sich später bitter rächen. Mein Sohn und ich spielen Schiffe versenken, ganz altmodisch auf Kästchenpapier. Ich bin kein Digital Native.

3. Guten Morgen Du, CDU hat Ruh (Sonntagmorgen)
Irgendwie hat die Knallerei auf hoher See die CDU aufgeweckt. Bei mir beginnt ein eher träger Regentag. Aber immerhin: Eine Presseerklärung der CDU greift die Zwangskitas auf. Aber so, wie es eben der Stil Norbert Röttgens ist: sehr verhalten. Eigentlich will er ja die Wahl nicht gewinnen, weil ihm dann das traurige Los eines Kriegsgefangenen im Düsseldorfer Landtag droht. Verhalten also, von ferne beobachten die Schwarzen müde das Geschehen. Es ist bei Twitter wie im herkömmlichen Wahlkampf: Die Ortsverbände plakatieren ihre lokalen Kandidaten, nicht den Landesvorsitzenden Röttgen. Ein zentral gelenkter Wahlkampf fehlt. Die Schnellboote von Twitter aber brauchen Luftunterstützung, einen Resonanzboden. Die schlafmützige CDU geht lieber Segeln als zum Seekrieg. Auch ich spiele lieber Simpsons-Quartett mit meinem Sohn. Die Zwangskita dümpelt, denke ich.

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