Smartphone statt Freundschaft: Die eingerollte Generation

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KommentarSmartphone statt Freundschaft: Die eingerollte Generation

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Den Kopf gesenkt: Joshua blickt am 09.05.2014 in Köln auf sein Tablet.

von Ferdinand Knauß

Immer den Kopf gesenkt und den Blick aufs Smartphone gerichtet - so geht eine ganze Generation durch die Welt. Das kann man durchaus traurig finden.

Ich habe einen Freund. Früher ging ich gerne mit ihm mittags Essen oder abends nach der Arbeit in die Kneipe. Das tue ich seit einiger Zeit nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr gerne. Denn jener Freund hat einen anderen Freund, der für ihn ein interessanterer Unterhalter zu sein scheint. Mein Freund schafft es jedenfalls nicht mehr, mir länger als drei Minuten zuzuhören, ohne sich seinem neuen Kumpel zuzuwenden: seinem IPhone. Er lässt es kaum aus den Augen, während er mich kaum noch eines Blickes würdigt.

Mein Freund gehört zu der neuen "head-down generation", zur Generation Kopf runter. Manchmal, wenn ich in eine Straßenbahn steige, sehe ich alle jüngeren Menschen in dieser charakteristischen Haltung. Den Kopf nach unten geneigt, das Kinn an der Brust, in der Hand das geliebte Gerät, abgewandt von der Welt um sie herum. Derart eingerollt sitzen sogar seriöse Damen und Herren im Business-Dressmit dem Smartphone vor Augen und oft noch mit Stöpseln im Gehörgang. Manchmal schiele ich auf den Bildschirm und sehe, dass die meisten entweder kindische Spielchen machen oder Textnachrichten verschicken.

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Was ist da los? Bin ich einfach nur unzeitgemäß, oder muss man sich Sorgen machen um die eingerollte Generation? Können die sich irgendwann gar nicht mehr analog unterhalten oder Texte von mehr als drei Sätzen am Stück lesen? Diese Sorge spiegelt auch der derzeitige Renner auf YouTube mit mehr als 35 Millionen Abrufen. Sein Titel: „Look Up“ - schau hoch! „Ich habe 422 Freunde. Trotzdem bin ich einsam“, heißt es in dem Clip des jungen britischen Autors und Filmemachers Gary Turk in Versen. Wir seien "Sklaven der Technik" geworden, behauptet Turk.

Winfred Kaminski, Leiter des Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik in Köln, sieht das nicht so dramatisch: „Schon Platon hat gegen die Schrift gewettert, weil sie das Erinnerungsvermögen zerstöre, weil wir nichts mehr auswendig lernen - natürlich, Homer war ein Sänger.“ So ging es weiter: Bei der Erfindung des Buchdrucks, bei der Ausbreitung der Lesefähigkeit - immer gab es massive Bedenken. Im 17. Jahrhundert wetterte man gegen „Zeitungssucht“, im 20. Jahrhundert gegen „Telefonitis“. Dann folgten die „viereckigen Augen“, die man angeblich vom Fernsehen bekam. „Videorecorder? Kommt mir nicht ins Haus! Als ob drei Fernsehprogramme nicht reichen!“ Das war um 1980 das Credo vieler Bildungsbürger.

Kaminski meint: „Jedes Medium braucht eine gewisse Zeit, ehe es von den sogenannten "early adopters" in die Mitte der Gesellschaft hineinreicht. Sobald die 60-Jährigen das auch normal benutzen, spricht kein Mensch mehr davon.“ Ulrike Wagner, die Direktorin des Instituts für Medienpädagogik in München, sieht es ähnlich: „Ein schlichtes "Früher-war-alles-besser" verklärt den Blick und lässt außer Acht, welche Potenziale diese neuen Medien mit sich bringen.“

So etwas sagen Kulturwissenschaftler meist, wenn man sie über neue Kulturpraktiken befragt. Der Tenor ist stets: "Nichts Neues unter der Sonne!" Sie wollen bloß nicht als Kulturpessimisten erscheinen und sagen daher sinngemäß: "Davon geht die Welt nicht unter." Als ob das jemand befürchtete.

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Mag sein, dass Smartphones große kulturelle und kommunikative "Potenziale" mit sich bringen. Aber man muss kein Technikfeind und kein Reaktionär sein, um sich über die Gefahren zu sorgen, die sie ebenso mit sich bringen. Es ist traurig zu sehen, dass Millionen junger Menschen mit gesenktem Kopf, eingerollt und weltabgewandt durchs Leben gehen. Die Gefahr, die der eingerollten Generation droht, ist, sich im Niemandsland der unpersönlichen Dauerkommunikation zu verlieren: Nie mehr ganz dem Nächsten zugewandt, und, was mindestens genauso traurig wäre, ohne Zeit, um mit den eigenen Gedanken und Empfindungen allein zu sein.

Mit Material von dpa

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