Soziologe: Was Erwachsene von Kindern lernen

Soziologe: Was Erwachsene von Kindern lernen

Philosophische Grundfragen, poetische Sprache, Rollenspiel - auf all diesen Gebieten können Erwachsene von Kindern lernen, meint der Soziologe Doehlemann. Man müsse sich dafür auf sie einlassen.

Erwachsene können nach Einschätzung eines Soziologen von der kindlichen Sicht auf die Welt profitieren. „Meine Vorstellung ist natürlich nicht, dass wir uns wünschen, wie die Kinder zu werden, sondern dass wir uns deren Fähigkeit auch im Erwachsenenalter bewahren“, sagte Prof. Martin Doehlemann (73) in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. „Kinder stellen Fragen, die wir uns oft nicht mehr stellen, und haben darauf ganz eigentümliche Antworten.“

Was Erwachsene von Kindern lernen können

  • Unbefangenheit

    Pablo Picasso versuchte sich zeitlebens die Fähigkeit anzueignen, die Welt mit den Augen eines Kindes zu betrachten: unbefangen und ohne Schablonen. Er blieb immer stehen, wenn er sah, dass Kinder gerade etwas mit Kreide aufs Pflaster malten. „Ich lerne oft dabei“, sagte er. Zum Beispiel zeichnen kleinere Kinder ein Gesicht mitunter aus der Seiten- und der Vorderansicht - so wie Picasso es tat. Oder sie fassen in einem einzigen Bild eine Abfolge von Ereignissen zusammen. Kinder können auch Gebrauchsgegenstände aller Art mit Leichtigkeit zu Figuren umgestalten - und lesen aus einer Raufasertapete ganze Geschichten heraus.

  • Ehrlichkeit

    Kinder können in Hörweite von acht Passanten fragen, ob „wir uns dieses Jahr wieder keinen Urlaub leisten können“. Ihre Direktheit kann verstörend sein. Aber wenn sie einem etwas Nettes sagen, kann man sich dafür ziemlich sicher sein, dass es ehrlich gemeint ist. Es sei denn, es folgt die Anschlussfrage: „Darf ich jetzt noch fernsehen?“ Dann könnte eher Berechnung dahinter stecken.

  • Lachen

    Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein Erwachsener im Durchschnitt 15 bis 20 Mal am Tag lacht - ein Kind dagegen 400 Mal. Die gute Nachricht für Erwachsene: Kinderlachen steckt an. Wer mit ihnen zusammen ist, lacht häufiger.

  • Spielen

    Ein Bett wird zum Piratenschiff, eine Kellertreppe zum Gebirge. Kinder können überall spielen - auch und gerade im Dreck mit fast gar nichts. Dabei wechseln sie mühelos die Rollen: vom Ork zum Supermann und von der Prinzessin zur Rennfahrerin.

  • Digitale Affinität

    Kinder sind „digital natives“ - digitale Muttersprachler. Noch bevor sie lesen können, finden sie sich über die Symbole schon auf dem Tablet oder Smartphone zurecht. Deshalb erntet Papa ungläubige Blicke, wenn er erzählt, dass es in seiner Kindheit noch keine Handys und kein Internet gab. „Ach? Dann gab es da auch noch keine Autos?“

  • Neugier

    Warum ist es auf dem Berggipfel kalt, obwohl man da näher an der Sonne ist? Warum geht das Wasser weg, wenn man reintritt? Wo war ich, bevor ich auf die Welt kam - war ich da noch gestorben? Kinder stellen sich fortwährend die Fragen, die sich eigentlich jeder Mensch stellen müsste.

  • Kreativität

    Kinder sind von Natur aus schöpferisch. Sie erfinden etwa laufend neue Wörter. Zum Beispiel: Schwarzträumer - für jemanden, der sich morgens nie an seine Träume erinnern kann. Oder: Laptopper (Laptop-Nutzer), glocken (Schlagen einer Turmuhr), Bratmacher (Pfanne), Wegmacher (Radiergummi), Popelwand in der Nase (Schnupfen).

Voraussetzung dafür sei, dass man Kindern wirklich zuhören könne. „Dann erfährt man Dinge, die aus unserem Gesichtskreis weitgehend verschwunden sind.“

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Ein Beispiel dafür sei das Rollenspiel, zu dem man von Kindern immer wieder aufgefordert werde. „Wenn man das mitmacht, dann erfährt man dabei Wandlungen, die eine Bereicherung sein können. Dieses Spielerische tut uns gut.“

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