Start-up: Wie Israel zum Gründerland wurde

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Start-up: Wie Israel zum Gründerland wurde

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Innovation auf hebräisch: חדשנות

von Oliver Voß

Viele Länder wollen ein zweites Silicon Valley aufbauen, Israel ist das gelungen. Die Spurensuche nach dem Erfolgsrezept führt nicht zuletzt zum Militär.

Gadi Lifshitz hat seine Gegner immer im Blick. An jeder Glastür der Büros seines Start-ups Safebreach hängen Konterfei, Name und Steckbrief der berüchtigtsten Hacker der Welt. Das israelische Unternehmen kämpft gegen Cyberkriminelle; Lifshitz ist sein Entwicklungschef. Safebreach hat eine spezielle Software entwickelt, die wie ein Heer virtueller Hacker arbeitet: Genauso wie echte Kriminelle suchen die Algorithmen nach Sicherheitslücken.

Das funktioniert per Knopfdruck: Auf seinem MacBook startet Lifshitz das Programm, nach wenigen Sekunden erscheint ein violettes Linienmuster – ein Wegweiser durch das IT-Netzwerk eines Kunden. „90 Prozent aller Angriffe könnte vorhandene Sicherheitssoftware verhindern“, sagt Lifshitz. Nur sei die oft nicht richtig konfiguriert. Deshalb schickt das Start-up seine virtuellen Hacker, um die Lücken zu finden.

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Der US-Wagniskapitalgeber Sequoia, der schon Google finanzierte, schoss kürzlich Geld zu, ebenso der IT-Konzern Hewlett-Packard und die Deutsche Telekom. 15 Millionen Dollar investierten sie zusammen, viel Geld für eine kleine Firma mit nur 30 Mitarbeitern.

Der IT-Spezialist ist nur eine von vielen Erfolgsgeschichten aus einer boomenden Branche. Israel hat sich zur erfolgreichsten Start-up-Nation nach den USA entwickelt – diese in mancher Hinsicht gar überholt. Pro Kopf der Bevölkerung investierten Geldgeber im Vorjahr 553 Dollar Wagniskapital, mehr als doppelt so viel wie in den USA (siehe Grafik). Insgesamt waren es 4,4 Milliarden Dollar. In Deutschland flossen zeitgleich nur rund 2,9 Milliarden. Auch bei der Zahl der Start-ups ist Israel Spitze: Auf je 1600 Einwohner kommt ein Gründer.

Dabei sind die Voraussetzungen dafür, dass sich ausgerechnet Israel zum gelobten Land der Start-up-Szene entwickeln konnte, denkbar schlecht: Die Sicherheitslage ist prekär, und das Land hat nur acht Millionen Einwohner – so viel wie Niedersachsen. Doch Israel beweist besonderes Geschick darin, Nachteile in Vorteile zu drehen. Was andere Nationen daraus lernen können, zeigt eine Spurensuche.

Parteien in Israel

  • Likud

    Der Ursprung der Likud-Partei liegt in der 1948 gegründeten Partei Cherut. 1977 stellte Likud mit Menachem Begin zum ersten Mal den israelischen Regierungschef. Der aktuelle Ministerpräsident und Parteivorsitzende Benjamin Netanjahu war bereits von 1996 bis 1999 Ministerpräsident Israels. Likud gehört zu den Arbeiterparteien und steht für den Ausbau israelischer Siedlungen im Westjordanland. Nationalkonservative Grundsätze zeichnen Likud genauso wie ihre zionistische Weltsicht aus.

  • Kadima

    Die vom damaligen Ministerpräsident Ariel Scharon 2005 gegründete Kadima-Partei hat ihren Ursprung bei der rechtskonservativen Likud. Kadima gehört zu den liberalen Parteien und strebt mithilfe der „Road Map“ eine Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts an. Parteivorsitzender ist Schaul Mofas.

  • Awoda

    Die Awoda ist eine israelische Arbeitspartei und wurde 1968 gegründet. Im Zentrum stehen sozial- und wirtschaftspolitische Fragen. Aber auch der Konflikt mit Palästina spielt bei Awoda eine zentrale Rolle. Die Arbeitspartei verfolgt hier einen ähnlichen Ansatz wie Kadima. Mithilfe von Verhandlungen mit nicht gewalttätigen palästinensischen Gruppierungen soll Frieden zwischen den Nationen hergestellt werden. Der aktuelle Parteivorsitzende ist Jitzchak Herzog.

  • HaBajit jaJehudi

    Die Partei „Jüdische Heimat“ zählt zu den ultrakonservativen Gruppen im israelischen Parlament und ist aktuelle Koalitionspartner von Benjamin Netanjahu. Die von nationalreligiösen Politikern geführte Partei setzt sich besonders für israelische Siedler im Westjordanland ein.

  • Schas

    Die ultraorthodoxe Partei Schas gehört zu den Hardlinern im Parlament. Sie verfolgen eine kompromisslose Politik gegenüber den Palästinensern und stufen Homosexualität als Krankheit ein. Dennoch war Schas an einigen Regierungen beteiligt. Seit 2013 gehört sie der Opposition an.

  • Jesch Atid

    Die Zukunftspartei unter den Vorsitzenden und Parteigründer Yair Lapid hat sich seit 2012 zu einer Partei der Mitte etabliert. Die Partei fordert eine Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden, die bisher vom Dienst an der Waffe befreit waren. Außerdem wird eine Zwei-Staaten-Lösung mit den Palästinensern angestrebt.

  • Hatnua

    Die von Tzipni Livni gegründete Hatnua ist ein Abspaltungsprodukt der Kadima-Partei. Hatnua gehört dem Mitte-Links-Spektrum an. Im aktuellen Wahlkampf hat sich die Partei der Awoda zusammengeschlossen. In den Prognosen liegt das Parteibündnis vor der Likud.

  • Meretz

    Die linksgerichtete Meretz hat die Bürgerrechte, die Gleichstellung der Frau und den religiösen Pluralismus im Fokus. Außenpolitisch besitzt Meretz ein Alleinstellungsmerkmal. Als erste zionistische Partei akzeptiert sie einen palästinensischen Staat. Aktuelle Parteivorsitzende ist Zahava Gal-On.

  • Vereinigte Arabische Liste

    Die Vereinigte Arabische Liga setzt sich aus der Balad- und der Taal-Partei zusammen. In ihrem Wahlkampf fordern sie die Etablierung eines palästinensischen Staates, die Räumung der jüdischen Siedlungen und eine Gleichberechtigung zwischen jüdischen und arabischen Israelis.

Sie beginnt in Tel Avivs Boomviertel Sarona, mitten zwischen Kränen und halb fertigen Hochhäusern. In einen der bereits bezugsfertigen Türme ist Google mit seinem Accelerator eingezogen, gegenüber hat Samsung gerade einen solchen Start-up-Brutkasten eröffnet. Die Zahl der Hightechunternehmen in Israel ist von 3800 im Jahr 2006 auf 7400 angestiegen. Viele davon haben sich in Sarona angesiedelt – so auch Safebreach, dessen Büro etwas versteckt neben einer Tankstelle liegt.

Wie viele Gründer hier ist Lifshitz eher der Typ Bodyguard als Computernerd. Der Kopf ist kahl rasiert, das graue T-Shirt spannt über dem muskulösen Oberkörper. Auf die Frage nach Israels Erfolgsgeheimnis nennt er wie fast alle: das Militär. Lifshitz hat in einer Einheit gedient, die Soldaten für den Cyberkrieg ausbildet. Die Fähigkeiten der israelischen Hacker in Uniform sind legendär. Sie sollen etwa für den bislang raffiniertesten digitalen Angriff verantwortlich sein: den Trojaner Stuxnet, mit dem Irans Atomprogramm sabotiert wurde.

Fünf Fakten über Israel

  • Bevölkerung

    In Israel leben rund 8,2 Millionen Einwohner

  • Bruttoinlandsprodukt

    Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) betrug im Jahr 2013 rund 242,8 Milliarden Dollar. Pro Einwohner sind dies rund 32.000 Dollar.

  • Landesgröße

    Israel hat eine Landesfläche von 22.380 Quadratkilometern. Davon sind rund 6800 Quadratkilometer besetzte Gebiete. Zum Vergleich: Das Nachbarland Ägypten hat eine Fläche von rund einer Million Quadratkilometer.

  • Religionszugehörigkeit

    Gut 75 Prozent der Bevölkerung Israels sind laut Innenministerium Juden. 20,7 Prozent der Bevölkerung sind Araber. Die Mehrheit der israelischen Araber sind sunnitische Muslime. Der Anteil Christen beträgt etwa 2,1 Prozent.

  • Landesprache

    Hebräisch und Arabisch sind die Amtssprachen des Landes. Zudem spielt Englisch in Israel eine wichtige Rolle. Englisch wird nach Hebräisch am häufigsten gesprochen.

Was Lifshitz bei der Armee genau gemacht hat, will und darf er nicht verraten. Doch das Wissen nutzt er nun, um Cyberkriminelle im Geschäftsleben zu jagen. „Die Methoden sind dieselben“, sagt Lifshitz, „man sucht Schwächen im System und Werkzeuge, die sie ausnutzen.“ Bei der Armee arbeiten die jungen Rekruten oft mit Technologien, die erst Jahre später kommerziell genutzt werden. Nach dem Dienst können sie sich ihren Arbeitgeber quasi aussuchen.

Doch das Militär vermittelt weit mehr als technisches Know-how, wie Shaul Olmert weiß. Sein Vater Ehud war Ministerpräsident des Landes und damit oberster Befehlshaber der Streitkräfte. Shaul bastelte schon früh mit Transistoren und technischem Gerät, sagt er, wollte lieber ein Start-up gründen, als in die Politik zu gehen. Playbuzz heißt sein Unternehmen, dem wohl jeder Facebook-Nutzer schon begegnet ist: Ein Großteil der Quizze und Umfragen auf dem Netzwerk werden mit der Software von Playbuzz generiert. 200 Millionen Menschen sehen die Inhalte jeden Monat.

Wie man ein Unternehmen führt, hat Olmert bei den Streitkräften gelernt. Wird einem dort nicht nur Gehorsam eingetrichtert? „Klar wird man anfangs angeschrien“, erinnert sich Olmert. Doch in Israel würden die Soldaten schnell zu Kommandeuren kleiner Einheiten. „Dann schauen dich die anderen an, und du musst Entscheidungen treffen, die über Leben und Tod entscheiden können“– das forme auch für den Kampf um die beste Businessstrategie. Die harte Managementschule Militär ist zudem der Beginn des Aufbaus eines enormen Netzwerks. Oft werden Start-ups von Leuten gegründet, die in der gleichen Einheit gedient haben. „Die israelischen Streitkräfte sind der beste Inkubator der Welt“, sagt die Investorin Liron Azrielant. Sie hat in der legendären Unit 8200 gedient, Israels Pendant zur amerikanischen NSA. Heute sucht Azrielant für den US-Wagniskapitalgeber Blumberg Capital nach den vielversprechendsten Neugründungen im Land – und greift dabei oft auf das Netzwerk aus ihrer Armeezeit zurück.

Israel hat auch gelernt, den größten Nachteil für seine Wirtschaft, die fehlende Größe des Landes, in einen Vorteil zu verwandeln. Denn der beschränkte Heimatmarkt zwingt Gründer, von Anfang an den Weltmarkt anzupeilen. So konnte die Handy-Navigations-App Waze, auf die hier jeder Taxifahrer vertraut, schnell den US-Markt und so Millionen Nutzer erobert. Schließlich zahlte Google mehr als eine Milliarde Dollar für die Firma.

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