Tauchsieder: Der Gipfel des guten Geschmacks?

kolumneTauchsieder: Der Gipfel des guten Geschmacks?

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Das sonst so ruhige Schloss Elmau ist aktuell durch den G7-Gipfel im Fokus der Öffentlichkeit. Ruhe wird es vorerst kaum welche geben.

Kolumne von Dieter Schnaas

Schloss Elmau – das war einmal ein sehr deutscher Rückzugsort für Zivilisationsmüde und Bildungsadlige. Nach dem G7-Gipfel steigt die Nobelherberge zu einer internationalen Top-Adresse im Luxus-Business auf. Kann das gutgehen?

Das denkbar schönste Foto vom G7-Gipfel in Elmau wird es nicht geben. US-Präsident Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel schlendern vorbei an der fensterarmen Schindelhütte von Gerhard Haase, 83, Schlosselektriker a. D., und lassen sich mit ihm auf ein Schwätzchen ein. Seit fünf Jahrzehnten wohnt er hier, genau halbwegs zwischen dem Luxusresort mit seinem großen Beratungssaal und dem neuen "Retreat" mit den Präsidentensuiten: in der ehemaligen Zwergschule des Weilers im Werdenfelser Land, dem Schlossherr Dietmar Müller-Elmau seinen Bindestrich-Namen verdankt. Bei gutem Wetter sitzt Gerhard Haase gerne draußen, im Winkel der leicht zurückgesetzten Haustür, unter einer roten Geranie im Hängetopf, hört Radio, genießt Sonne, Bergblick, frische Luft. Es führt kein Weg vorbei an ihm in Elmau.

Vielleicht hätte Gerhard Haase den beiden Staatschefs erzählt, wie sie in seinem Wohnzimmer vor genau 100 Jahren die Baupläne für das mächtige Palais zwischen Karwendel, Wetterstein und Zugspitze ausgebreitet haben: der Theologe Johannes Müller, der Architekt Carlo Sattler und die großzügige Gönnerin Elsa Gräfin Waldersee. Vielleicht hätte er ihnen erzählt vom zivilisationskritischen Geist des Schlosses, das Müller als Tagungsort eines brüderlichen Füreinanderdaseins, wie ein Refugium der weltentrückten Innerlichkeit, wie ein "moralisches Sanatorium" (Ernst Troeltsch) führte: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken."

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Die größten Baustellen der G7

  • Wirtschaftswachstum

    Nach der Geldschwemme der Notenbanken ist den Staaten daran gelegen, die Weltwirtschaft unabhängig vom billigen Zentralbankgeld dauerhaft anzuschieben. Ein Patentrezept haben sie nicht, doch Konjunkturspritzen auf Pump erteilten die G7 einhellig eine Absage: Schuldenfinanziertes Wachstum sei keine Alternative zu Strukturreformen. Dieses Votum kann Gastgeber Wolfgang Schäuble (CDU) als Erfolg verbuchen, denn der Bundesfinanzminister hatte vor dem Minister-Treffen vor einer weiteren Schuldenspirale gewarnt.

  • Steuern

    Bis Ende dieses Jahres wollen die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) ihr Maßnahmenpaket gegen Steuertricks und Gewinnverlagerungen internationaler Konzerne (BEPS) endgültig schnüren. Diese Frist stellen die G7-Länder USA, Japan, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Kanada und Italien nicht in Frage - im Gegenteil: Sie mahnen, schon jetzt über weitere Schritte nachzudenken: Wie soll ein Schlichtungsverfahren aussehen, wenn mehrere Länder sich über die Besteuerung der Gewinn von Konzernen streiten, die grenzübergreifend aktiv sind? Wären bei solchen Konzernen gemeinsame Steuerprüfungen mehrerer Länder möglich?

  • Finanzmarkt

    Die G7 loteten neue Verhaltensregeln für Banker („Banker's Code of Conduct“) aus, um den Kulturwandel in der Branche nach den Verwerfungen der Finanzkrise 2008 voranzutreiben. Bei Großbanken sollen zusätzliche Kapitalpuffer („GLAC“, „TLAC“) sicherstellen, dass im Krisenfall ausreichend Mittel zu deren Sanierung beziehungsweise notfalls Abwicklung zur Verfügung stehen. Der genaue Umfang dieser Puffer ist noch nicht festgelegt. Beim Thema Staatsanleihen machte sich vor allem Deutschland dafür stark, dass Banken solche Papiere künftig mit Eigenkapital in der Bilanz absichern müssen - schließlich habe die Krise gezeigt, dass das Risiko nicht gleich Null ist. Nach den Dresdner Beratungen bilanzierte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, es sei festzustellen, dass es „einen wachsenden Konsens gibt, die bisherige regulatorische Behandlung von Staatsanleihen zu überprüfen“.

  • Griechenland

    Die kritische Lage in dem kleinen Euroland stand zwar nicht ausdrücklich auf der Tagesordnung der Dresdner Beratungen. Doch das Hellas-Drama war ebenfalls Thema - schon allein deshalb, weil in Dresden auch die Spitzen der Geldgeber Athens vertreten waren: Christine Lagarde (Internationaler Währungsfonds/IWF), Mario Draghi (Europäische Zentralbank/EZB), Jeroen Dijsselbloem (Eurogruppe) und Pierre Moscovici (EU-Kommission). Die Athener Lesart, dass eine Einigung mit den Geldgebern greifbar sei, teilte in Dresden niemand.

  • Terrorismus-Finanzierung

    iesen, sie beschaffen sich Geld zunehmend auch auf anderen Wegen. Die G7 berieten über Lücken im Kampf gegen solche Finanzströme sowie über neue Wege, um Vermögenswerte von Terroristen schnell einfrieren zu können und Finanzströme generell transparenter zu machen.

  • Ukraine

    Über ein internationales Hilfspaket sollen gut 40 Milliarden Dollar für die Ukraine bereitgestellt werden. Der IWF steuert rund 17,5 Milliarden Dollar bei. Hinzu kommen Hilfen einzelner westlicher Staaten. Weil das nicht reicht, verhandelt die ukrainische Regierung mit weiteren Geldgebern - darunter auch Russland -, um Kiews Staatsschulden auf ein tragfähiges Niveau zu senken. 15 Milliarden Dollar sollen durch Restrukturierungen zusammenkommen. Dabei geht es um den Verzicht auf Forderungen, niedrigere Zinsen sowie Laufzeitverlängerungen. Die G7 sagten der Regierung in Kiew ihre Unterstützung bei den laufenden Reformen zu.

  • Yuan

    Die G7 befassten sich auch mit dem möglichen Aufstieg des chinesischen Yuan (Renminbi) zu einer Weltwährung. Dabei geht es um eine Ausweitung des Währungskorbs des IWF. Bisher sind neben dem US-Dollar und dem Euro das britische Pfund und der japanische Yen in dem Korb enthalten. Daraus setzen sich die sogenannten Sonderziehungsrechte (SZR) zusammen - eine künstliche, vom IWF geschaffene Währungseinheit. Im Herbst könnte eine Entscheidung in Sachen Yuan fallen. Die Eingliederung in den Währungskorb soll nicht nur Chinas Gewicht in der Weltwirtschaft widerspiegeln. Die anderen Top-Wirtschaftsmächte hoffen auch, dass Peking seine Währung weniger kontrolliert. Der IWF hatte China aufgerufen, für einen freien Wechselkurs zu sorgen. Der Yuan ist eng an den Dollar gekoppelt.

  • AIIB

    Die westlichen Industrieländer loten eine gemeinsame Linie bei der von China initiierten Entwicklungsbank für Asien (AIIB) aus, die mehr Geld für die Infrastruktur in Asien mobilisieren soll. Zu den Gründungsmitgliedern gehören auch G7-Länder wie Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Die US-Regierung sieht die AIIB dagegen skeptisch. Auch Japan und Kanada als weitere G7-Staaten gehören bisher nicht zu den AIIB-Gründungsmitgliedern. Die USA dominieren im Internationalen Währungsfonds und in der Weltbank.

Vielleicht hätte er ihnen erzählt von der wechselvollen Geschichte des Schlosses, vom Fronterholungsheim für die Wehrmacht und Lazarett der US-Armee, vom Sanatorium für Überlebende des Holocaust und Pilgerziel eines kammermusikalisch interessierten Bildungsbürgertums bis hin zu dem, was es heute ist und künftig noch viel mehr sein will: ein "Luxury Spa & Cultural Hideaway".

Vielleicht. Allein die Sicherheitsexperten dachten anders. Sie haben Gerhard Haase bereits vor Monaten einen Besuch abgestattet, das Häuslein inspiziert, das er bis zu seinem Lebensende bewohnen darf - und darin Waffen gefunden. Haase ist Sportschütze. Seine Pistolen sind registriert, sie werden ordnungsgemäß aufbewahrt, und natürlich hätte er sie den Beamten des Bundeskriminalamtes auch ausgehändigt, wenn er gefragt worden wäre. Wurde er aber nicht. Stattdessen ordneten Polizei und Protokoll die Evakuierung von Gerhard Haase an. Niemand soll die Staats- und Regierungschefs der G7-Länder am 7. und 8. Juni in Elmau behelligen. Kein Terrorist, kein Aktivist, kein Gerhard Haase.

Obama will führen G7-Gipfel soll Wege aus der Ukraine-Krise weisen

Die Europäische Union ist erstmals Gastgeber eines G7-Gipfels. Sie springt für Russland ein, das seit der Krim-Annexion im Abseits steht. Dennoch will der Westen wieder mit Moskau ins Gespräch kommen.

Beim G7-Gipfel in Brüssel wird die Ukraine-Krise Hauptthema sein. Quelle: dpa

Selbst Dietmar Müller-Elmau, der Eigner des Hotels, ist seit zwei Wochen nicht mehr Schlossherr, sondern eine Art Hofmarschall der gastgebenden Bundeskanzlerin. Was macht man nicht alles für Reputation und Aufmerksamkeit, für die Ehre natürlich und auch seinen Stolz. Müller-Elmau verspricht sich von G7 einen internationalen Imageschub für seine Nobelherberge. Er hat noch einmal 35 Millionen Euro investiert und anderthalb Jahre auf die 36 Gipfelstunden hingearbeitet, bei Stammgästen um Verständnis geworben für den Baulärm, Politiker und Journalisten rudelweise durch die Suiten des neuen Retreats geführt: Seht her, hier werden sie logieren, die mächtigsten Menschen der Welt!

Am 11. Juni, endlich, erhält der Schlossherr die Schlüssel zurück. Dann ist Schluss mit Gipfel und Ausnahmezustand. Dann geht's los mit den Mühen der Ebene. Gerhard Haase zieht zurück in seine Schindelhütte. Und Müller-Elmau läutet eine neue Ära in der Geschichte des Schlosses ein - mal wieder.

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