Tauchsieder: Facebook tötet das Reisen

kolumneTauchsieder: Facebook tötet das Reisen

Kolumne von Dieter Schnaas

Früher zog man aus: in die Fremde, ins Ungewisse, ins Abenteuer. Heute postet man Urlaubsbilder, um sich selbst zu stabilisieren: Ich bin ich bin ich - ganz gleich wo und unter welchen Umständen.

Vor ein paar Monaten bin ich beruflich nach Madrid und Mailand gereist, zwei halbe Tage jeweils, eine Nacht, das Übliche. Ich habe meine Hotels schnell, schnell im Internet gesucht, die Zimmer über ein Online-Portal reserviert und die Buchung problemlos übers Smartphone verwaltet - alles in allem eine prima Sache, der digitale KAppitalismus, keine Frage: macht das Reisen noch bequemer, reibungsloser, angenehmer. 

 Nur eine Frage blieb am Ende offen: Warum bloß wollte der Netzanbieter den Grund meiner Reisen wissen? Warum wollte er vorab in Erfahrung bringen, ob ich geschäftlich oder privat unterwegs sein würde? Für Madrid habe ich spaßeshalber "Urlaub" angeklickt - und einen großen Schreibtisch im Zimmer vorgefunden. In Mailand war ich ausdrücklich "beruflich" unterwegs - nur um gleich nach dem Einchecken zu erfahren, dass WLan mit acht Euro extra zu Buche schlägt. 

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Der IS-Terror, so wird vermutet, drückt den Preis für Reisen in die Türkei. Der Wettbeweb unter den Airlines könnte sich ebenfalls zum Vorteil der Urlauber entwickeln. Vor allem Last-Minute-Reisende könnten profitieren.

 Ich muss gestehen, dass mich die Folgenlosigkeit meiner Antworten nicht nur beschäftigt, sondern auch beruhigt: Offenbar sind die Algorithmen noch nicht so weit, dass sie auf einfachste, binäre Fragen eine valide Antwort wüssten. Offenbar hat die Maschine keinen blassen Schimmer davon, dass sich eine Geschäftsreise zur Urlaubsreise verhält wie das Schlafwandeln zum Lustwandeln. 

 Eine Geschäftsreise ist eine Durchreise, eine Passage - eine Reise, bei der man nicht selbst reist, sondern gereist wird (und gereist werden will). Man schlendert nicht und verweilt, sondern man durchmisst und eilt, vor allem Drehkreuze und Durchgangsbezirke. Man bewegt sich durch gesichtslose Wartesäle, Lounges und Empfangshallen, von einem "Nicht-Ort" zum nächsten, unterwegs in Watte, unterwegs im Kokon. Ein Geschäftsreisender hält sich nicht auf, sondern rutscht durch, er nutzt den Raum als Schleuse und Benutzeroberfläche, schiebt sich durch Orte, die Pumpen gleichen: Pumpen, die für den Durchfluss von Menschen sorgen, die an ihnen zusammenkommen, um einander zu ignorieren. Es sind Orte,  die angesteuert werden, um nicht an ihnen zu verweilen. 

 Der Aufenthalt in einer Geschäftsreise ist daher das genaue Gegenteil eines Aufbruchs. Es geht darum, Überraschungen auszuschalten, Anregungen zu eliminieren, das Interesse an der Umgebung herunter zu dimmen - möglichst wenig Bewusstsein zu verbrauchen: Keine Hängepartien mit dem Schicksal. Kein Baden im Zufall. Der Geschäftsreisende will sich im Gewissen aufgehoben fühlen, in beharrenden Eindrücken, Gewohnheiten und Regelmäßigkeiten, will sich getragen fühlen von einem Strom, in dem es keiner eigenen Schwimmbewegungen bedarf - damit die eigene, persönlich-berufliche Welt ihm stets näher bleibt als die, inmitten derer er sich gerade befindet. 

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