Tauchsieder: Frontalunterricht? Ja, bitte!

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Warum sollten wir überhaupt ins Theater gehen?

Kolumne von Dieter Schnaas

Oper, Konzert, Theater - das alles soll buchstäblich old school sein: Einbahnstraßen-Unterricht von elitären Künstlern für abhängig Zahlende. Wie wäre es, wenn wir dank Twitter ein bisschen dazwischen funken könnten?

Heute mal was Leichtes. Was Persönliches. Nicht-ganz-so-Wichtiges. Also. Warum, habe ich mich zuletzt gefragt, warum gehe ich eigentlich im Schnitt einmal die Woche in die Oper, ins Theater oder ins Konzert? Erste Anmutung: Naja, magst halt gerne Mozart, Wagner, Janacek und Tschechow, Ibsen, Brecht. Aber das ist es nicht. Einige Arbeiten des "modernen Regietheaters" haben bei mir in den vergangenen Jahren doch eher die Lust an der Wiederentdeckung des Originaltextes geweckt, mich jedenfalls nicht dazu bewogen, den nächsten Dienstagabend unbedingt in Frank Castorfs "Volksbühne", sondern daheim auf dem Sofa zu verbringen. Und siehe da: So manches von Balzac und Bulgakov lässt sich in epischer Breite viel schöner nachlesen als in dramatisch verfremdeter Weise ansehen.

Zweite Anmutung: Der Besuch einer Oper oder eines Konzerts ist ja dem Agnostiker das, was dem Gläubigen der Gottesdienst ist. Hmm, dachte ich, ja: Das kommt der Sache schon näher. Der "Parsifal" zum Beispiel, das ist ja nichts anderes als klanggewordener Rausch, tönende Passion: Der Raum weitet sich zur Zeit, man fühlt sich aufgehoben in einen größeren Zusammenhang, erhoben zu nicht-gewusster Gewissheit, glücklich umfangen von Gegenwärtigkeit, eins mit dem Augenblick, gefangen in Hier-und-Jetzt-Ekstasen. Oder der "Tristan", der ja nichts anderes ist als liturgische Erotik, erigierte Musik, ein auskomponierter Orgasmus - eine Weihefest der Sexualität. Andererseits: Ich bei kein Wagnerianer, der unter "Wagner" und "Oper" etwas Synonymes versteht. Und bei "Peter Grimes", "Jenufa" oder "Woyzeck" will sich bei mir auch partout kein Präsenzgefühl einstellen, das einer religiösen Erfahrung gleichkommt.

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Was also ist es dann? Dritte Anmutung: Die Suspension des Alltags. Nicht im eskapistischen Sinne, versteht sich. Ich möchte im Theater nicht moralisch erhoben werden, keine Auszeit von meiner bürgerlichen Existenz nehmen, um zwei Stunden später kunst-gekräftigt meinen bürgerlichen Alltag zu bewältigen. Ich gehe schließlich nicht gegen mein Leben gern ins Konzert, sondern für mein Leben. Nein, unter Suspension des Alltags verstehe ich eher: das Abschalten des Grundrauschens. Es ist eine Wohltat, den Konzertsaal zu betreten, zu sehen, wie die Türen geschlossen werden, das Ritual des Einstimmens zu verfolgen, den von wohlwollendem Beifall begleiteten Auftritt des Dirigenten - und erst einmal der Stille zu lauschen. Im selben Moment ist das Grundrauschen draußen, weg, vorbei - zum ersten Mal an diesem Tag, und das ist herrlich.

Eine Krankheit unserer Zeit

Denn das Grundrauschen ist nicht nur ein hässliches Geräusch. Es ist in den vergangenen Jahren auch immer lauter geworden. Ja, dieses Grundrauschen ist eine akustische Umweltzerstörung unerhörten Ausmaßes, ein Kollateralschaden des massenmedialen Fortschritts, eine Art Nachrichten-Tinnitus, der sich als Folge des mehrkanaligen Alltagsbildersturms und der echtzeitigen Neuigkeits-Live-Tickerei bei mir eingestellt hat: Man kriegt ihn nicht aus dem Ohr, aus dem Kopf, man kann man machen was man will, man schafft es einfach nicht mehr, sich abzuschließen gegen Dinge, die einen partout nicht interessieren, sich abzuschotten gegen den Einbruch des tausendfach Banalen.

Anders gesagt: Ich fühle mich ständig überfordert und unterfordert zugleich, overnewsed and underinformed, weil es mir schier unmöglich ist, den Namen Conchita Wurst nicht zu kennen, obwohl ich mich statt dessen schon seit zwei Monaten endlich einmal gründlich über das Reformationszeitalter informieren wollte. Wieso weiß ich, wo ungefähr der Dax steht und dass Mario Mandzukic gestern aus dem Bayern-Kader gestrichen wurde, obwohl ich es gar nicht wissen will? Weil das Grundrauschen es mir einflüstert. Weil ich es nicht einfach ausstellen kann wie einen Radioapparat.

Es ist die Krankheit unserer Zeit. Man kann nicht mehr zwei Stunden am Stück den Fantasiewelten eines E.T.A. Hoffmann seinen Besuch abstatten, ohne dass einen der Blick in die Twitter-Timeline ins Hier und Jetzt zurückholt, weil irgendein geschätzter Follower einem ein must read im "New Yorker" empfiehlt. Man kann nicht abschalten. Sich nicht konzentrieren. Sich nicht außerhalb der Grundrauschens der Gegenwart aufhalten. Allein in der Oper, im Konzert, im Theater ist das noch möglich: ein Konzentrationsakt, wenn auch passiver Art. Man bekommt eine Ahnung davon, was man selbst früher in acht Stunden zu leisten imstande war - und welche ungeheuren Möglichkeiten der Sammlung von Wissen den Gelehrten des 19. Jahrhunderts zur Verfügung standen, die das Glück hatten, auf TV, Tablets und Smartphones verzichten zu müssen, statt dessen Homer im griechischen Original lesen konnten und - ja tatsächlich: ein ganzes Buch am Stück.

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Aber ach, selbst die Glückserfahrung meiner passiven Konzentrationsakte in Oper, Konzert, Theater ist nun gefährdet. In der Komischen Oper in Berlin (nebenbei: derzeit das erste Haus am Platze!) erschallt seit einigen Monaten vor den Vorstellungen eine sonore Männerstimme aus dem Lautsprecher: "Wir bitten Sie darauf zu verzichten, während der Vorstellung zu telefonieren, e-Mails oder SMSe zu versenden, zu posten, zu twittern oder zu google-n. Gönnen Sie sich und Ihren Sitznachbarn einen ungestörten Musikgenuss. Bitte schalten Sie ihr Handy jetzt aus." Abgesehen davon, dass die hübsche Ansage verlässlich für Erheiterung unter den Anwesenden sorgt - es ist offensichtlich, dass der Hinweis nicht ohne Grund erfolgt. In der Berliner Schaubühne flippte zuletzt Lars "Hamlet" Eidinger aus, als er im Zuschauerraum plötzlich bläulich erhellte Gesichter erblickte, die nicht auf die Bühne, sondern auf ihr Smartphone starrten: Ob sie nicht mal zwei Stunden ohne ihre "Scheiß-Telefone" auskommen könnten, raunzte Eidinger, um dann höchst galant und selbstironisch zugleich zurück zu Shakespeare zu kommen: "So, und jetzt Ruhe bitte. Es folgt ein Monolog."

Vorurteil und Schnellgericht

Kurzum: Die Mobiltelefon-Bearbeiter sind dabei, die letzten multimedial befreiten Bastionen sturmreif zu schießen. Der jüngste Angriff erfolgte während des Theatertreffens, das heute in Berlin zu Ende geht. Unter der Überschrift "Warum wir twittern" erschien im Blog des Theatertreffens aus der Feder von Jan Fischer eine Apologie des Schnellkommentars aus dem Zuschauerraum: "Für mich macht es deshalb eine Menge Sinn, mich mit einem Smartphone ins Publikum zu setzen: Ich bin nicht mehr innerhalb eines schmalen Regelwerkes dem ausgeliefert, was mir vorgesetzt wird, mit viel zu wenigen Interaktionsmöglichkeiten für das, was ich loswerden will, muss, soll. Es machte für mich eine Menge Sinn, ... die Spielwiese zu vergrößern... Es geht nicht darum, dass das, was dabei rauskommt, inhaltlich immer zu 100 Prozent brillant ist... (Aber) was wäre, wenn das Publikum, um das es geht, sich Theater neu aneignet, es neu denkt? Was wäre, wenn jeder mitmachen könnte, wenn irgendwo an der Bühne noch eine Twitter-Wall wäre? Wir reden hier von einer Aneignung von unten, davon, die - von Zeit zu Zeit - doch sehr elitär dahin schreitende Form "Theater" dem Publikum fast gleichberechtigt zu übergeben... In der Schauspieler und Regisseure nicht präsentieren - sondern zittern müssen, schwitzen müssen, sich das Schweigen des Publikums hart erspielen müssen."

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Klingt gut? Klingt demokratisch, kommunikativ? Nach Austausch und Augenhöhe statt nach chefdramaturgischer Anmaßung und Selbsterhöhung? Für mich nicht. Für mich klingt es schrecklich. Für mich klingt es nach: Vorurteil und Schnellgericht. Vom großen Bazon Brock stammt sinngemäß der Satz, dass der Künstler die Pflicht habe, sich in seinen Werken verständlich auszudrücken - und der Zuschauer/Zuhörer umgekehrt die Pflicht, den Künstler verstehen zu wollen. Übersetzt man diesen Satz in das Sinnbild einer Symmetrie, die zwischen Kunstwerk und Rezipient bestehen muss, will die Begegnung zwischen ihnen glücken, heißt das nichts anderes als: Auch der Zuhörer hat sich die Musik, die Oper, das Theaterstück anzueignen, bevor er sich ihm aussetzt.

Dialog ist, wenn wir ausreden dürfen

Unter dieser Maßgabe, genauer: Allein unter dieser Maßgabe ergäbe die kurzkritische Twitterei aus dem Zuschauerraum "eine Menge Sinn". Mal eben bei Helmut Lachenmann vorbeischauen? Mal schnell gucken, was René Pollesch - oder wie heißt noch mal der Regisseur? - zu bieten hat? Nee, liebe Leute, so einfach geht das nicht. Man kann nicht einfach mal so twittern, Olga Neuwirth klingt schräg oder Kathrin Röggla hat 'ne Meise, nur weil man zu faul war, sich vorher auch nur eine Minute mit deren Arbeit beschäftigt zu haben. Zuhören, Zugucken, Schnauze halten, offen sein für das Kunstwerk, den Interpretationsversuch, sich vorher Fragen stellen, später nachschlagen, diskutieren, mit ein wenig Abstand loben und mäkeln - was bitteschön, soll daran schlecht sein, nur weil es neuerdings ein digitales Instrument des Instant-Neroismus (Daumen-hoch-und-Daumen-runter) namens Twitter gibt?

Auch zu diesem Thema hat der große Bazon Brock das Entscheidende gesagt: Einer Zeiteinheit Output (Kunstwerk) sollten mindestens zehn Zeiteinheiten Input (Handwerk, Lesearbeit, Vorbereitung) gegenüberstehen. Ähnliches ließe sich auch für das Verhältnis von Kunstwerk und Rezipienten-Kurzkommentar sagen: 100 Zeiteinheiten Information/Zuhören/Zusehen sollten einer Zeiteinheit Kommentar schon vorangehen. Ansonsten findet nämlich kein Austausch statt, sondern nur 140 Zeichen Verbalkrawall.

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Anders gesagt: "Dialog" ist nicht, wenn Aufführende und Zuschauer um die Wette plappern. Sondern wenn sie ausreden dürfen. Insofern schwöre ich hier und heute hoch und heilig: Wenn ich irgendwann einmal erleben muss, dass Gustav Mahler beim Vortrag seiner Dritten Sinfonie durch die Berliner Philharmoniker nach siebzig Minuten unterbrochen wird, weil einer in den Saal hinein meint twittern zu müssen, an der ein oder anderen Stelle hätte dieser Mahler sich ruhig ein bisschen kürzer fassen können; wenn der Dirigent daraufhin den Vortrag abbricht und den Zuhörer meint erklären zu müssen, die Tempobezeichnung "ohne Hast" sei vom Komponisten durchaus mit Bedacht gewählt... - bin ich das letzte Mal in Oper, Theater, Konzert gewesen. Der Rest wird Rauschen sein.

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