Tauchsieder: Halt die Klappe, Goethe!

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Das Wissen der Welt passt nicht mehr zwischen Buchdeckel. Doch trotzdem hatte der Brockhaus seine guten Seiten

Kolumne von Dieter Schnaas

Wir sammeln, vernetzen und vermehren unser Wissen von der Welt - nur verstehen tun wir sie nicht mehr. Warum? Weil wir vor lauter Faktenaddition nicht mehr dazu kommen, unser Leben zu erzählen - und von der Gegenwart regelrecht verschluckt werden.

Vergangene Woche habe ich mich über die aufgebauschte Nachrichtenarmut in den ersten Neujahrswochen beklagt und darüber, dass man so viel Zeit ver(sch)wendet auf die Begleitung von tagesaktuellen Sinnlosigkeiten. Haben wir uns wirklich seitenlang für den Skiunfall eines Rennfahrers und die sexuellen Vorlieben eines Fußball-Nationalspielers interessiert? Haben wir wirklich Horst Seehofer gedanklich mal wieder nach Kreuth begleitet und uns bei Jauch-Illner-Will-Lanz-Beckmann darüber informieren wollen, ob Deutschland zum "Sozialamt Europas" degeneriere oder nicht? Ja, doch, irgendwie schon. Woraus ich den Schluss gezogen habe, dass die größte Medienkompetenz heute derjenige besitzt, der sie als Unterlassungskompetenz begreift, das heißt: wer sich dem instantanen Nachrichtensog entzieht, sich nicht zum Simultanten des Augenblickgeschehens degradieren lässt. Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner medialen Jetzt-und-gleich-Vernetzung, so der Kant paraphrasierende Befund der vergangenen Woche: Sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, bedeute heute mehr denn je: sich von Internet, Fernsehen und Zeitungen nicht (fehl-)interessieren zu lassen. 

Es können nicht alle Informationen verarbeitet werden

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Was aber ist der eigentliche Grund für das dauerinformierte Unbehagen? Warum fühlt man sich, wie es so schön heißt, ständig overnewsed and underinformed, also zugleich nachrichtlich abgefüttert und informationshungrig? Wahrscheinlich weil wir den neuen technischen Möglichkeiten des Nachrichtenkonsums kognitiv erst noch nachwachsen müssen. Jedenfalls schaffen wir es vorerst nicht, all die Informationen zu verarbeiten, die uns täglich über Twitter, Facebook, Smartphone, Internet und Mail-Account, Tageszeitung, Magazin und Fernsehen erreichen - ganz zu schweigen davon, dass wir auch nur annähernd in der Lage wären, die meisten Nachrichten zu etwas Sinnhaftem zu verknüpfen.

Man bekommt alles nur ein bisschen mit

Was sich inmitten des Informationsflusses alleine einstellt, ist ein Zustand zunehmender Unruhe und Nervosität - das fürchterliche Gefühl, zugleich überfordert und unterfordert zu sein. Die Rentenpläne der Koalition kosten 60 Milliarden Euro bis 2020, in Australien leiden Tennisspieler unter großer Hitze, Außenminister Frank-Walter Steinmeier bereitet eine Syrien-Konferenz vor und das nächste Dschungelcamp wurde auch gerade eröffnet: Man bekommt das alles irgendwie mit, am Rande, ungefragt, ob man will oder nicht und eben deshalb zunehmend desinteressiert - gerade so als sei man selbst zum Nachrichtenticker geworden, der willenlos Neuigkeiten ausspuckt. Früher hat man vom Musik- oder Formel-1-Zirkus gesprochen, und was man damit meinte war, dass beispielsweise Pianisten oder Rennfahrer in ihrem je eigenen Kosmos lebten, um sich selbst kreisten und von der "wirklichen Welt" nicht viel mitbekamen. Im Unterschied dazu lässt der Newszirkus die "wirkliche Welt" beständig um sich selbst kreisen - und zwingt alles Geschehen in unseren Kosmos.

Eine Tageszeitung, die sich den Luxus erlaubt, eine Nachricht sieben Monate lang liegen zu lassen, um sie auf ihre Bedeutung hin zu überprüfen, ist ausdrücklich nicht von dieser Welt - und eben drum gar nicht genug zu preisen. Vor zwei Wochen meldete die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), der "Brockhaus" sei am Ende: Die jüngste, 21. Ausgabe der viel gerühmten Enzyklopädie aus dem Jahre 2006 sei zugleich die letzte - der verlegende Bertelsmanns-Konzern hatte es der Welt bereits im Sommer 2013 mitgeteilt. Der Gründe für das Ende des Brockhaus gibt es viele: Das Wissen der Welt passt nicht mehr zwischen Buchdeckel und ist in dem Moment veraltet, in dem es in gedruckter Form erscheint.

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