The School of Life: Luxus lindert die Abstiegsangst

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kolumneThe School of Life: Luxus lindert die Abstiegsangst

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Die Luxusbranche trotzt jeder ökonomischen Logik.

Kolumne von Alain de Botton

Menschen kaufen teure Uhren und funkelnde Brillanten nicht aus Prahlerei – sondern aus Furcht vor Statusverlust. Wir müssen den verborgenen Wert vermeintlich wertloser Dinge erkennen, um das Leben wieder wertzuschätzen.

Die Luxusbranche trotzt jeder ökonomischen Logik. Die eine Uhr kostet 10 Euro, die andere 10.000. Warum gibt jemand so viel mehr Geld aus, wo doch beide Modelle ihren Zweck erfüllen und die Zeit korrekt anzeigen? Die einfache Antwort ist: Da will jemand mit seinem Reichtum prahlen und seine Mitmenschen erniedrigen. Luxuskäufe sind demnach eine Form aggressiver Selbstbehauptung. In Wahrheit liegen die Motive allerdings viel tiefer. Wir gönnen uns teure Uhren, Autos, Kleidung oder Möbel nicht bloß aus reiner Gier oder Angeberei – sondern aus Angst und Obrigkeitshörigkeit.

Für Menschen in wohlhabenden Industrieländern ist es leicht, Gold und Diamanten als oberflächlich und überflüssig zu verspotten. Doch in Wahrheit sind sie wichtige Symbole, mit denen sich ihr Besitzer vom Rest der Welt absetzen kann – und dieses Symbol wird umso mächtiger, je armseliger die Welt um ihn herum ist. Luxusgüter dienen als Puffer gegen die Angst vor einem durchschnittlichen Leben. Vor allem in jenen Gesellschaften, in denen durchschnittlich bloß ein Euphemismus für entsetzlich ist.

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Deshalb ist Luxus paradoxerweise ausgerechnet dort so gefragt, wo die Kluft zwischen Arm und Reich besonders groß ist und eine breite Mittelschicht fehlt. Das betraf Frankreich im 18. Jahrhundert und betrifft heute Indien oder China. Da wollten und dort wollen die Menschen zeigen, dass sie anders sind – denn zum Rest zu gehören bedeutet ein Leben ohne Würde und Respekt. Und es zeigt gleichzeitig auch, warum Länder wie Dänemark weniger empfänglich sind für den Charme von Marken wie Rolex, Louis Vuitton oder Prada. Wo die Menschen materiell versorgt und seelisch zufrieden sind, sinkt das Bedürfnis nach Luxus.

Diese Erkenntnis liefert einen Hinweis, wie wir der materialistischen Falle entkommen können: Wir müssen den verborgenen Wert vermeintlich wertloser Dinge und Menschen erkennen, um das gewöhnliche Leben wieder wertzuschätzen. Dann braucht man weder teure Uhren am Unterarm noch funkelnde Ringe an den Fingern, um sich als vollwertiges und zufriedenes Mitglied der Gesellschaft zu fühlen. Traditionell kam diese Aufgabe Religionen zu, vor allem dem Christentum und dem Buddhismus. Beide werten den Durchschnitt auf und leugnen, dass Äußerlichkeiten besonders wichtig sind.

Das zweite Motiv für Luxuskäufe ist übertriebenes Vertrauen in Obrigkeit. Zugegeben, bisweilen ist diese Eigenschaft durchaus sinnvoll: Sie bringt uns durch die Schule, lässt uns brav in Warteschlangen stehen und Anweisungen von Polizisten befolgen. Aber dieses Vertrauen kann missbraucht werden. Dann nämlich, wenn wir uns von prominenten Werbefiguren in cleveren Marketingkampagnen einreden lassen, dass uns gewisse Produkte glücklich machen. Unser Verlangen nach Luxus ist also weder sonderbar noch prahlerisch. Vielmehr erfüllt es zutiefst menschliche Bedürfnisse: Einerseits haben wir das Verlangen, keine mittelmäßige Existenz zu führen. Andererseits folgen wir den prestigeträchtigen Stimmen auf Werbeplakaten.

Luxusgüter werden ihre wichtige Funktion auch künftig behalten – zumindest solange wir keine bessere Lösung finden, um mit den Problemen der menschlichen Natur umzugehen.

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