Umgangsformen: Die Umarmung ist der neue Handschlag

Umgangsformen: Die Umarmung ist der neue Handschlag

von Christopher Schwarz

Politik zum Anfassen: Wer Sympathie demonstrieren will, umarmt sein Gegenüber. Die Weltpolitik kuschelt, herzt und tätschelt – ein Balanceakt zwischen Nähe und Distanz.

Als Kurt Beck im Jahr 1994 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz wurde, umarmte er seinen Vorgänger Rudolf Scharping herzlich – und Wolf Jobst Siedler sah sich bestätigt. Der Publizist, ein melancholischer Chronist gesellschaftlicher Untergänge, nahm endgültig Abschied von der Bürgerlichkeit. Denn der Bürger, wie Siedler ihn sich vorstellte, bezeugte seine innere Haltung auch durch diszipliniertes Auftreten: Indem er seinem Gegenüber die Hand gab, wahrte er die Würde der Distanz.

Aus, Schluss, vorbei.

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Noli me tangere, rühr mich nicht an – von diesem Abstandsgebot wollen Menschen heute weniger wissen, erst recht auf der öffentlichen Bühne. Als Ideal gilt der Politiker zum Anfassen, der die Nähe zum Wähler ebenso sucht wie zu seinesgleichen. Auf Kundgebungen, Parteitagen oder Gipfeltreffen zählt die physische Präsenz: Es wird nach allen Regeln der Begrüßungskunst geherzt, getätschelt und gedrückt.

Bruderkuss und Umarmungen

Das gilt nicht nur bei den Genossen, die Solidarität traditionell durch Bruderkuss und Unterhaken bekräftigen. Wer Sympathie demonstrieren will, umarmt sein Gegenüber, gibt ihm einen Klaps auf den Rücken, lässt die Hand auf seiner Schulter ruhen. Das signalisiert Verbundenheit: Wir halten zusammen, verstehen uns, vertrauen einander. Das war schon immer die Botschaft, wenn Politiker sich öffentlich umarmten. Doch die Gesten haben sich verändert.

Gestik und Mimik

  • Finger an die Nase legen

    signalisiert laut den Bewerbungsexperten von Hesse/Schrader Konzentration oder Nachdenken

  • Mit den Fingern trommeln

    bedeutet Ungeduld oder Nervosität, vielleicht sogar Provokation

  • Gefaltete Hände

    zeigen die eigene Überlegenheit

  • Hand vor den Mund halten

    Gesagtes wird zurückgenommen, weil Unsicherheit in der Sache besteht

  • Händereiben

    demonstriert Selbstzufriedenheit, wirkt aber nicht immer sympathisch

  • Hände über den Kopf legen

    zeigt bei Zurücklehnen grenzenlose Souveränität

  • Herumspielen mit Fingern

    lässt auf Desinteresse, Unkonzentriertheit oder Nervosität schließen

  • Kopf auf die Hände stützen

    steht für Nachdenklichkeit, Erschöpfung oder Langeweile

  • Am Kopf kratzen

    zeigt Ratlosigkeit oder Unsicherheit

  • Reiben des Kinns

    steht für Nachdenklichkeit und Zufriedenheit

  • Verschränkte Arme

    zeigen bei Frauen: Unsicherheit oder Angst, bei Männern: Ablehnung und Verschlossenheit

  • Zum Spitzdach geformte Hände

    signalisieren Überheblichkeit, gleichzeitig Abwehr gegen Einwände

Nachdem sie am 22. Januar 1963 den Élysée-Vertrag unterzeichnet hatten, beugten sich Charles de Gaulle und Konrad Adenauer einander entgegen. Die Fotos zeugen von zeremonieller Feierlichkeit. Als sich Jacques Chirac und Gerhard Schröder bei der Gedenkfeier zum 60. Jahrestag des D-Day am 6. Juni 2004 umhalsten, dominierte handgreifliche Herzlichkeit.

Was für ein Unterschied: De Gaulle und Adenauer traten als Repräsentanten ihrer Länder auf, mit dem noch in der Zuwendung distanzierenden Pathos von Staatsmännern. Chirac und Schröder waren eher Privatpersonen in Ausübung öffentlicher Rollen, mit der Ungezwungenheit guter Freunde. Inzwischen ist klar: Ihre zupackende, kumpelhafte Art hat sich durchgesetzt.

Kuscheln für die Kameras

Wenn Staatschefs zusammenkommen, wie jüngst auf dem bayrischen Schloss Elmau, gibt es ein großes Hallo mit Körperkontakten für die Kameras: Obama und Cameron, Cameron und Hollande, Hollande und Merkel drücken einander mehr oder wenig heftig ans Herz und bilden eine Gruß- und Kussgemeinschaft, in der es zugeht wie in einer Familie. Die persönliche Distanz schrumpft, der Respektabstand, der im öffentlichen Leben Schutz vor Zudringlichkeiten bietet, wird demonstrativ außer Kraft gesetzt: Gruppenumarmung im Zeichen der Brüderlichkeit.

Mimik und Gestik Das sagt die Körpersprache der Mächtigen

Mimik und Körpersprache bestimmen unsere Durchsetzungskraft. Wer bei den Mächtigen dieser Welt genau hinsieht, erkennt einen Code der Alphatiere. Welche Dominanz-Gesten was bewirken und wie Sie diese nutzen können.

Wer die Stille Sprache der Mächtigen versteht, kann sie für sich nutzen. Quelle: REUTERS

Mit der intimen Freundschaftsgeste bestätigen die Politiker nur, was in der Gesellschaft Standard geworden ist: Gleichgesinnte umarmen sich – diese Geste, auch Akkolade genannt, kennt man aus den Mittelmeerländern. Doch hinzu kommt eine spezifisch emotionale Färbung: Man kommt einander näher als beim Händedruck, lässt Steifheit fahren, betont die Innigkeit, die Beseeltheit der Beziehung, überbrückt nicht nur symbolisch den trennenden Abstand, sondern öffnet sich dem anderen als ganze Person.

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