Ungezwungener Freitag: Der Nadelstreifenanzug ist zurück

kolumneUngezwungener Freitag: Der Nadelstreifenanzug ist zurück

Kolumne von Lin Freitag

Kurzarmhemden und Comic-Schlips gehen gar nicht. Außer in deutschen Büros. Da heißt es: Das trägt man jetzt so. Das wollen wir ändern. Da kommt die Rückkehr des Nadelstreifenanzugs genau richtig. Eine Kolumne.

An den Wertevorstellungen von Al Capone kann man sich sicherlich reiben, an seinem Stil nicht. Der Mafiaboss war stets tadellos gekleidet: meist im zweiteiligen Nadelstreifen-Anzug, immer mit passender Weste, Einstecktuch, Krawatte und Hut. Auf das Image seines liebsten Kleidungsstücks hatte der prominente Fan allerdings keinen guten Einfluss: Durch die Nähe zur Mafia haftete dem Nadelstreifen fortan etwas Halbseidenes an. Er roch nach Unterwelt und krummen Geschäften. Erst 40 Jahre später sollte das Trauma zumindest kurzzeitig überwunden werden. In den Achtzigerjahren galt der Nadelstreifen als Statussymbol des erfolgreichen Bankers. Wall-Street-Größen wie Jordan Belfort trugen ihn weit geschnitten, mit viel Platz unter den riesigen Schultern für die ebenso großen Egos der Träger.

Darauf sollten Sie beim Anzug achten

  • Der Stoff

    Hände weg von Synthetik: Polyester, Polyacryl und Co. bringen den Träger nur ins Schwitzen. „Gentleman“-Autor Bernhard Roetzel rät zu 100 Prozent Naturfasern, im Idealfall Schurwolle. Diese ist im Gegensatz zu einfacher Wolle frisch geschoren und zeichnet sich daher durch besonders feine Fasern aus. Stoffe aus Schurwolle sind elastisch, glatt und fallen besser. In vielen Fällen können Anzugkäufer die Stoffqualität auch dadurch ausmachen, indem sie einmal zupacken und schauen, wie stark der Stoff knittert. Das ist aber nicht immer ein Qualitätshinweis: Leinen knittert beispielsweise immer.

  • Das Futter

    Billiganzüge haben meist ein synthetisches Futter aus Kunstfasern. Bessere Anzüge sind mit Viskose gefüttert. Das ist zwar auch synthetisch, wird aber aus Holz hergestellt und weist somit gleiche Eigenschaften auf, wie Baumwolle. Im besten Fall ist das Futter jedoch aus Seide.

  • Die Nähte

    Je billiger der Anzug, desto weniger Stiche weisen die Nähte auf. Wichtig ist vor allem, dass sie ordentlich und gerade verlaufen. Wer dafür keinen Blick hat, kann einfach den ausgewählten Anzug mit einem teuren High-Ende-Modell vergleichen.  Wichtig ist hierbei auch die Hose auf links zu drehen und die inneren Nähte zu begutachten.

  • Die Säume

    Billiganzüge verzichten gerne auf einen ordentlich verarbeiteten Saum. Dadurch fransen die Stoffränder schnell aus.

  • Die Knöpfe

    An Knöpfen lässt sich die Qualität eines Anzugs kaum ausmachen. Diese sind in so gut wie allen Preisklassen aus Kunststoff. Lediglich am oberen Ende haben Anzüge Knöpfe aus Büffelhorn, Steinnuss oder Perlmutt.  „Das sind aber eher traditionelle Qualitätsmerkmale“, sagt Stilexperte Bernhard Roetzel.

Doch leider sollte auch die neue Anhängerschaft dem Image des Nadelstreifens schaden. Aus Managern wurden Zocker. Aus dem großen Geld unmoralische Geschäfte. Und aus dem Statussymbol Nadelstreifen das Erkennungszeichen des Raffzahns. So platzte 2008 mit der Finanzblase auch die Lust auf Nadelstreifen. Fortan wurde er nur noch an Versicherungsvertretern und Staubsaugerverkäufern gesehen. Erst heute, acht Jahre nach der Lehman-Pleite, scheint das Nadelstreifen-Trauma überwunden. Das französische Luxuslabel Givenchy jedenfalls zeigt die Streifen in seiner aktuellen Kollektion in Schwarz und Dunkelblau. Als Einreiher und Zweireiher. Und im Komplettlook mit passend gestreiftem Hemd. Und auch der Wall-Street-Schneider der Achtzigerjahre, Giorgio Armani, erinnert sich an seine Wurzeln. Seine gestreiften Zwirne kombinieren weitfließende Bundfaltenhose mit Jacken, die aussehen, als wären sie etwas zu heiß gewaschen worden: Shrunken, also geschrumpft, nennen Modemenschen das.

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Deshalb, liebe Leser, die sich vielleicht schon erwartungsfroh die Hände reiben und sich fragen, ob das alte Modell, dass sich doch noch irgendwo in den Tiefen des eigenen Kleiderschranks versteckt, wohl noch passt? Die Antwort lautet: nein! Der Nadelstreifen von heute hat mit dem Nadelstreifen von damals nur noch das Muster gemein. Die Jacke ist deutlich schmaler und kürzer geschnitten. Idealerweise endet sie über dem Po. Die Ärmel sind ebenfalls kürzer geschnitten, sodass das Hemd ein wenig mehr als die klassischen 1,5 Zentimeter hervorblitzt. Der Wollstoff ist schwerer, die Streifen sind breiter. Die Hosen sind weiter geschnitten. Greifen Sie zu einem Modell in Dunkelblau. Schwarz oder Mausgrau kann schnell danebengehen. Und unangenehme Assoziationen wecken. Al Capone würde sich freuen. Geht gut: Old-fashionend als Zweireiher mit buntem Einstecktuch und Weste aus leichtem Stoff oder Strick. Geht gar nicht: Zusammen mit anderen Insignien der Achtzigerjahre: goldene Protzuhr, bolleriger Trench, wichtigtuerische Aktentasche.

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