Virtuos beleidigen: "Gesten sind wie eine Fremdsprache"

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InterviewVirtuos beleidigen: "Gesten sind wie eine Fremdsprache"

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Ein Kunstwerk vor dem Gebäude der Mailänder Börse. (REUTERS/Stefano Rellandini)

von Thorsten Firlus

Er gilt als Beleidigung und diente doch viele Jahrhunderte als Zeichen der Macht. Der Professor Reinhard Krüger über die richtigen und falschen Momente der Mittelfingergeste. Und wie man sie geschickt einsetzt.

Herr Krüger, Sie forschen zur Geste des ausgestreckten Mittelfingers und kennen die Jahrtausende alte Historie. Aber zunächst: Wann haben Sie zuletzt selbst den Mittelfinger gezeigt? Im Straßenverkehr, wo er zum guten Ton gehört?

Ich bin im Autoverkehr eher gelassen. Ich weiß, woher der Ärger herkommt. Ich lasse mich dadurch nicht provozieren. Ich fahre vielleicht an dem Gegenüber so vorbei, dass mein Mittelfinger an der Wange ruht und die Hand den Kopf stützt und fahre ohne hinzusehen weiter. Das ist die euphemistische Verwendung des Mittelfingers. Und die ist niemals justiziabel.  

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Sind Sie nie in Versuchung, ihre Kenntnisse über die verschiedenen Bedeutungen der gleichen Geste anzuwenden?

Ich könnte den Mittelfinger höchst virtuos in verschiedenen Kulturen einsetzen. Ich wüsste, was ich in Rom machen müsste, ich wüsste, was ich in England oder in den USA machen muss für eine angemessene Wirkung. Ich würde auch in Mexiko schon richtig verstanden. Ich habe mir das durch entsprechendes Handtraining angeeignet, so wie man eine Fremdsprache erlernen kann. Aber als Injurien gemeinte Gesten gehören nicht zu meinem Repertoire.

Vita

  • Reinhard Krüger

    Der Stuttgarter Romanist Reinhard Krüger forscht seit Jahrzehnten zu der Geschichte von Gesten. Im Berliner Verlag Galiani ist nun sein Buch erschienen "Der Stinkefinger - Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste".

Dafür zu Ihrem Forschungsgebiet. Die Mittelfingergeste ist Jahrtausende alt, wird aber mittlerweile mehr oder minder offen von Politikern wie George Bush oder Barack Obama gezeigt. Regt das überhaupt noch wen auf?  

Das hängt auch heute noch von der Konstellation ab. Wenn ich mit einem Freund beim Bier säße, er einen ausgegeben haben möchte, ich das aber nicht mehr zahlen will, dann zeige ich ihm den Mittelfinger in einer kameradschaftlichen, freundlichen Art und Weise. Er wird das richtig einordnen. Dann hat die Geste das gleiche Aggressionslevel, wie das Emoticon des Mittelfingers, das jetzt bei WhatsApp verwendet wird. Das ist etwas Augenzwinkerndes, das unter Freunden unproblematisch ist. In Situationen, in denen der Konflikt klar ist, ist es praktisch unmöglich, das so zu sehen.

Wenn man von der Polizei angehalten wird, ...

... würde der Mittelfinger sofort als Beleidigung interpretiert. Wir haben es mit einem Spektrum von Deutungen zu tun, von legitim über „kann man aushalten“ bis zu handfester Beleidigung.

Hat es Sie gewundert, dass der damalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis damit noch so viel Aufsehen erregen konnte?

Nein, das hat mich nicht gewundert. Der ausgestreckte Mittelfinger gehört auch in Deutschland in konfliktreichen Situationen zu den gebräuchlichen Gesten. Diese Aufregung ist eher ein Sturm im Wasserglas gewesen, der von TV-Moderator Günter Jauch entfacht wurde. Er wollte hier demonstrieren, was die Griechen für unanständige Lümmel sind und insbesondere so ein marxistischer Wirtschaftsminister. Das ist der eigentliche Hintergrund der Aufregung.

Sie schildern in Ihrem Buch „Der Stinkefinger – Kleine Geschichte einer wirkungsvollen Geste“, dass die Geste in der Spätantike über das Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit kaum bildlich festgehalten wurde und mithin etwas geringere Bedeutung hatte. Erst im 20. Jahrhundert sei sie wieder vermehrt zu sehen. War der Stinkefinger seit jeher eine Beleidigung?

Sie ist eine der ältesten Gesten, die man identifizieren kann. Nein, in ihren Anfängen ist die klar phallische Geste nicht als Beleidigung gemeint gewesen. Sie wurde als Machtdemonstration gesehen. Genau wie auf Felsritzungen der Bronzezeit und des Neolithikums Waffenträger mit erigiertem Penis zu sehen sind, der Macht demonstrieren soll. Das ist noch keine Beleidigung. Der Stinkefinger ist eher Primaten-Gebaren, mit dem demonstriert werden soll, wer der mächtigere ist.

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