Visitenkarten: Worauf es bei der Visitenkarte ankommt

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Visitenkarten: Worauf es bei der Visitenkarte ankommt

von Christopher Schwarz

"I’m CEO, bitch", ließ sich Facebook-Chef Zuckerberg einst auf die Visitenkarten drucken. Mittlerweile nutzt er eine erwachsene Version. Denn Visitenkarten haben immer noch ihren Sinn. Selbst Nerds entdecken sie wieder.

Hand aufs Herz: Ein bisschen peinlich ist es schon, wenn man bei wichtigen Terminen seine Visitenkarten vergisst und zur Entschuldigung murmelt: „Ich maile Ihnen meine Daten.“ Warum? Weil man damit gegen eine uralte Regel verstößt, gegen ein Grundgesetz des Zusammenlebens: dass eine Gabe erwidert wird. Geben, Annehmen und Erwidern, in diesem Dreischritt, so erzählen die Soziologen, vollzieht sich das soziale Leben, vergewissern sich Menschen ihrer wechselseitigen Anerkennung – seit es Menschen gibt.

Zum Beispiel die Melanesier von den Trobriand-Inseln im westlichen Pazifik: Beim Kula-Tausch ließen die Häuptlinge Halsketten zirkulieren, deren Weitergabe freundschaftliche Gefühle unter den Insulanern hervorrufen sollte. Eine archaische Form des Tauschs, die sich unschwer in den Grußritualen der Geschäftswelt wiedererkennen lässt. Nur dass hier bei Nichterwidern keine Kriegserklärung droht. Ansonsten gilt: „Die Visitenkarte ist ein modernes Kula.“

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Eine Transaktion wird zur Geschäftsbeziehung

So deutet sie der in Witten/Herdecke lehrende Philosoph und Managerberater Jürgen Werner. Auch in Zeiten digitalen Datentauschs habe das Hin und Her, das Geben und Nehmen der Karten, seinen humanen Sinn. Der Kartentausch zwischen zwei Geschäftsleuten verweise nämlich „auf etwas Drittes“. Er verwandle eine „Transaktion in eine Beziehung“. Indem wir unsere Visitenkarte reichen, so Werner, „öffnen wir uns dem anderen“ – und dürfen erwarten, dass unser Gegenüber sich uns ebenso öffnet. Visitenkarten sind, nach dem Gruß, die „zweite Gabe“. Ihre Botschaft: „Halte mich im Gedächtnis!“ „Damit du mich nicht vergisst, hinterlasse ich dir, wie ich heiße, was ich mache, welche Firma ich vertrete, wie man mich erreichen kann.“

Zur Entstehung der Visitenkarte

  • Werbung

    Ein Stück Werbung gehörte schon immer zur Visitenkarte, erst Recht seit Erfindung der Lithografie, die Metalliceffekte und mehrfarbigen Druck ermöglichte. Die Beispiele stammen aus Belgien um 1850: Der Waffenhersteller präsentiert sich mit Büchsen und Säbeln, der Pianist mit Harfe, der Hutmacher mit Namen und Relief. Die Karte des Kuperstechers mit Pferd und Sattelei kommt aus Österreich.

  • Rang

    Visitenkarten sind Zeichen des Respekts. Goethes undatierte Karte trägt den handschriftlichen Zusatz: "Sich zu empfehlen".

  • Namen

    Visitenkarten werden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schlichter. Abraham Lincolns Karte stammt aus der Zeit, als er Anwalt in Springfeld war.

Warum Visitenkarten, diese harmlosen, kleinen, viereckigen Kartons, besondere Gaben sind? Weil bei ihnen Person und Sache ineinander übergehen, weil man im Akt des Gebens, wie Jürgen Werner sagt, „sich selber schenkt“, mit seinem Namen und dem Namen des Unternehmens, das man repräsentiert. Am Tausch-Zeremoniell, das die Chinesen veranstalten, ist die Symbolik dieses Transfers deutlich erkennbar: Man hält die eigene Karte mit beiden Händen in Brusthöhe, deutet eine Verbeugung an, überreicht die Karte dem anderen und nimmt im Gegenzug dessen Karte entgegen, die man andächtig studiert, bevor man sie in der Westentasche verschwinden lässt.

Auch in Europa ist der Gabencharakter, das Zeremonielle des Kartentauschs, noch erkennbar. Man überreicht seine Visitenkarte bei einem Meeting nicht irgendwie, sondern „im Stehen“, sagt Hubertus Graf Douglas, Deutschland-Chef der Personalberatung Korn Ferry. Karten gehören in der Geschäftswelt zum „Begrüßungsritual“, seien ein „integraler Teil des gegenseitigen Sich-Vorstellens“, vor allem: eine „Bestätigung der eigenen Position gegenüber Dritten“. Wer zum Vorstand befördert wird, bekommt neue Visitenkarten. Sie funktionieren, so Douglas, „wie der Name auf der linken Brusttasche und die Schulterklappen beim Militär“: Sie sagen, wen man vor sich hat und welchen Rang er bekleidet.

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Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Dandys und andere Große

Das ist ihr Sinn, seit Ende des 17. Jahrhunderts, als die Visitenkarte eingeführt wurde, im Milieu der französischen Kaufleute. Händler, die etwas auf sich hielten, schmückten ihre Visitenkarten mit Wappen und Wahlsprüchen. Wer seine Antrittsvisite machte, gab dem Diener seine Karte mit Namen und Adresse, die er an die Herrschaft weiterreichte, wobei der Anlass des Besuchs auf der Karte vermerkt war. Etwa handschriftlich mit der Abkürzung „p. p. – pour présenter“ oder einem speziellen Knick in der Karte. Sogar Handwerker präsentierten Karten mit berufstypischem Zubehör oder allegorischen Hinweisen auf ihre Zunft.

Und natürlich, Parvenüs polierten ihre Herkunft mit geborgten Titeln auf. In seinem Roman „Glanz und Elend der Kurtisanen“, einem Panorama der mondänen Pariser Gesellschaft, lässt Balzac den angehenden Dandy Georges Destourny auftreten, der, wie es heißt, „seinen Namen folgendermaßen auf seine Visitenkarte drucken ließ: ‚Georges D’Estourny‘. Diese Karte gab seiner Persönlichkeit einen Anhauch von Aristokratie.“

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