Vorabdruck Teil II: Dalai Lama: Jeder muss handeln

Vorabdruck Teil II: Dalai Lama: Jeder muss handeln

Die freie Marktwirtschaft ist der beste Weg, Armut zu reduzieren, sagt der Dalai Lama. Im zweiten Teil des exklusiven Vorabdrucks seines Buchs über Führung beschreibt das Oberhaupt der Tibeter, warum Wettbewerb und globale Konzerne wichtig sind.

Herausforderung Globalisierung

Die Welt wird immer vernetzter. Deshalb bin ich der festen Überzeugung, dass wir unsere universelle Verantwortung ernst nehmen müssen. Wir müssen global denken, denn die Handlungen eines Landes wirken weit über seine Grenzen hinaus. Die Akzeptanz allgemeingültiger Menschenrechte ist in der immer kleiner werdenden Welt von heute unabdingbar. Die Achtung der Menschenrechte darf kein Ideal bleiben, das in ferner Zukunft verwirklicht wird, sondern sie muss die Grundlage jeder menschlichen Gesellschaft darstellen.

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Einige der künstlichen Grenzen, die Länder und Völker lange voneinander getrennt haben, sind in jüngster Zeit gefallen. Der Erfolg breiter Bürgerbewegungen bei der Überwindung des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West, der die Welt jahrzehntelang in zwei Lager gespalten hatte, war Anlass zu großen Hoffnungen und Erwartungen. Doch ein tiefer Graben bleibt weiter bestehen, und dieser Graben verläuft mitten durch das Herz der menschlichen Familie. Wenn wir es ernst meinen mit unserem Bekenntnis zum Grundprinzip der Gleichheit – einem Prinzip, das meiner Ansicht nach das Fundament der Menschenrechte darstellt –, dann können wir die wirtschaftliche Ungleichheit von heute nicht weiter ignorieren. Es reicht nicht aus, von der Unantastbarkeit der menschlichen Würde zu sprechen. Es müssen Taten folgen. Wir müssen die Verantwortung annehmen, die Ressourcen der Welt gerechter zu verteilen.

Im Prinzip bin ich für die „Globalisierung“ und für „globale“ Unternehmen. In der Vergangenheit konnten sich Gesellschaften und Länder vom Rest der Welt abschotten, doch heute ist dies unmöglich geworden. Ein Zusammenbruch des Aktienmarkts auf der einen Seite des Globus hat direkte Auswirkungen auf die andere Seite. Terrorismus kann in einem Land entstehen und weit entfernte Länder destabilisieren. Abschottung ist nicht mehr möglich. Globale Unternehmen spielen eine wichtige Rolle in der vernetzten Welt und können Veränderungen zum Guten bewirken.

Viele Menschen halten die Globalisierung für eine negative Entwicklung, weil sie die Ungleichheit vergrößert und weil vor allem reiche Einzelpersonen und Konzerne den Nutzen davontragen. In wohlhabenden Nationen, Schwellenländern und Entwicklungsländern gilt die Globalisierung gleichermaßen als Ursache für den Verlust von Arbeitsplätzen, legale und illegale Einwanderung sowie steigende Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Es besteht die Gefahr, dass Regierungen Maßnahmen ergreifen, die die Globalisierung behindern, statt sie zu fördern.

Meiner Ansicht nach erklärt sich die wachsende Opposition gegen die Globalisierung mit unserem Unwillen, das Prinzip der Vergänglichkeit anzuerkennen, die Tatsache also, dass alles permanenter Veränderung unterworfen ist. Veränderungen, die früher Jahrzehnte brauchten, benötigen heute weniger als ein Jahr, doch wir sind es nicht gewöhnt, dass sich die Dinge derart schnell wandeln. Umso wichtiger ist es, Veränderung als einen permanenten und unvermeidlichen Aspekt des Lebens zu begreifen.

Der konstruktive Umgang mit den Licht- und Schattenseiten der Globalisierung ist eine der größten Herausforderungen für Unternehmen und Regierungen. Beide müssen künftig sehr viel besser mit diesem Prozess umgehen, um sicherzustellen, dass er eine positive Entwicklung darstellt und auch als solche wahrgenommen wird. (...)

Unternehmertum und Armut

Armut ist in den Schwellen- und Entwicklungsländern ein großes Problem. Doch Armut ist ein mentales Problem, keine Frage fehlender Rohstoffe oder Intelligenz. Wenn alle Menschen die Prinzipien der rechten Anschauung und des rechten Handelns anwenden würden, wäre das Ergebnis rascher Fortschritt.

Vier Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um diesen raschen Fortschritt zu erzielen. Erstens muss die Regierung eines Landes motiviert sein, im Interesse aller Menschen zu handeln, und nicht nur im Interesse einer wirtschaftlichen oder politischen Elite. Zweitens muss das Wirtschaftssystem nach den Prinzipien einer verantwortlichen freien Marktwirtschaft ausgerichtet werden. Drittens müssen die gesetzlichen Regelungen das Unternehmertum fördern. Und viertens muss freiwillige Familienplanung eingeführt werden, um das Bevölkerungswachstum erfolgreich zu verlangsamen.

In der Folge wird die Bevölkerung von der Landwirtschaft in den Produktions- und Dienstleistungssektor abwandern, die Städte werden wachsen, und die Anzahl der Menschen, die in ländlichen Regionen leben und in der Landwirtschaft tätig sind, wird abnehmen. Extremes Elend konzentriert sich heute vor allem auf ländliche Regionen. Das Armutsproblem lässt sich nur bekämpfen, wenn die Menschen vom Land in die Städte umsiedeln. Dies ist jedoch nur möglich, wenn es in den Städten angemessene Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Wenn die Menschen nicht bereit sind, in die Städte zu ziehen und sich dort neue Arbeit zu suchen, ist die Lösung des Armutsproblems unmöglich. Dasselbe gilt für die Familiengröße.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist nur mithilfe des Unternehmertums erfolgreich möglich. Buddha erkannte dessen Wert und ermunterte Unternehmer, durch Verlässlichkeit und Verkaufsgeschick den Erfolg zu suchen. Er riet ihnen außerdem, für schlechte Zeiten Geld auf die Seite zu legen und einen Teil ihrer Gewinne mit ihren Mitarbeitern zu teilen.

Nach buddhistischer Auffassung ist es die oberste Pflicht jedes Haushalts, für sich selbst zu sorgen. Erst danach kann sich ein Mensch um andere kümmern. Unternehmerischer Fortschritt ist nur durch Wertschöpfung möglich. (...)

Unternehmertum ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, für sich selbst und andere zu sorgen und einen angemessenen Lebensstandard zu erreichen. Arme Menschen verbrauchen wenig, da sie nur wenig verdienen. Wenn sie mehr verdienen, verbrauchen sie auch mehr. Unternehmertum ist mit Abstand die beste Möglichkeit, Menschen zu einem besseren Einkommen zu verhelfen und sie so zu aktiven Teilnehmern an der Wirtschaft zu machen. Regierungen können zahlreiche Maßnahmen ergreifen, um das Unternehmertum unter den Armen zu fördern, zum Beispiel indem sie den Bewohnern von Armenvierteln das Eigentum an ihrem Grund und Boden überschreiben oder indem sie die gesetzlichen Bestimmungen zur Unternehmensgründung lockern. Dies ist die rechte Anschauung. Die falsche Anschauung wäre zu glauben, die Menschen in armen Ländern seien faul und arbeitsscheu und würden alles auf morgen verschieben.

Ganz gleich, aus welchem Teil der Welt wir kommen, wir sind alle Menschen. Wir alle wünschen uns Glück und wollen Leid vermeiden. Wir teilen dieselben menschlichen Bedürfnisse und Sorgen. Jeder Mensch und jedes Volk wünscht sich Freiheit und Selbstbestimmung, und um dies zu erreichen, benötigen wir Möglichkeiten, dem Elend zu entkommen. Diese Bedürfnisse sind menschlich, und wir haben es selbst in der Hand, sie zu befriedigen. (...)

Die verantwortliche freie Marktwirtschaft

Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Glück lässt sich nicht unterdrücken. Die Hunderttausenden, die vor wenigen Jahrzehnten in den Straßen der osteuropäischen Städte demonstrierten, die unerschütterliche Entschlossenheit der Menschen in meiner Heimat Tibet und die jüngsten Demonstrationen in Burma führen uns dies in eindrucksvoller Weise vor Augen. Freiheit [ist] der eigentliche Quell der menschlichen Kreativität und Entfaltung. Es reicht nicht, die Menschen mit Nahrung, Unterkunft und Kleidung zu versorgen, wie die kommunistischen Systeme einst meinten. Wenn unsere materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, wir aber nicht die wertvolle Luft der Freiheit atmen können, die unser tieferes Wesen nährt, dann sind wir nur halb Mensch.(...)

Ein freiheitliches, demokratisches System ist deshalb meiner Ansicht nach dasjenige, das am meisten zu unserem kollektiven Glück beiträgt und das geringste Risiko eines groben Machtmissbrauchs birgt. Die Demokratie schafft ein System der gegenseitigen Kontrolle der staatlichen Institutionen, mit dessen Hilfe sich geeignete Maßnahmen ergreifen lassen, wenn sich ein Amtsträger als falsch motiviert oder inkompetent erweist. In der Demokratie besteht die Aufgabe der Regierung darin, den Menschen zu dienen, nicht umgekehrt, und sich dabei verantwortungsbewusst zu verhalten.Buddha maß der Freiheit große Bedeutung bei und betonte die Wichtigkeit der freien Entscheidung und Verantwortung. Außerdem betonte er immer wieder die Wichtigkeit der Disziplin, weil er überzeugt war, dass größere Disziplin weniger Leid und mehr Glück bedeutet. Glück ist ein zentraler Wert der Menschen. Freiheit von Zwang ist eine zentrale Voraussetzung des Glücks. Wenn beispielsweise Einzelpersonen und die Presse kein Recht auf freie Meinungsäußerung haben, bemerkt die breite Öffentlichkeit vermutlich nicht, wenn ihre Meinung von der Regierung manipuliert wird oder wenn ein Unternehmen durch verantwortungsloses Verhalten großen Schaden angerichtet hat. Eine Demokratie hat den zusätzlichen Vorteil, dass sie in öffentlichen Diskussionen alternative Handlungsmöglichkeiten erörtern kann. Auf diese Weise ist die Bevölkerung besser informiert, und es lassen sich neue Lösungsansätze finden. (...)

Freiheit und Wohlstand für alle

[Laurens van den Muyzenberg:] Freiheit und Wohlstand für alle sind hehre Ziele. In diesem Buch haben wir politische und wirtschaftliche Entscheider immer wieder ermuntert, im Kampf gegen die Armut die Initiative zu ergreifen, eine aktive Politik der ökologischen Nachhaltigkeit zu betreiben, die Menschenrechte zu schützen, die Freiheit der Rechtsprechung zu garantieren und Vielfalt als Stärke zu begreifen. Wenn all diese Punkte aktiv umgesetzt werden, so der Dalai Lama, ist das Resultat mehr Frieden und mehr Glück für die Menschen in aller Welt. Im folgenden Abschnitt geht Seine Heiligkeit auf jeden dieser Punkte ein.

Armutsbekämpfung

Auf meinen Reisen in aller Welt war ich überrascht und erschüttert über den Unterschied zwischen dem immensen Reichtum in einigen Regionen und der krassen Armut in anderen. Die Zahl der Reichen wächst, doch die Armen bleiben arm und werden zum Teil sogar immer ärmer. Ich halte dies für völlig unmoralisch und ungerecht.

Wir müssen den Abgrund überwinden, der sich weltweit und in den einzelnen Ländern zwischen Armen und Reichen auftut. Diese Ungleichheit – die Tatsache, dass Teile der menschlichen Gemeinschaft im Überfluss leben und andere Mangel leiden oder gar verhungern – ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch eine Ursache für soziale Unruhen.

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