Weblog "Gründerraum": "Viele Gründer starten ohne Idee"

Weblog "Gründerraum": "Viele Gründer starten ohne Idee"

Warum so viele Irrtümer über das Unternehmertum herrschen: Zur Ausschreibung des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs erklärt der renommierte Entrepreneurforscher Scott Shane, worauf es bei Startups ankommt und wieso Amerikaner auch nicht mehr gründen als Deutsche.

Shane ist Professor für Unternehmertum an der Case Western Reserve University in Cleveland in den USA. In seinem neuesten Buch deckt er zahlreiche Illusionen über das Unternehmertum auf, die von Wissenschaftlern, Politikern und Medien verbreitet werden. Die umfangreiche Datenbasis seiner Untersuchung gilt unter Gründerexperten als beispiellos.

Gründerraum: Herr Shane, in Ihrem Buch entlarven Sie zahlreiche Mythen des Unternehmertums. Wollen Sie Gründern die Laune verderben?

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Nein, aber zu viele Menschen stürzen sich schlecht vorbereitet ins Unternehmertum, zu viele sind als Gründer ungeeignet. Die Ursache dafür ist ein falsches Bild, das über die Unternehmer-Realität in der Öffentlichkeit herrscht. Das will ich korrigieren. Wer die Wirklichkeit kennt, bereitet sich besser auf den Gründungsprozess vor.

Was ist der größte Irrtum?

Viele glauben, dass der Charakter und das unternehmerische Talent des Gründers die wichtigsten Erfolgsfaktoren eines Startups sind. Aber das ist Unsinn. Studien zeigen, dass die Persönlichkeit des Gründers eine bemerkenswert kleine Rolle spielt. Erfolgsentscheidend sind ganz andere Faktoren.

Nämlich?

Mit Abstand am wichtigsten ist die Wahl der Branche. Erfolgreich sind Gründer eher mit technologiebasierten Startups oder in der Gesundheitswirtschaft, am häufigsten scheitern sie mit persönlichen Dienstleistungen und im Einzelhandel. Zweitwichtigster Erfolgsfaktor sind Wettbewerbsvorteile, zum Beispiel bessere Dienstleistungsqualität – im Optimalfall lösen Gründer mit ihrem Angebot ein Problem ihrer Kunden. Und drittens zeigen Statistiken, dass langjährige Erfahrung in der Branche als Erfolgsfaktor immer noch lange vor dem Gründercharakter steht. Sie sehen, wir verschwenden Zeit, wenn wir uns mit der Persönlichkeit des Gründers beschäftigen.

Wie kommt es dazu?

Viele Bücher und Weblogs feuern die Gründer an. Die Leser sollen sich gut fühlen und denken, sie müssen nur positiv denken, dann könne nichts mehr schiefgehen. Die Medien schüren diese Fehleinschätzung mit Berichten über Studienabbrecher, die ihr Unternehmen über Nacht für Millionen verkaufen.

Auch Politiker vertreten die Meinung, Unter‧nehmertum sei gut für die Volkswirtschaft,  jeder solle es wagen.

Das ist der Zeitgeist. Wer den hinterfragt, wird in den USA inzwischen heftig kritisiert, weil man angeblich Menschen demotiviert, die an einer guten Sache arbeiten.

Wird denn Gründen als zu einfach dargestellt?

Keine Frage: ja. Dabei bedeutet der Aufbau eines Unternehmens, viele schwere Entscheidungen zu treffen. Gründer müssen Durststrecken» überwinden, ihre Finanzen kontrollieren, und das oft 14 Stunden am Tag. Es ist sehr hart, Unternehmer zu sein, die meisten Startups überleben die ersten Jahre nicht.

Wie viele schaffen es?

Etwa ein Drittel der Gründer in den USA bleiben zwischen Idee und Start des Unternehmens stecken. Und selbst von denen, die ihr Geschäft zum Laufen bringen, überleben in westlichen Industrieländern im Schnitt nur knapp die Hälfte die ersten fünf Jahre. Nach zehn Jahren ist von ihnen nur noch jeder Dritte am Markt.

Woran scheitern die Gründer am häufigsten?

Die meisten Gründer starten ohne Wettbewerbsvorteil, viele sogar ohne erkennbare Geschäftsidee. Und fast alle verkaufen Produkte oder Dienstleistungen, die es schon gibt. Selbst unter den wachstumsstärksten Startups in den USA haben nur zehn Prozent ein Produkt, das sonst keiner im Programm hat. Zu wenige versuchen, eine Marktlücke zu finden oder eine nicht bediente Kundenschicht anzusprechen.

Welche Rolle spielt das Managementhandwerk?

Es ist wichtig. Denn ein weiterer häufiger Grund für das Scheitern sind schlechte Entscheidungen. Viele Unternehmer wissen nicht einmal, über wie viel Bargeld sie noch verfügen. Die meisten schreiben keinen Businessplan. Aber gerade gutes Controlling und ein realistischer Geschäftsplan ermöglichen fundierte Entscheidungen. Sehr viele Startups nehmen ihr Geschäft zudem unterfinanziert auf. Wer mit 100 000 Dollar startet, überlebt mit 23-prozentiger Wahrscheinlichkeit eher als ein Unternehmen, das nur mit 5000 Dollar finanziert ist. Letzteren fehlt zu schnell das Geld für überlebenswichtige Investitionen.

Dabei rechnen viele Jungunternehmer schon früh mit Risikokapital.

Dass sie das bekommen, ist unwahrscheinlicher, als bei einem Sturz in der Dusche zu sterben. In den USA finanzieren Risikokapitalfirmen weniger als 0,03 Prozent aller neu gegründeten Unternehmen. In Deutschland dürfte das ähnlich aussehen. Am häufigsten finanzieren Gründer ihre Unternehmen aus eigenen Ersparnissen.

Bleibt noch die Alternative Business Angels als erste Finanzierungshilfe, vor allem für High-Tech- und Internet-Gründer.

Fragt sich, wie lange noch. Die meisten Business Angels sagen zwar, sie seien erfolgreich. Doch das stimmt nicht, wie neue Studien belegen. Selbst unter den bekannten amerikanischen Angels, die in Netzwerken in junge Firmen investieren, haben 40 Prozent noch nie Geld mit einer Investition verdient.

Was hat Sie an Ihrer Untersuchung am meisten überrascht?

Dass die USA kein besonders unternehmerisches Land sind.

Wie bitte?

In Wirklichkeit wird in den USA pro Einwohner nicht viel mehr gegründet als in Deutschland. Beide Länder liegen im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Auf dem ersten Platz ist Thailand, darauf folgt China, auf Platz sechs steht die Schweiz, kurz darauf Finnland.

Dass in Schwellenländern mehr gegründet wird, ist bekannt. Es gibt weniger gute bezahlte Vollzeitstellen, und die oft starke Landwirtschaft ist unternehmerisch geprägt. Aber wie erklären Sie sich, dass Länder wie Finnland und die Schweiz so weit vorne liegen?

Gründer haben in diesen Ländern teilweise eine größere Überlebenswahrscheinlichkeit. Ich könnte mir vorstellen, dass es damit zusammenhängt. Die genauen Ursachen sind wissenschaftlich aber noch nicht untersucht.

Sie haben sich auch die Gründer angesehen. Was für Menschen starten Unternehmen?

Das sind eher Menschen, die ihre Jobs oft wechseln, die schon einmal arbeitslos waren und die eher wenig Geld verdienen.

Das Bild passt kaum zu den erfolgreichen Jungunternehmern, die nach der Uni in wenigen Monaten ein Millionengeschäft hochziehen.

Genau. Die prägen aber das Bild von Unternehmern. Gründer sind keineswegs immer jung. Stattdessen steigert jahrelange Arbeitserfahrung die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen ein Unternehmen erfolgreich gründen. Nur knapp zweieinhalb Prozent der Gründer waren 2004 in den USA jünger als 24 Jahre alt. Im Schnitt sind sie zwischen 35 und 44 Jahre alt. Menschen, die direkt aus der Uni heraus gründen, sind also höchst selten.

Trotzdem gibt es namhafte Studienabbrecher: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg oder Apple-Gründer Steve Jobs. Wie wichtig ist die universitäre Ausbildung?

In den USA herrscht der Irrglaube, dass ein Studienabschluss für Gründer eher hinderlich sei. Dabei erhöht der die Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Tages ein Unternehmen erfolgreich aufbauen werden.

Die meisten Unternehmer geben immerhin an, zufriedener zu sein als Angestellte. Wie erklären Sie sich das?

Die meisten Menschen gründen, weil sie keinen Chef mehr haben wollen. Ist das Ziel erreicht, sind sie zufriedener. Man kann deswegen sagen, dass Gründer in vielen Ländern Unabhängigkeit mehr schätzen als Geld.

Wie kommen Sie darauf?

Weil Gründer im Schnitt weniger verdienen als Angestellte. Um sie in einer Festanstellung ebenso zufrieden zu machen, müsste man ihnen zweieinhalbmal mehr Geld bieten.

Sie verdienen nicht nur weniger, sondern arbeiten auch mehr.

Ja. Unternehmer arbeiten überall länger. In kaum einem Industrieland ist die Differenz übrigens so groß wie in Deutschland. Menschen mit eigenem Unternehmen arbeiten dort im Schnitt jede Woche 15 Stunden länger als Angestellte.

Schon seit Jahrhunderten wissen wir: Gründer stammen oft aus Unternehmer-Familien. Gibt es ein Unternehmer-Gen?

Wir haben erste Studien durchgeführt, die darauf schließen lassen, dass es von genetischen Faktoren abhängt, ob ein Mensch Unternehmer wird. Welche das sind, wissen wir aber noch nicht. Einiges deutet darauf hin, dass sogenannte Novelty Seeker eher ein Unternehmen gründen. Die von Psychologen so bezeichneten Menschen sind eher bereit, Risiken einzugehen, suchen Abenteuer, sei es beruflich oder privat – ohne sich große Sorgen über Risiken oder Folgen des Handelns zu machen.n Zum Buch: Scott Shane: „The Illu-sions of Entrepreneurship“: The Costly Myths That Entrepreneurs, Investors, and Policy Makers Live, Yale University Press, 26 Euro

Die Details zur Ausschreibung des wirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs finden Sie hier und hier.

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