Werner knallhart: Angela Merkels neue deutsche Flexibilität

kolumneWerner knallhart: Angela Merkels neue deutsche Flexibilität

Kolumne von Marcus Werner

Die Bundeskanzlerin muss es extra noch dazu sagen: Wir brauchen jetzt die neue deutsche Flexibilität. Nennen wir sie griffig NDF. Das Gute: Da können wir sogar von den Flüchtlingen lernen. Hier ein paar Tipps von einem.

Vladi heißt nicht wirklich so. Ich habe seinen Namen geändert. In Wirklichkeit heißt er Gabriel. Hups, jetzt ist es raus. Naja. Gabriel ist aus Kasachstan, 25 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren in Bielefeld.

Er ist ein Flüchtling, wie man ihn sich aus dem Katalog bestellen würde: Er fühlt sich in Deutschland immer noch wie im Paradies, hat an der Ostsee dieses Jahr zum ersten Mal in seinem Leben einen echten Strand gesehen, er besucht Sprachkurse, hat sich selber das Klavierspielen beigebracht, schreibt eine Job-Bewerbung nach der anderen. Denn er will hier Lokführer werden und wenn man Gabriel kennt, dann hat man den Eindruck: Das wird irgendwann klappen.

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Einem Türken in seinem Deutsch-Sprachkurs, der über Deutsche moserte, sie seien alle scheiße und Deutsch sei eine Scheißsprache, entgegnete er: "Warum bist du dann überhaupt hier?"

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

  • Flucht nach Europa

    Trotz der lebensgefährlichen Fahrt über das Mittelmeer wagen viele Tausend Menschen die Flucht nach Europa. 219.000 Menschen flohen laut Flüchtlingshilfswerk UNHCR 2014 über das Mittelmeer nach Europa; 2015 waren es bis zum 20. April 35.000.

  • Tot oder vermisst

    3.500 Menschen kamen 2014 bei ihrer Flucht ums Leben oder werden vermisst; im laufenden Jahr sind es bis zum 20. April 1600.

  • Zahl der Flüchtlinge in Europa

    170.100 Flüchtlinge erreichten 2014 über das Meer Italien (Januar bis März 2015: mehr als 10.100); weitere 43.500 kamen nach Griechenland, 3.500 nach Spanien, 570 nach Malta und 340 nach Zypern.

  • Syrer

    66.700 Syrer registrierte die EU-Grenzschutzagentur Frontex 2014 bei einem illegalen Grenzübertritt auf dem Seeweg, 34.300 Menschen kamen aus Eritrea, 12.700 aus Afghanistan und 9.800 aus Mali.

  • Asylantrag

    191.000 Flüchtlinge stellten 2014 in der EU einen Asylantrag (dabei wird nicht unterschieden, auf welchem Weg die Flüchtlinge nach Europa kamen). Das sind EU-weit 1,2 Asylbewerber pro tausend Einwohner.

  • 123.000 Syrer...

    ...beantragten 2014 in der EU Asyl (2013: 50.000).

  • Asylbewerber in Deutschland

    202.700 Asylbewerber wurden 2014 in Deutschland registriert (32 Prozent aller Bewerber), 81.200 in Schweden (13 Prozent) 64.600 in Italien (10 Prozent), 62.800 in Frankreich (10 Prozent) und 42.800 in Ungarn (7 Prozent).

  • Steigende Zahl der Asylbewerber

    Um 143 Prozent stieg die Zahl der Asylbewerber im Vergleich zu 2013 in Italien, um 126 Prozent in Ungarn, um 60 Prozent in Deutschland und um 50 Prozent in Schweden.

  • Aufnahme der Flüchtlinge

    Mit 8,4 Bewerbern pro tausend Einwohner nahm Schweden 2014 im Verhältnis zur Bevölkerung die meisten Flüchtlinge auf. Es folgten Ungarn (4,3), Österreich (3,3), Malta (3,2), Dänemark (2,6) und Deutschland (2,5).

  • Überfahrt nach Italien oder Malta

    600.000 bis eine Million Menschen warten nach Schätzungen der EU-Kommission allein in Libyen, um in den nächsten Monaten die Überfahrt nach Italien oder Malta zu wagen.

Ich habe Gabriel gesagt: "Deutschland soll nach dem Willen von Angela Merkel flexibler werden. Was fällt dir da ein? Wo sind wir hier aus deiner Sicht zu starr und eingefahren?"

Er antwortete später per SMS: "Habe keine Idee noch was ich sagen kann, weil 99% deutsche mach mit Sinn. Deutsche sind nich blöd."

Ich bekniete ihn, das eine Prozent rauszuhauen. Dann telefonierten wir und es kam doch noch was.

"Eine rote Ampel für euch ist wie Pistole vor Gesicht."

Ja, das wissen wir ja. Deutsche Fußgänger stehen gerne an der roten Ampel herum. Der Rest der Welt springt rüber, wenn kein Auto kommt. Deutsche Kinder sind da viel zu schlecht internationalisiert. Immer stehen zu bleiben, wenn Kinder an der Ampel warten, nur um gutes Vorbild zu sein, ist lebensgefährlich in der globalisierten Welt. Dort geht man bei rot. Und hat es gelernt. Hier nicht.

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WiWo Cover KW38 Quelle: Illustration: Torsten Wolber

Und noch was: Ich stand mit dem Auto einst an einer Ampel, die wegen eines offensichtlichen Defekts Dauerrot zeigte. In mir und offenbar auch in den Fahrern der Autos vor mir kämpfte der deutsche Schweinehund gegen die Vernunft. Wenn wir uns alle streng an die Vorschriften hielten, würden wir bald elendig im Fahrersitz verdursten. Was also tun? Und da zeigte sich die Zerrissenheit unserer Nation. Nach rund einer Viertelstunde fingen die ersten Autos an zu wenden! Denn auch, wenn die Ampel ja defekt war: Sie war rot. Nur wenige emanzipierten sich von der kaputten Ampel und fuhren langsam an die Kreuzung heran und bogen ab. Bei rot! Wie das schon klingt, ne? Bei rot! Es gibt kaum etwas Perverseres in Deutschland, als absichtlich über rot zu fahren.

Wenn Sie sagen: "Herr Meier schlägt seine Frau." Kopfschütteln. "Und dann ist Herr Meier bei rot gefahren." "WIE BITTE?"

Ich stand einst nach einer Party nachts um etwa halb vier mit dem Auto in einem Vorort von Köln an einer roten Ampel. Weit und breit kein anderer Verkehrsteilnehmer. Kein Mensch auf der Straße oder auf dem Gehweg. Ich war allein mit mir und dem Mond. Und stand und stand und stand. Erzähle ich das Gabriel, komme ich mir einfach bescheuert vor. Können die die Ampeln nicht wenigstens einfach ausschalten nachts? Einfach flexibel sein. Ist doch sonst demütigend.

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