Werner knallhart: Deutsche sind heute angeblich unhöflicher. Wie schön!

kolumneWerner knallhart: Deutsche sind heute angeblich unhöflicher. Wie schön!

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Ritualisierte Höflichkeit kann echte Wertschätzung verdecken.

Kolumne von Marcus Werner

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov halten wir uns heutzutage für unhöflicher als früher. Das spricht für uns. Die Rituale verdecken die Herzlichkeit.

"Halt jetzt mal deine Fresse bitte."

Das hat mein Klassenkamerad Stefan mal zu mir gesagt. Hin und her geworfen von seiner Peergroup einerseits (Fresse) und der guten Kinderstube andererseits (bitte).

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Wir waren damals ungefähr 14 Jahre alt. War Stefan wirklich unhöflich gewesen? Und noch wichtiger: War das schlimm?

Beim Callcenter, im ICE, bei der Post, mittlerweile sogar bei Behörden: überall sind die Menschen so höflich und eingeübt nett. Und trotzdem finden 75 Prozent der Deutschen laut einer Meinungsumfrage von YouGov: Früher waren die Menschen hierzulande höflicher.

Und genauso viele Menschen denken hierzulande, dass junge Leute zu wenig Respekt vor älteren Leuten haben.

Die zehn Knigge-Basics

  • 1. Niesen

    Wer niesen muss, tut dies indem er den Handrücken der linken Hand benutzt und sich wegdreht. Hat sich durch die abrupte Bewegung jemand erschreckt, entschuldigt man sich. Daneben kann man in einer kleinen Runde "Gesundheit" wünschen, wenn aber beispielsweise bei großen Besprechungen jemand niest, wird das ohne Kommentar ignoriert.

  • 2. Am Telefon melden

    Wenn man sich am Telefon meldet genügt kein: Guten Tag oder Hallo. Man sollte zumindest den Familiennamen nennen. Außerdem empfiehlt es sich bei mehreren Personen im gleichen Alter, die in einem Haus wohnen, auch noch den Vornamen dazu zu nennen. Ein Gruß wie „Hallo“ oder „Guten Tag“ kann gerne nachgestellt werden, ist jedoch kein Muss.

  • 3. Zeiten in denen man Personen anrufen darf

    Nach 21.30 Uhr sollte man nur in äußersten Notfällen bei anderen Personen anrufen. Außerdem empfiehlt es sich, bei älteren Personen auf eine Mittagsruhe zwischen 13 und 15 Uhr zu achten, in denen ebenfalls das Telefon stumm bleiben sollte.

  • 4. Keine unangekündigten Besuche

    Auch wenn es manchen als spontan und nett erscheinen mag. Unangekündigte Besuche sollte man vermeiden um den Gastgeber nicht zu einer ungelegenen Zeit zu stören, empfiehlt Knigge-Expertin Tosca Freifrau von Korff. Ein Anruf, 30-45 Minuten vorher hilft um zu klären, ob ein kurzfristiger Besuch möglich ist.

  • 5. Die passende Kleidung

    Bei offiziellen Anlässen wie Taufen, Hochzeiten oder aber auch einem feinen Abendessen ist es sinnvoll, den Gastgeber vorher nach dem Kleidungswunsch zu fragen, wenn dies nicht auf der Einladung vermerkt ist. So vermeidet man unangenehme Ausrutscher in Sachen Kleidung.

  • 6. In ganzen Sätzen sprechen

    Egal, wie die Frage lautet oder wer sie stellt: Richtig antwortet man nur in ganzen Sätzen. So lautet die Antwort auf die Frage nach dem gewünschten Getränk im Flugzeug nicht „Tomatensaft“, sondern „Ich hätte gerne einen Tomatensaft.“

  • 7. Über andere lästern

    Schlecht über andere Personen reden empfiehlt sich generell nicht. Wer es dennoch nicht lassen kann, sollte das nur in einem ungestörten Umfeld tun, in dem keine Dritte zuhören. Das Bahnabteil oder den Bus zum Lästern nutzen ist also ein No-Go.

  • 8. Konflikte lösen

    Wer ernste oder problematische Dinge mit anderen zu besprechen hat, sollte den passenden Zeitpunkt abwarten, auch wenn manche Dinge dringend sind. So gehört das Besprechen von Konflikten nicht auf eine Hochzeit oder eine Geburtstagsfeier.

  • 9. Zu Gast bei anderen

    Wer irgendwo Gast ist muss abwarten, wo ihn der Gastgeber hinführt. Eine Besichtigungstour auf eigene Faust a la „Ich schaue mich mal ein wenig um“ ist nicht akzeptabel. Stattdessen lieber gleich den Gastgeber um eine Führung bitten.

  • 10. Hausschuhe anbieten

    Wer Gäste hat, muss ihnen gestatten ihre Schuhe anzulassen. Hausschuhe, die schon von anderen getragen wurden sind keine Alternative. Im Extremfall kann man seine Gäste drum bitten, des Bodens zur Liebe die Schuhe auszuziehen. Allerdings sollte ein aufmerksamer Gast bei schlechtem Wetter gleich ein zweites Paar Schuhe für den Innenraum mitbringen.

Wie kommt das? Ich frage mich, wie genau sich nach Ansicht der meisten Menschen zeigt, dass die Höflichkeit in unserem Land flöten gegangen ist. Sind etwa die älteren Menschen gegenüber jüngeren noch genauso höflich wie früher, nur die jüngeren benehmen sich daneben?

Oder haben jüngere von älteren gar keine Höflichkeit zu erwarten?

Ich erinnere mich, welche Art von Höflichkeitsbekundungen wir, die wir in den Achtzigerjahren in Westdeutschland eingeschult wurden, von den Erwachsenen beigebracht bekamen:

Bis in die Mittelstufe wurden wir von den Lehrern geduzt. Es war glaube ich in der zehnten Klasse, da ging zu Schuljahresbeginn mit jedem Lehrer individuell und vorschriftsmäßig die Diskussion los: Werden die Schüler von der Lehrkraft ab sofort gesiezt oder weiter geduzt? Was für ein Stuss! Höflichkeit auf Geheiß des Kultusministeriums. Solch eine aufgesetzte Respektbekundung war das Gegenteil von herzlichem Respekt und damit nichts wert. Das spürten wir Schüler und machten uns einen Spaß daraus:
Unser Geschichtslehrer, ein schülerhassendes Monster gefangen im Körper eines Pädagogen, wurde zum Siezen verdonnert.

Unserer Englischlehrerin, die uns großherzig im Unterricht Kaffee trinken ließ, durfte uns natürlich duzen, wie man das unter Kumpels ebenso tat.

Unserem Französischlehrer boten wir das Du auf Gegenseitigkeit an, was er brüskiert ablehnte. Dann eben siezen.

Werner knallhart Im Job duzen oder siezen? Macht Euch mal locker!

Manche Chefs wollen geduzt werden, andere wollen unbedingt beim "Sie" bleiben". Fest steht: Die Höflichkeitsform ist inzwischen zweideutig - was im Geschäftsleben zu Chaos führt. Da bleibt nur eine Möglichkeit.

Drei Kollegen in der Büroküche

Eine Klassenkameradin lag eines Tages mit dem Religionslehrer im Klinsch (es war, glaube ich, ein Weltanschauungs-Konflikt, wie ihn nur ein Teenager mit seinem Religionslehrer haben kann) und wollte ab sofort von ihm gesiezt werden. Der Rest der Klasse wurde aber ja geduzt. Verdammt, was nun? Der Lehrer wollte sich nicht die Blöße geben und nahm sich vor, nur die Eine zu siezen. Doch vergaß er es ständig. Ihre Antwort: "Für Sie immer noch Sie." Das fand er wiederum frech. Ist es unhöflich, sein Gegenüber ans Siezen zu erinnern, wenn doch das Duzen seitens des Gegenübers schon unhöflich war?

Mein Physiklehrer bestand darauf, dass sich einer meiner Klassenkameraden im Unterricht sein Skaterkopftuch abnahm. "Ich zähle bis drei."

Ausgerechnet das Accessoire, das ihn in der ganzen Klasse zur coolen Sau werden ließ. Was für eine Anmaßung. Was für eine Demütigung der Jugend. Es gab richtig Geschrei im Klassenzimmer. Am Ende war das Kopftuch runter. Jetzt genoss der Lehrer also die erzwungene Höflichkeit.

Stellen Sie sich mal vor, ein Lehrer würde heute einer Schülerin sagen: "Nimm's Kopftuch ab oder du fliegst raus."

Ab der zehnten Klasse mussten wir zum Grüßen nicht mehr aufstehen, wenn der Lehrer das Klassenzimmer betrat. Warum nicht? Hatten wir mit dem Alter den Luxus erworben, unhöflich sein zu dürfen?

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