Werner knallhart: Deutschlands heimliche Klo-Revolution

kolumneWerner knallhart: Deutschlands heimliche Klo-Revolution

Bild vergrößern

Es gibt einen Lebensbereich, der sich in den vergangenen Jahrzehnten wenig verändert hat. Und nun scheint sich 2015 plötzlich so viel zu tun wie seit Erfindung der WC-Ente nicht mehr.

Kolumne von Marcus Werner

Neues hinter verschlossenen Türen: Pullern im Stehen ist ab jetzt zumindest juristisch sauber. Die Unisex-Toilette setzt sich langsam durch. Und Klo-Frauen haben ein besseres Image.

Autos sind elektrisch, Armbanduhren sind Nachrichtenzentralen, Fernseher sind krumm. Aber es gibt einen Lebensbereich, da hat sich in der Vergangenheit wenig getan, obwohl er jeden Menschen täglich betrifft - die Toilette.

Die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte:

Anzeige

1. Der sonderbare Flachspüler, bei dem über Wasser liegen bleibt, was eigentlich duftversiegelt unter die Wasseroberfläche gehört, stirbt in Deutschland langsam aus. Das ist gut, denn der Flachspüler hat das Image unseres schönen Landes unter Touristen empfindlich gestört.

2. Urinale funktionieren mittlerweile auch ohne Spülung. Zwar müssen die Herren nun beim Wasserabschlagen durch den Mund atmen, aber dafür sparen die Betreiber der Anlagen das Geld für die Wasserinstallation.

3. Der Klodeckel mit Soft-Absenkung, der leise und langsam nach unten gleitet. Seitdem knallt es in unseren Bädern erst so richtig laut. Denn viele Soft-Verwöhnte schubsen die Deckel in ihrem Trott auch dort an, wo sie noch klassisch ungebremst nach unten auf die Brille donnern. Das macht wach. Auch den Hotelzimmernachbarn.

Werner knallhart Großes Geschäft - Die Abzocke an öffentlichen Toiletten

An Bahnhöfen und an Raststätten ist Pinkeln mitunter teurer als Trinken. Und keiner weiß, wo eine Gebühr überhaupt rechtens ist. In Deutschland herrscht Klochaos.

Eine Klobürste lehnt an einer Tür einer Toilette Quelle: dpa

4. Nach dem Händewaschen eröffnet sich mittlerweile eine neue Welt. Zum einen: der Handtuchspender ohne Anfassen. Der geht so: Erst hält man die nasse Hand vor das rote Lämpchen und wartet. Dann tippt man mit den frisch gewaschenen Fingern auf das rote Lämpchen. Und wartet. Dann schlägt man mit dem Handballen gegen die Lampe und wartet. Dann wischt man sich die Hände an den Oberschenkeln trocken. Und prompt brummt das Papier heraus.

5. Supergebläse. Dort steckt man seine Hand passgenau in einen toasterartigen Schlitz, es dröhnt und danach sind die Hände nicht mehr ganz so nass. Die Herausforderung: die Handflächen nicht an die Innenwände des Gerätes pusten lassen, damit die Hände keimfrei bleiben. Ein Nervenkitzel wie früher beim Spiel "Der heiße Draht". Erlebnisgastronomie! Die Dinger sind nicht umsonst Red-Dot-Design-prämiert.

Soweit zu den vergangenen 20 Jahren. Nun scheint sich 2015 plötzlich so viel zu tun wie seit Erfindung der WC-Ente nicht mehr.

Erstens dürfen Mieter offiziell im Stehen pinkeln. Wenn durch Urinspritzer der Fußboden um die Toilette herum angegriffen wurde, muss das in der Regel der Vermieter hinnehmen. Das hat das Amtsgericht Düsseldorf (männlicher Richter) jetzt entschieden.

Damit wurde der einzige nennenswerte biologische Vorteil des Mannes gegenüber der Frau weiter manifestiert. Wenn es einen einzigen vernünftigen Grund gibt für das, was Psychologen Penisneid nennen, dann findet man den im sanitären Bereich. Das fällt vor allem auf bei Musikfestivals, nach langen Flugreisen in der Ankunftshalle und in der Theaterpause - an den Schlangen vor den Damentoiletten.

Aber es ist nur fair. Männer haben eine kürzere Lebenserwartung als Frauen und müssen daher mit dem verbleibenden Kontingent haushalten. Hinsetzen ist reinster Zeitluxus, den kann sich eben nicht jeder leisten. Blinder Marmor am Boden um die Schüssel herum ist Ausdruck der Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit. Wer im Stehen pinkeln, der lebt bewusster. Und was bitteschön, liebe Damen, ist erotischer als ein selbstreflektierter Mann?

Problematisch ist zweitens höchstens mein Versuch, Leserinnen jetzt den Vorteil von Unisex schmackhaft zu machen. Das wird nämlich langsam salonfähig. Es geht um Klos ohne Geschlechtertrennung. Die sind in Deutschland nämlich im Kommen.

In Berlin etwa gehen die Bezirksverwaltungen mutig voran. Das geht. Denn die Arbeitsstättenverordnung schreibt lediglich vor, dass Toilettenräumen von beiden Geschlechtern getrennt aufgesucht werden können müssen. Das geht auch nacheinander. Indem man die Unisex-Toilette bei der Benutzung abschließt.

Potzblitz! Behörden rechnen vor: Die Umstellung kostet rund 100 Euro. Für die Montage des neuen Toiletten-Piktogramms für beide Geschlechter. Fertig!

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%