Werner knallhart: Neuer US-Kaffeetrend: Die total verrückte Filter-Show

kolumneWerner knallhart: Neuer US-Kaffeetrend: Die total verrückte Filter-Show

Kolumne von Marcus Werner

Was kommt gut 20 Jahre nach dem Siegeszug der Latte Macchiato? In den USA erlebt der Filterkaffee eine Renaissance. Aber natürlich nicht einfach so. Sondern als ganz wichtiger Lifestyle. Was kommt da auf uns zu?

Ich mag die Amerikaner. Und wir können froh sein, dass diese Weltmacht uns so ähnlich ist, dass wir sie intuitiv an unseren europäischen Maßstäben messen. Auch wenn wir dann manchmal den Kopf schütteln, Stichwort Trump. Oder schmunzeln müssen, Stichwort Filterkaffee. Denn eins muss man den Amis lassen: Sie probieren sich aus.

Was hat sich für uns Deutsche in Sachen Kaffee in den letzten Jahren Neues getan, außer dass Kuhmilch erst durch Sojamilch ersetzt wurde, dann Sojamilch durch diese Mandelmilch? 

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Dass es heute im Karstadt-Restaurant zusätzlich zum "Pott Kaffee" auch "Kaffeespezialitäten" gibt, verdanken wir letztendlich der Kaffee-Revolution von Starbucks aus Seattle. Deutsche Teenager haben sich im vergangenen Jahrzehnt eine Starbucks-Filiale in ihrer Heimatstadt herbeigesehnt, wie wir in den 90ern eine Filiale von H&M.

Aber mittlerweile ist es langweilig. Da muss was Neues kommen. Und es sieht so aus, als wenn wieder Amerika den neuen Trend lostritt: Cafés ohne Espresso, Latte, Cappuccino!

Da ist zum Beispiel Philz Coffee, eine kleine Kette mit Filialen in San Francisco, L. A. und Washington D. C.

Einfach auf die Tür zu schreiben "Hier kein Espresso", wäre natürlich zu wenig gewesen. Aber aus Mücken Elefanten machen, das tun die Amerikaner ja mit ungebremstem Enthusiasmus. Sie verpacken ein schnödes Konsum-Produkt mit einer faszinierenden Lifestyle-Aussage und haben damit immer wieder weltweiten Erfolg: Coca-Cola, Apple, Starbucks. Im Restaurant mit den Fingern zu essen, das war in den 70er-Jahren revolutionär: McDonald's war Avantgarde.

Und so inszeniert Philz Coffee seinen Filterkaffee zum mit Liebe und Mühe kreierten Genussmittel für Leute, die Kaffee schätzen können. Und ihn nicht in Milch untergehen lassen wollen.

Und all das funktioniert nicht ohne Show. Es braucht das Philz-Coffee-Prinzip. Die Kunden müssen mitspielen. Und das tun sie gerne. Denn sie sind ja Kaffee-Liebhaber - so wie die  Philz-Mitarbeiter. Wer das Theater mitträgt, wird Teil der großen Sache.

So, wie man bei Apple einen Termin vereinbart, um sich ordentlich im Store beraten zu lassen. So wie man bei McDonald's bei der Bestellung den Katalog runter rappelt, um Gegenfragen zu verhindern: mittel, ohne Eis, mit Ketchup, zum Mitnehmen.

Ich habe Philz in Washington ausprobiert. Dort funktioniert das Procedere so: 

Schritt1. Die Auswahl der Bohnen

"What can I get you, sir?" Alle Sorten werden von Philz selber geröstet. Und es sind über - Achtung! - zwanzig Varianten, unterteilt in dunkle Röstung, mittelstarke Röstung, milde Röstung und koffeinfrei. Die Sorten heißen teilweise einfach "Aromatic Arabic" oder "Dark French", andere nennen sich "Ambrosia Coffee of God", "Dancing Water", "Sooo Good" oder "Greater Alarm". Hinter jeder Sorte steht auf den großen Tafeln je drei Geschmacks-Attribute. Die Sorte "Jacob's Wonderbar" etwa soll nach Schokolade, Nüssen und Nelke schmecken, "Philharmonic" nach Kardamom, Zimt und Pflaume.

Wohl gemerkt: Keins der Aromen wird als Sirup aus Flaschen reingepumpt. Das Nuss-Aroma etwa entsteht durch eine Röstung mit etwas Nuss-Öl. Kardamom kommt ebenfalls bei der Röstung hinzu. Alle anderen Aromen stammen aus den Kaffeebohnen selber. Und bei "Tantalizing Turkish" kommt am Ende noch ein Zweig frischer Minze in den fertig aufgebrühten Kaffee.

Ich wähle die Kaffeebecher-Größe, die Milchsorte (aus Kuh, Soja, Fettstufe und Süßungsgrad) und gehe vor an die Kasse.

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