Werner knallhart: Wenn Ihre Höflichkeit nervt

kolumneWerner knallhart: Wenn Ihre Höflichkeit nervt

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Was mitunter galant wirkt, kann manchmal ganz schön nerven.

Kolumne von Marcus Werner

Der Kollege hält die Tür auf, die Kollegin muss deshalb rennen. Der Kellner gießt einen symbolischen Schluck Bier aus der Flasche ins Glas. Und alles ist Schaum. Die Top 5 der lästigsten Nettigkeiten.

Bekanntlich ist nicht alles gut gemacht, was gut gemeint ist. Wenn wir unseren Mitmenschen im Arbeitsalltag, beim Einkaufen oder im Theater mit Höflichkeit begegnen, dann kommt aber noch eine blöde Sache erschwerend hinzu: Wir tun das nicht allein dem anderen zuliebe. Wir tun es, um selber gut dazustehen. Indem wir zeigen: Guck mal, ich bin jemand zum Knuddeln. Im Idealfall profitiert der andere dann davon. Aber oft steigern diese Riten der Freundlichkeit beim anderen eher den Blutdruck, als das Wohlbefinden. 

Platz 5: Tür aufhalten, wenn der andere am Horizont zu sehen ist

Der Klassiker. Eine Lose-Lose-Situation. Der frühe Aufhalter muss ewig warten und steht Dritten im Weg, der andere sieht sich genötigt, aus Gegen-Höflichkeit demonstrativ zu traben - mit hüpfendem Rucksack auf dem Buckel. Aber wem hilft all das? Türen hält man dem Hintermann auf, damit sie diesem nicht direkt hinter einem mit Schwung an die Schläfe knallen. Oder wenn jemand mit Kinderwagen oder mit Taschen bepackt keine Hand frei hat.

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In allen anderen Situationen sollte gelten: Gönnen wir uns selber und den anderen diesen kleinen Moment der Entspannung. Man grüßt sich einfach gegenseitig freundlich aus der Ferne. Und die Tür fällt ins Schloss.

Platz 4: „Gesundheit!“

Das aussterbende Ritual. Kurioser Weise hat sich hier in den vergangenen fünf Jahren etwas verändert. Früher hatte man als Nieser ja das Gefühl: Alle, die jetzt nicht „Gesundheit“ sagen, wünschen mir heimlich den Tod.

Heute denke ich: Jeder, der mir „Gesundheit“ wünscht, bringt mir durch die Blume zum Ausdruck, ich solle ihn gefälligst nicht anstecken. Da steckt Deutschland mitten im Erkältungs-Kulturwandel.

Und so prallen heute zwei Welten aufeinander: Die Gesundheit-Sager und die Nieser, die ignoriert werden wollen. Bester Ort für eine Feldstudie ist der ICE. Wenn dann einer niest, fünf Reihen weiter vorne einer anonym und fröhlich „GESUNDHEIT!“ nach hinten brüllt, und dann kommt kein „Danke!“ - dann wissen Sie: Hier ist eine Gesellschaft im Umbruch.

Aber das „Gesundheit!“ wird sterben. Ganz klar! Denn: Kommt immer seltener ein Danke, dann werden sich die Gesundheit-Brüller mehr und mehr vorkommen wie die fröhlichen Clowns in einer kaltherzigen Welt. Und sie werden eingeschnappt klein beigeben. Am Anfang werden sie „Gesundheit“ nur noch leise denken. Dann irgendwann auch das nicht mehr. Wie beim Umrechnen von Euro in D-Mark. Irgendwann hört das einfach auf. Und Niesen ist keiner Rede mehr wert.

Werner knallhart Erkältungszeit: gekonnt niesen unterwegs und im Job

Wie wir niesen, ist Ausdruck unserer Kultur. Und da hat sich einiges verändert in den letzten Jahren. Aber die Nies-Revolution muss erst noch kommen.

Niestechnisch leben wir noch in der Steinzeit. Quelle: dpa

Platz 3: In der Supermarkt-Schlange vorlassen

Dass sich diese Höflichkeit schnell rächt, ist eine Binse. Da lässt man den Bubi mit der einen Flasche Bacardi-Breezer an der Kasse vor und dann steht er da vor der Kassiererin ohne Ausweis, ist aber vielleicht erst 15. Oder ihm fehlen genau 27 Cent, wie er gerade merkt. Aber da ist man dann ja selber schuld.

Was aber aussieht wie ein Deal zwischen Ihnen und dem Vorgelassenen, ist auf der anderen Seite eine unverschämte Anmaßung den Leuten hinter Ihnen. Denn eigentlich hätten auch alle anderen hinter Ihnen ebenfalls um Erlaubnis gefragt werden müssen. Aber wer macht das schon? Nun kann man sagen: Da wird doch keiner was dagegen haben, und wenn doch, dann sind das alles Spießer. Aber das ist ja gerade die Anmaßung. Wer quer einsteigen lässt, schmückt sich mit der erzwungenen Großzügigkeit aller anderen. Mit reinem Gewissen vorgelassen werden kann also nur der Wartende direkt hinter einem in der Schlange. Alles andere ist die Diktatur der Höflichkeit über die Massen.

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