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Wirtschaftsethiker Peter Ulrich: "Der Ansehensverlust der Wirtschaftselite ist massiv"

von dpa

Vor dem Hintergrund der Liechtenstein- Steueraffäre sieht der Wirtschaftsethiker Professor Peter Ulrich einen beschleunigten und massiven Ansehensverlust der „Wirtschaftselite“.

Vor dem Hintergrund der Quelle: dpa
Vor dem Hintergrund der Liechtenstein- Steueraffäre sieht der Wirtschaftsethiker Prof. Peter Ulrich einen beschleunigten und massiven Ansehensverlust der „Wirtschaftselite“. Quelle: dpa

Vor dem Hintergrund der Liechtenstein- Steueraffäre sieht der Wirtschaftsethiker Prof. Peter Ulrich einen beschleunigten und massiven Ansehensverlust der „Wirtschaftselite“.

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Angesichts mangelnder Moral einiger Top-Manager, sei zu befürchten dass die soziale Marktwirtschaft in Deutschland Schaden nehme. „Soziale Marktwirtschaft, einst ein Gütesiegel der deutschen Wirtschaftsordnung, klingt in den Ohren einer breiten Bevölkerung zunehmend hohl“, sagte der Leiter des Instituts für Wirtschaftethik an der Universität St. Gallen in der Schweiz. 

Wie sehen Sie die so genannte Liechtenstein-Affäre?

Ulrich: Eigentlich staune ich etwas darüber, wie erstaunt man sich über die neue „Datenlage“ zeigt. Wer es wissen wollte, fand doch schon lange klare Indizien für das riesige Ausmaß der Steuerflucht aus Deutschland insbesondere nach Liechtenstein und in die Schweiz. Wie anders soll man sich sonst den dramatischen Schwund des Aufkommens aus den Einkommenssteuererklärungen in Deutschland seit etwa 1990 erklären? Obwohl die hohen und höchsten Einkommen die einzigen sind, die seither Jahr für Jahr markant zulegten, sank gleichzeitig der Anteil der „erklärten“ Einkommenssteuern am Sozialprodukt ganz erheblich. Ganz gegenläufig nahm der Anteil der Lohnsteuer am Steueraufkommen trotz der real stagnierenden mittleren und unteren Einkommen zu. Nach gängigen Schätzungen von Fachleuten sind in den letzten 15 Jahren mehrere hundert Milliarden Euro aus Deutschland als „diskrete Geldanlagen“ in Steueroasen geflossen. Das Fürstentum Liechtenstein hat daraus geradezu sein „Geschäftsmodell“ gemacht. Neu aber ist, dass dies offenbar bis weit in die Führungskreise von Politik und Wirtschaft hinein jetzt kritischer bewertet wird.

Gibt es einen neuen „Zeitgeist“ in den Chefetagen?Ist die aktuelle Manager-Generation nur noch auf Rendite aus und fühlt sich nicht mehr dem Gemeinwohl verpflichtet?I st die aktuelle Manager-Generation nur noch auf Rendite aus und fühlt sich nicht mehr dem Gemeinwohl verpflichtet?

Ulrich: Der neoliberale Zeitgeist hat nun seit etwa 20 Jahren den Leuten das Credo der Gewinnmaximierung eingehämmert. Wenn nur jeder seinen eigenen Vorteil maximiere, so sorge die unsichtbare Hand des Marktes dafür, dass dies für alle gut sei (Doktrin des Shareholder Value). Dieses Denken fungiert als ideologische Entlastung von moralischen Ansprüchen der Rücksichtnahme auf andere. Wer so tickt und Skrupel gegen knallharte Geschäftsmethoden im Umgang mit Mitarbeitenden, Lieferanten und öffentlicher Hand ablegt, der bringt „Leistung“ und macht Karriere.

Glauben Sie, dass die soziale Marktwirtschaft in Deutschland durch das Verhalten einiger Spitzenleute Schaden nimmt?

Ulrich: Der schon lange schleichende und nun galoppierende Ansehensverlust der „Wirtschaftselite“ ist massiv. Das Geschäftsgebaren mancher bekannter Großunternehmen, die einst eine hohe Reputation genossen, ist teilweise ebenso desillusionierend wie das persönliche Verhalten einiger ihrer Repräsentanten. „Soziale Marktwirtschaft“, einst ein Gütesiegel der deutschen Wirtschaftsordnung, klingt in den Ohren einer breiten Bevölkerung zunehmend hohl.

Könnte die aktuelle Debatte der politischen Linken Zulauf bringen?

Ulrich: Ja, das ist anzunehmen. Allerdings wäre es schade, wenn nur wieder mal das Pendel vom Pol des Marktradikalismus zu jenem des Sozialetatismus zurückschwingt. Beide diese konventionellen Alternativen sind gleich altmodisch und verbauen den Blick auf die Zukunft, nämlich auf die volle Entfaltung einer modernen Bürgergesellschaft, in deren Rahmen die Marktwirtschaft einzubetten ist. Das hat nichts mit „Staatsinterventionismus“ zu tun, vielmehr geht es darum, die gesellschaftspolitischen Voraussetzungen zu schaffen, in deren Rahmen das Wirken der Marktkräfte und seine lebenspraktischen Folgen den Menschen zugemutet werden kann. Reale Freiheit hat in einer modernen Gesellschaft auch etwas mit Kaufkraft zu tun. Die gegenwärtig stattfindende, immer extremere Einkommens- und Vermögenskonzentration bei einem erstaunlich kleinen Prozentsatz der Bevölkerung verträgt sich nicht mehr sehr viel länger mit den Prinzipien einer „civil society“.

10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 25.02.2008, 12:03 UhrAnonymer Benutzer: John Galt

    Preussischs Obrigkeitsdenken ist out- unsere Politiker haben nicht kapiert, dass der Staat mittlerweile Wettbewerber ist. bietet er ein kompliziertes und gieriges Steuerwesen, so muss er sich nicht wundern, dass Menschen, Firmen und Kapital in andere Staaten abwandern.
    CRM: Der Staat sollte seine "Kunden", also die bürger in den Mittelpunkt seiner interessen stellen, nicht seine eigene Raffgier.
    Den unantastbaren Milliarden in Liechtenstein oder der Schweiz hinterherzuweinen ist eine verlogene Witzpille, denn die Steuervorteile wären doch eh versickert und nicht der bundesteutschen infrastruktur oder den Rentenkassen zugutegekommen. insofern ist es fraglich, ob der Staat sich darauf berufen kann, dass ihm etwas "entgangen" wäre.
    Und was ist das oft beschworene "Gemeinwohl"? Hilfreich wäre vielleicht die Lektüre "Wer ist John Galt?" von Ayn Rand...
    Aber die Zumwinkel- Story passt so wundeschön zu unserer Neidkultur! Allerdings reden wir hier über plakaitv wirkende Summen, wenn ein "Reicher" bei der Steuerhinterziehung erwischt wird und es um Millionen geht. Man kann so schön damit "Politik machen", also dem Wahlvolk irgendeine rührselige Gerechtigkeits- Geschichte vor die Füsse kübeln. Verschwiegen wird dabei gerne, dass das Realeinkommen für Leute mit "normalem bis unterem" Einkommen ständig sinkt und immer mehr Familien in Deutschland an die Armutsgrenze gedrängt werden. Die können es sich mangels Masse noch nicht mal leisten, etwas zu hinterziehen. Und das ist die schweigende Mehrheit, die von steigender inflation, Lohnkürzung, Unternehmensverlagerungen und -insolvenzen unmittelbar betroffen ist. Die auch wie Zumwinkel (das muss man dem Kerl fairerweise lassen) für ihr Geld gearbeitet haben. Die der Staat mit "Hosianna - mehr Steuergerechtigkeit!" anbrüllt, und dann systematisch monetär "kreuzigt". Die zb für West- Lb- Eskapaden berappen darf.
    Von daher ist jedes Jubeln über entdeckte Steuersünder über alle Massen verlogen.

  • 23.02.2008, 15:36 UhrAnonymer Benutzer: Jochen Schrader, Cottbus

    Mal abgesehen von Straftatbeständen, die sich bisher immer noch durch die gesamte Gesellschaft ziehen,zu einer grundsätzlicheren Frage: Weshalb sind Kapitalisten offensichtlich gerade zu uns in Deutschland so böse? Mit unserem besonders kultivierten Gerechtigkeisempfinden kann man sich,wenn man schon nicht weiß wohin, ja dann nur noch in die Utopie (also nach links) retten.
    Es liegt wohl nicht zuletzt auch daran,daß Politiker, Wirtschaftsethiker, Attac-Vertreter und ähnliche ständig und mit wachsender begeisterung der bevölkerung allseits beliebte Flausen und schönste Erwartungen in den Kopf setzen und diese hingebungsvoll pflegen. Obwohl in der Unternehmensführung diesen Leuten keiner etwas vormachen könnte,ziehen sie es doch vor, sich zu einem guten Teil vom Steuerzahler aushalten zu lassen. Deshalb möchte ich vielleicht an einen Zusammenhang erinnern: Ohne Profit keine Steuern, auch nicht vom Arbeitnehmer.Der geliebte Sozialstaat wäre im Eimer. Das ist auch Moral!

  • 23.02.2008, 02:21 UhrAnonymer Benutzer: Michel

    GG Art 14.2:(Helmut 26.01.08:Nokiaartikel)
    "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. "

    Hans-Werner Sinn:
    "Das Kapital strebt stets zum Ort der höchsten Rendite"

    Daimler-Aufsichtsratschef bischoff:
    "Dass Wettbewerb auf Märkten nichts anderes bedeutet,als menschlichen Eigennutz in einen Wohlstandsgewinn für alle
    umzuwandeln,und dass genau hierin die moralische Rechtfertigung der Marktwirtschaft besteht?" „Good Corporate Citizen“

    Trumpf-Chefin Leibinger-Kammüller:
    "Ganz anders als in den USA, wo die Leistung des Unternehmertums für die nationale Geschichte differenziert gewürdigt
    und der Typ des Unternehmers den Schulkindern geradezu als gesellschaftliches Leitbild vermittelt wird."

    Wirtschaftsethiker Peter Ulrich:
    " Reale Freiheit hat in einer modernen Gesellschaft auch etwas mit Kaufkraft zu tun."
    Fazit:
    EU nimmt ,wie empfohlen, die USA als Vorbild und spricht mit Herrn Aloys Prinz von und zu Liechtenstein über Länderfinanzausgleich.

    Daimler AG baut zielführend ein Tatü-TATA made in Germany für 3460Euro.Hartz iV Empfänger vergisst dann gern seinen Urheber, wird smart und spart.
    So beflügelt Herr bischoff mit kaufbaren Retails das Land der binnenkonjunktur und seine Eigentümer, denen er sich verpflichtet sieht, durch Nachhaltigkeit.

    Großer deutscher Spargroschen reinvestiert wegen internationaler Steuer-bill und Giftmüll-Unbill repatriiert als scheues Reh brav im Ländle.
    Professor Sinn behielte wie immer Recht und Unrecht.
    Schließlich hat er uns das Ausmaß vorgerechnet.

    Folge wäre die blühende Landschaft, Hartz unter Minilohn und staatliche Sozialhilfe nicht in Geschäftsmodellen.
    Eine Zivilgesellschaft hätte in dieser Sache auch Herrn Zumwinkel zu danken.
    Warum erst die Schweizer rufen, damit alles wie ein Uhrwerk läuft?
    Vor allem sparten wir uns die delikate Frage des Primates: Wirtschaft in Gesellschaft oder "vice versa".

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