Zeitdruck im Job: 20.000 Blitzentscheidungen pro Tag

Zeitdruck im Job: 20.000 Blitzentscheidungen pro Tag

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Susanne Klatt, 34, Wachabteilungsleiterin

Zeitdruck gehört zum Arbeitsalltag. Die Folge: Wir müssen oft blitzschnell entscheiden. Wie Sie die beste Lösung finden.

Und?! Haben Sie schon einen Plan, wie Sie die nächsten elf Minuten verbringen? So lange brauchen Sie für diesen Text. Alternativ könnten Sie: E-Mails checken (30 Sekunden), mit Ihrem Kollegen einen Streit anfangen (zwei Minuten), ein Kündigungsschreiben aufsetzen (drei Minuten), die Tür zuknallen (zwei Sekunden), einen Urlaubsantrag stellen (eine Minute), Ihren Projektvorschlag noch mal durchgehen (drei Minuten) und hätten dann immer noch eine Minute und 28 Sekunden übrig – etwa um ins Frühstücksbrötchen zu beißen und die Ordner wieder aufzuheben, die umgefallen sind, als Sie die Tür zugeworfen haben.

Na, noch da?

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20 Sekunden sind um, in denen Sie Ihrer Karriere eine andere Wendung hätten geben und Ihren Hunger hätten stillen können; Sie haben mindestens acht Entscheidungen getroffen; vielleicht sogar neun, wenn Sie beim Brötchen zwischen Käse und Salami wählen konnten. Aber Sie haben weitergelesen. 

„Rund 20 000 Entscheidungen treffen wir täglich“, sagt der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel, „die meisten davon blitzschnell.“ Das fängt mit dem Aufstehen an: Kaum hat Ihr Wecker zum ersten Mal gepiept, landet Ihr Zeigefinger wie von selbst auf der Snooze-Taste. Sie entscheiden: noch fünf Minuten Dämmerschlaf! Doch das bedeutet weniger Zeit fürs Frühstück – also verzichten Sie auf eine zweite Tasse Kaffee. Wenn die Ampel auf Gelb springt, zögern Sie keine Sekunde, sondern geben richtig Gas. 

Viele dieser Spontanurteile treffen Sie unbewusst: Herrn Schmitz am Empfang wie jeden Morgen grüßen; erst die E-Mails lesen, dann die Hauspost. Andere Entscheidungen treffen Sie bei vollem Bewusstsein: Frau Meier ein Kompliment machen! Dem Kollegen im Meeting ins Wort fallen! 

Gerade im Job geraten wir immer wieder in Situationen, in denen wir blitzschnell entscheiden müssen, ohne es wirklich zu wollen: Die PowerPointpräsentation stürzt ab, alle schweigen und schauen erwartungsvoll her. Wäre schön, wenn Ihnen jetzt eine Erklärung oder ein Scherz einfallen würde.

Wollen Sie weiterlesen?

Noch mal: Sind Sie sicher, dass Sie weiterlesen wollen? Wollen Sie mehr darüber erfahren, welche Rolle Erfahrung und Routine bei Blitz-Entscheidungen spielen? Oder in welche Fallen Sie tappen können? Und sind Sie bereit, das klingelnde Telefon, das piepende E-Postfach sowie die Tages-To-Dos, die Ihr Unterbewusstes währenddessen immer wieder an die Oberfläche spült, für die verbleibenden neun Minuten zu ignorieren? Auch wenn Sie gerade im Büro sitzen?

Respekt. Denn nicht nur in Extremjobs wie Feuerwehrmann, Polizist oder Fluglotse (siehe Fotos) gehören Blitz-Entscheidungen zum Alltag. Gerade im Büro stehen Sie mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 60 Prozent unter Zeitdruck. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ermittelt. Als Disponent müssen Sie heute womöglich noch Warenströme um plötzlich auftauchende Hindernisse lenken, als Einkäufer in Windeseile das beste Angebot auswählen, als Personaler aus zig Bewerbungen die besten Kandidaten auswählen. 

Weil sie so wichtig ist, wird Entscheidungsfreude heute schon in Assessment-Centern abgeprüft. In der klassischsten Form, der Postkorb-Übung, müssen Bewerber fix entscheiden, welche Aufgaben sie als Erste erledigen: den Kunden anrufen, bevor er seine Bestellung zurückzieht? Einen Streit klären, bevor er eskaliert? Oder die Ehefrau im Krankenhaus besuchen, bevor die mit dem Chefarzt durchbrennt? 

Die Zeiten, in denen man sich genüsslich zurücklehnen konnte, bevor man eine Entscheidung fällt: vorbei. Tiemo Kracht, Geschäftsführer der Kienbaum Executive Consultants, macht dafür zwei Entwicklungen verantwortlich: zum einen den Trend zum Lean Management, der Führungskräfte dazu zwinge, sich mit immer mehr operativen Entscheidungen zu beschäftigen. Zum anderen seien die modernen Kommunikationsmittel schuld: „Weil Fach- und Führungskräfte stets und überall per Handy oder Blackberry erreichbar sind“, sagt Kracht, „gibt man ihnen keine Gnadenfrist mehr. Fast zeitgleich wird mit der Anfrage auch eine Entscheidung erwartet.“ 

Diese Blitz-Entscheidungen können zum Problem werden. Und manchmal sollen sie das sogar: Der US-Psychologe Robert Cialdini sieht in der gezielten Verknappung von Zeit eine Strategie, um sein Gegenüber zu Spontanurteilen zu zwingen. Motto: Wer bei seinem Gegner Fehler provozieren will, der setze ihm eine Deadline. 

Bestes Beispiel sind zeitlich begrenzte Sonderangebote oder Auktionen. Auch in Verhandlungen wie Tarifstreits oder Übernahmegesprächen wird Zeitdruck eingesetzt: „Wenn Angebote vorgelegt oder Forderungen gestellt werden, muss die Gegenseite schnell entscheiden, ob sie annimmt oder anders reagiert“, sagt Martin Schilling, Geschäftsführer des Berliner Decision Institute, das Verhandlungen analysiert und simuliert. 

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